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© Kunstmann Lupe
Der Journalist Fabrizio Gatti ließ sich in die "Festung Europa" einschleusen.
Illegaler undercover
Fabrizio Gatti ließ sich nach Europa einschleusen
Fabrizio Gatti wollte wissen, wie die Menschen aus Afrika in seine Heimatstadt Mailand kommen, um dort illegal zu leben. Und wo sie verläuft, diese "Flüchtlingspiste" durch die Wüste, die für viele mit dem Tod auf dem Mittelmeer endet. Gatti wurde freiwillig zum Flüchtling und zum Sklaven. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa" niedergeschrieben.
"Ich wollte mir ihrer Situation bewusst werden, auch körperlich das Gleiche durchmachen", sagt Fabrizio Gatti, "und ein Zeichen gegen unsere Ignoranz setzen." Um Missstände aufzudecken, habe er sein Buch "Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa" über die schwierigste Recherche seines Lebens geschrieben. Er reiste zunächst nach Niger, dorthin wo die Flüchtlingstrecks starten. Er überredete Schleuser, ihn mitzunehmen, und so saß er irgendwann selbst eingepfercht auf den LKW. Die Fahrt - eine Tortur.

Todesgefahr und Riesengeschäft
"Wenn die Militärs kamen, mussten wir absteigen, uns in den Sand knien, mit den Händen hinter dem Kopf", berichtet Gatti. "Die Militärs wollten Geld, viele meiner Weggefährten wurden brutal geschlagen. Wir mussten alles befolgen, sonst hätten sie uns erschossen. Ich hatte den Vorteil, dass ich sie zumindest mit Medikamenten bestechen konnte." Der Journalist ist in Todesgefahr und doch macht er weiter und findet heraus, welch Riesengeschäft hinter dem Flüchtlingsdrama steckt. 150 Euro kostet die Fahrt von Niger bis Libyen, oft reisen 200 Menschen auf einem LKW. Bei 15.000 Flüchtlingen pro Monat macht das einen Reingewinn von 1,5 Millionen Euro für die Schleuser.

Warum wollen die Menschen auf den LKW unbedingt weg? Gattis Bericht liefert Antworten von Akademikern, die von 40 Dollar im Monat leben müssen, von Frauen, die sich in Afrika für weniger als einen Euro prostituieren müssen. Und immer wieder trifft er auf Bürgerkriegs-Flüchtlinge. Alle sind auf dem Weg in Gaddafis Schreckensstaat Libyen, weil man von dort aus am schnellsten nach Europa kommt. Ausgerechnet Libyen, gegen das die EU bis 2003 ein Embargo verhängt hat. Wie kann es sein, fragte Gatti, dass Gaddafi seit 2008 von Italien dafür bezahlt wird, dass er das Flüchtlingsproblem in den Griff kriegen soll?

Zurück in die Wüste
"Italien und auch Deutschland hatten ein großes Interesse daran, dass das Embargo aufgehoben wird", sagt Gatti. "Seitdem importieren beide Länder einen großen Teil ihres Öls aus Libyen. Und seitdem die libyschen Erwartungen erfüllt werden, kommen keine Flüchtlinge mehr auf direktem Weg in Italien an." Denn seit Gaddafi sich um das Flüchtlingsproblem "kümmert", sinken in der Tat die Zahlen derer, die im Mittelmeer sterben. Gestorben wird jetzt in der Wüste, denn dorthin schicken Gaddafis Schergen die Flüchtlinge zurück. Oder in den Folterknast, wie Gatti vor Ort recherchierte. Und die, die es trotzdem nach Europa geschafft haben? Bilal, alias Fabrizio Gatti, landet 2005 in Europa, im Haftlager von Lampedusa und sieht in das hässliche Gesicht Italiens.

"Minderjährige Muslime wurden gezwungen, sich Pornos anzuschauen", sagt Gatti. "Wir wurden gezwungen, in mit Fäkalien und Urin völlig verdreckten Räumen zu leben. Und wir wurden brutal geschlagen." Als Bilal aus Lampedusa entlassen wird, wird ihm die Auflage gemacht, Italien zu verlassen. Doch kein Illegaler tut das, schreibt Gatti, statt dessen heuert er bei einem italienischen Arbeitgeber an. Und was das bedeutet, hat Gatti undercover als Illegaler auf Tomatenfeldern in Süditalien erfahren: Er arbeitet für einen Hungerlohn, rechtelos - als moderner Sklave. "Ein illegaler Arbeiter riskiert vier Jahre Haft, nur weil er illegal ist", so der Journalist. "Der italienische Unternehmer aber, der ihn ausbeutet, kommt mit einer kleinen Geldstrafe davon. Von diesem Gesicht Europas will ich in meinem Buch erzählen." "Bilal" ist Fabrizio Gattis erschütternde Reportage über seine lange Reise in die "Festung Europa". Es ist die glänzende Analyse eines Journalisten, der sich nicht damit begnügt, das Drama zu schildern, sondern mit seinen Fragen an unsere Verantwortung appelliert.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© KunstmannLupeFabrizio Gatti
Übersetzung: Friederike Hausmann und Rita Seuß
"Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa"
Kunstmann 2010
ISBN-13: 978-3888975875
ARD-Mediathek
Der Beitrag von Stefanie Appel in der Mediathek der ARD