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Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© reuters Lupe
Peter Wawerzinek hat sich seine Verzweiflung als Heimkind von der Seele geschrieben.
Sprengstoff Mutter
Peter Wawerzineks Roman "Rabenliebe"
Er ist Heimkind. Seit mehr als 50 Jahren quält sich Peter Wawerzinek mit der Frage, warum ihn seine Mutter verlassen hat. Sie floh in den Westen und ließ den damals Zweijährigen allein in der DDR zurück. Das Gefühl der Verlassenheit wurde Peter Wawerzinek zum Lebensthema. In seinem Roman "Rabenliebe", der den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 erhalten hat, wird seine Mutter-Sehnsucht zum Sprengsatz.
Peter Wawerzinek ist das Kind von der Ostsee. Der Schriftsteller ist rastlos, bockig, grüblerisch - einer, der nirgends dazugehört. Das Meer war für ihn immer eine Art Mutter. Seine eigene Mutter war nie da. "Da gab es nur noch dieses eine Thema, das nicht abgehandelt war", erinnert sich Wawerzinek, "dass ich mit um die 50 meine Mutter nie gesehen habe." Ihre Abwesenheit war wie ein schwarzes Loch, das er mit Schreiben füllt: Zehn Jahre arbeitet er wie besessen an "Rabenliebe". Es ist seine und eine deutsche Geschichte.

Wawerzineks Mutter verließ - wie viele andere - Ostdeutschland noch vor dem Bau der Mauer, folgte ihrem Mann 1956. In der Rostocker Wohnung hinterließ sie Topfpflanzen - und ihre beiden Kinder, halb verhungert. Es war der Beginn einer Karriere von Heim zu Heim. Peter und seine Schwester wurden durch das DDR-Heimsystem getrennt. Wawerzinek landet im Kinderheim "Jenny Marx" im Ostseebad Rerik. Der Kleine bleibt stumm, er findet keine "Muttersprache" und beginnt erst mit vier Jahren zu sprechen. Das Kind fällt in Ohnmacht ohne ersichtlichen Grund, es kreist um ein leeres Zentrum.

Die Hoffnung auf Mutter und Vater
© reuters Lupe
Beim Bachmann-Preis hat er gewonnen.
Erst Jahrzehnte später findet Wawerzinek, der Küstenjunge, dafür Worte: "Ich bin ein ramponiertes Kind, ein untauglicher Kahn", schreibt er. Das Heimkind braucht dringend Halt und sucht ihn in der Fantasie. "Dann muss ein Ersatz her für die Teddyliebe, für die Puppenliebe", sagt der Autor, "der mehr ist als ein Spielzeug, der mehr Hoffnung, mehr Sehnsüchte aufsaugen kann. Das heißt also: 'Ich werde von meiner Mutter abgeholt!' Oder: 'Eines Tages wird mein Vater breitbeinig in der Tür stehen und einen langen Schatten werfen und mit seinen Händen nach mir greifen und mich hier rausholen!'"

Peter, das Heimkind, überlebt durch Erfindung: "Mutter-Simulationen", "Mutter-Ersatz" und "Mutter-Mogelpackungen" nennt er das. Als erste ist die Heim-Köchin dran: Sie, die Gemütliche, will Peter tatsächlich adoptieren. Aber letztlich scheitert die Adoption. Erst die kinderlosen Wawerzineks nehmen den zehnjährigen Peter auf. Er war linientreuer Lehrer, sie gelangweilte Hausfrau."Ich spiele in meinem Adoptionskäfig das folgsame Adoptionsvögelchen", schreibt Wawerzinek über diese Zeit. Geborgenheit? Fehlanzeige. Und immer wieder die Frage: Wer, wo ist Heimat? Die Frage lässt ihm keine Ruhe. Nach Jahrzehnten ist er mit uns an seinem Ex-Kinderheim in Rerik. Staunend wie ein Kind tastet er sich voran. Heute ist es eine Jugendherberge. Die meisten Erinnerungen - von den Renovierungen, vom Leben weggespült. Das Gefühl der Entfremdung.

"Da bist du ja!"
Vor einigen Jahren fasst er seinen ganzen Mut. Er erfährt, wo seine Mutter lebt: im Süden Deutschlands. Er fährt hin - als Sohn, als Schriftsteller. Er will die Mutter einmal sehen und ruft vorher an. "Da bist du ja", sagte sie, als ob nichts gewesen wäre. Er erfährt, dass er weitere acht Geschwister hat, im Westen geboren. Fassungslos starrt er auf den Kuchen, den sie ihm anbietet: Fabrikgebäck. "Es ist wirklich irre, dass meine Mutter nicht belangt wird", sagt Wawerzinek, "dass sie weiter da unten leben kann, dass ich darüber schreibe. Und da ist keiner, der sich dafür interessiert. Sie hat sich schließlich an zwei Kindern vergangen."

Die Wut, den Hass, die Muttersehnsucht hat er sich von der Seele geschrieben. Ein weiteres Treffen wird es nicht geben, sagt Wawerzinek. Was bleibt, ist das Gefühl der Unerfülltheit als Sohn. Aber als Autor hat er dieser "Rabenliebe" einen großen Roman abgewonnen: eine Ballade des Scheiterns. "Die Mutter wird es nicht lesen", sagt er. "Nicht mal heimlich, um dann zu sagen: Nein, ich habe es nicht gelesen. Ich glaube, sie wird auch für keine weiteren Fragestellungen zur Verfügung stehen." "Es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen", schreibt Wawerzinek. Er hat zu dem gefunden, was er ist: niemandes Kind.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© GalianiLupePeter Wawerzinek
"Rabenliebe"
Galiani 2010
ISBN-13: 978-3869710204
ARD-Mediathek
Der Beitrag von Brigitte Kleine in der ARD-Mediathek
Mediathek
© reutersVideoIngeborg-Bachmann-Preis 2010:
Porträt Peter Wawerzinek