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PORTRÄT
Tina Mendelsohn
Der interaktive Charakter des Fern-
sehinterviews reizt Tina Mendelsohn immer wieder. Idealerweise entwickelt sich dort ein Gespräch mit einem echten Erkenntnisgewinn, sagt sie.
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© ap Lupe
Jugendliche wollen wissen: Wie funktioniert Sex? Was ist normal?
Porno-Kids
Johannes Gernert über Jugend, Sex und Internet
Pornos, hart und roh, bieten einen unverblümten Blick auf den reinen Akt, lange vor der ersten Liebe. "Die Jugend verroht", schreien die einen und warnen vor moralischem Zerfall. "Halb so wild", sagen andere und plädieren für sexuelle Freizügigkeit. Dieser emotionalisierten Diskussion setzt der Berliner Autor Johannes Gernert das Buch "Generation Porno" entgegen - eine Bestandsaufnahme über Jugend, Sex und Internet.
"Das Problem in dieser Debatte ist oft, dass sie von Sozialpädagogen und Pastoren geführt wird", sagt Johannes Gernert, "von Leuten die jenseits der 40 sind und sich als Eltern Sorgen machen, was vollkommen legitim ist. Aber relativ lange wurden keine Jugendlichen gehört." Gernert nimmt die Jugendlichen ernst. Ohne moralischen Zeigefinger versucht er zu verstehen, wie und warum Jugendliche Pornografie konsumieren, welche Bilder sich in ihrem Bewusstsein festsetzen, wie Pornografie auf ihre Entwicklung wirkt und was sie darin suchen.

ZDF-Studie

Auf der Suche nach Wissen
"Jugendliche schauen Pornos aus Gründen der sexuellen Erregung", so Gernert. "Der zweite Punkt ist Information. Jugendliche haben ein Informationsbedürfnis und wollen wissen, wie so etwas geht, was da überhaupt los ist, weil sie es noch nicht selbst erfahren konnten." Vielen Jugendlichen gemeinsam ist die Erfahrung, allein gelassen zu sein - quer durch soziale Schichten und Erziehungsmuster. Sie suchen nach Wissen, nach Erfahrungen und Vorbildern. Die Bilder der Wirklichkeit laufen nicht synchron zu den Bildern im Kopf, wenn man sich verliebt, wenn sich Körper begegnen.

"Natürlich kann man heutzutage sehr viel Pornografie im Netz sehen", sagt Gernert. "Man kann dort auch explizite Szenen sehen, und manche denken darüber nach, was das für sie selbst bedeutet. Das heißt, hätte ich vielleicht auch schon Sex haben müssen, wenn ich jetzt 16 oder 17 Jahre alt bin? Läuft bei mir irgendetwas falsch?" Stars und Idole verniedlichen Pornografie in den Medien. Der Pimp, der Zuhälter, ist ein cooler Obermacker mit unbegrenzt verfügbarem Frischfleisch. Pornografie ist krasse Fiktion: Frauen wollen immer, Männer können immer, immer rein und raus, schnell und möglichst lange.

Neue Fragen zum Thema Sex
Auch der Sexualpädagoge Lukas Geiser von der Beratungsstelle "Lust und Frust" hat bei seiner Arbeit mit Jugendlichen eine Entwicklung festgestellt. "Die Fragen haben sich verändert", sagt Geiser. "Es gibt neue Fragen, die vor zehn Jahren noch nicht da waren. Das ist nicht schlecht, wenn die Jugendlichen diese Fragen stellen können. Aber dass ein Wandel passiert ist, dass neue Bilder entstanden sind im Zusammenhang mit Sexualität und Jugendlichen, die vorher nicht da waren, das ist eine Realität." Was sind die wichtigsten Sexstellungen? Spritzen Männer weiter als Frauen? Ist Sex auch Sport? Ist Analsex gesund? Fragen wie diese zeigen, wie weit Bilder, Wissen und eigene Erfahrung auseinander klaffen.

Die Jugendlichen hätten, so Geiser, oft genaue Vorstellungen, wie Sex funktionieren müsste. "Wenn man mit Jungs arbeitet und fragt: Wie müsste denn ein erstes Mal für Euch sein? Dann kommen oftmals ganz weiche Fakten zum Thema Sexualität", berichtet der Sexualpädagoge. "Ich wünsche mir, dass es romantisch ist, dass beide das wollen, dass das an einem schönen Ort ist, Kerzen - das sind Antworten, die dann kommen. Die Jungs sind gespalten zwischen dem Bild, das sie von idealisierter Sexualität haben, und dem Bild, das sie aus der Pornografie kennen." Die Medienflut ist eine Herausforderung. Gleichzeitig werden die Jugendlichen in ihrer Medienkompetenz eher unterschätzt. Denn die meisten von ihnen können unterscheiden zwischen Fiktion und Realität.

Keine Tabus
"Pornografie ist in Medien, Kunst und Kultur omnipräsent", so Johannes. "Aber wirklich ernsthaft darüber reden tun wenige. Man macht Pornowitze, aber sich wirklich ernsthaft mit Freunden oder Kollegen darüber zu reden, dass man Pornografie konsumiert, das tun die wenigsten." Und Lukas Geiser sagt: "Wichtig ist, dass man es nicht tabuisiert. Wenn man es tabuisiert, dann kommen wir in große Schwierigkeiten. Nämlich, dass Jugendliche keine Fragen mehr stellen." Die Experten sind sich einig: Die frei verfügbare Pornografie richtet dann den größten Schaden an, wenn sie uns sprachlos zurücklässt - hinter verschlossenen Türen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© FackelträgerLupeJohannes Gernert
"Generation Porno - Jugend, Sex, Internet"
Fackelträger 2010
ISBN-13: 978-3771644390