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Lupe
Als Marsmensch verkleidet, fragt Hanna Poddig Passanten nach ihrer Meinung zur Atomenergie.
Aktivistin von Beruf
Hanna Poddigs "Anleitung zum Anderssein"
Mit 23 Jahren hat man noch Träume, wie den von einer besseren Welt. Hanna Poddig kämpft mit allen Mitteln gegen Atomkraft, Sexismus, Umweltzerstörung und andere Ungerechtigkeiten. Ihr Buch "Radikal mutig" gibt Tipps für ein Leben im Protest.
Eine junge Frau gegen die Bundeswehr. Im Februar 2008 kettet sich Hanna Poddig an Bahnschienen, um einen Transportzug aufzuhalten. Sie hat ein Stahlrohr unter der Schiene befestigt und ihre Handgelenke angeschlossen. Es sit eine Aktion, mit der Hanna Poddig ihre Gesundheit riskiert und mit der sie gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr protestiert. Vier Stunden benötigt die Feuerwehr, um sie zu befreien. Vier Stunden lang sind 112 Waggons mit 332 Bundeswehrfahrzeugen blockiert. Es ist ein Erfolg für Hanna Poddig, die Berufsaktivistin, die Rebellion als Lebensaufgabe sieht.

Die Welt verbessern
Lupe
Poddig sammelt Lebensmittel aus dem Müll.
"Aktivistisches Leben bedeutet für mich, dass ich nicht einen Beruf habe, der im weitesten Sinne entfremdet ist", sagt Poddig, "dass ich mit irgendetwas Geld verdienen muss, das ich total zum Kotzen finde, sondern dass ich mich Vollzeit mit Widerstand und Revolution beschäftige." Hanna Poddig ist 23 Jahre alt, bezieht Ökostrom und ernährt sich vegan. Sie hat sich in ihrem Leben nichts weiter vorgenommen als die Welt zu verbessern, Atomstrom zu stoppen, die Abholzung der Regenwälder und Krieg zu verhindern, Sexismus und Faschismus zu bekämpfen. Und weil das alles sehr global ist, fängt Hanna Poddig mit der Weltverbesserung schon direkt vor der Haustür in Berlin an. Vor einem Fast-Food-Restaurant übt sie Kritik an der Massentierhaltung.

"Es geht dabei nicht um das Wohl der Tiere, sondern es geht darum, möglichst schnell möglichst viel Fleisch zu produzieren", erklärt die Autorin. "Die Qualität muss nicht gut sein, sondern muss als Massenware verfügbar sein. Dafür werden Regenwälder abgeholzt und Weideflächen für die Tiere geschaffen, die in kurzer Zeit mit Hilfe von sehr vielen Medikamenten sehr ungesund groß werden, um geschlachtet zu werden und billiges Fleisch zu liefern." Auch vor einem Berliner Handyladen gibt es direkte Verbindungen zu globalen Ungerechtigkeiten. "Für das Coltan, was vor allem in Handys ist, werden Rohstoffe benötigt, die unter anderem im Kongo lagern. Da tobt ein Bürgerkrieg um diese Rohstoffe. Das heißt, jedes Handy, was gekauft wird, befeuert auch diesen Bürgerkrieg. Was jetzt nicht heißt, das die Leute ganz ohne Handy leben sollen, sondern, dass man überlegen sollte, ob man alle halbe Jahre ein neues Handy braucht oder ob es das alte nicht noch tut."

"Meine Utopie ist eine herrschaftsfreie Welt"
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Hanna Poddig
Hanna Poddig ist radikal in ihren Ansichten und ihrer Lebensweise. In der U-Bahn bezahlt sie nicht, weil sie es eine Frechheit findet, wenn Milliarden für die Rettung von Banken ausgegeben werden und gleichzeitig Hartz-IV-Empfängern Geld für Fahrkarten abverlangt wird. Es ist ein Empfinden für die Ungerechtigkeiten in der Welt, das Hanna Poddig seit Jahren umtreibt. Schon ihre Eltern haben sie auf Demonstrationen mitgenommen. 2004 verzögert sie zusammen mit anderen Robin-Wood-Aktivisten einen Atommülltransport aus dem sächsischen Rossendorf. "Ich kann das nicht auf einen Punkt reduzieren", sagt Poddig. "Ich kann nicht sagen, ich bin nur gegen Atomkraft oder nur gegen Sexismus oder nur gegen Umweltzerstörung. Für meinen Eindruck greifen da ganz viele Mechanismen ineinander. Ich lehne Herrschaft ab. Ich führe viele Dinge, die passieren, auf Herrschaftsmechanismen zurück. Meine Utopie ist die einer herrschaftsfreien Welt."

Hanna Poddig hat nie außerhalb ihres Protestumfelds gelebt. Sie fährt quer durch die Republik zu Protesten, Straßenblockaden, Kletteraktionen. Um ein Leben führen zu können, das vom Staat unabhängig ist, hat sie spezielle Strategien entwickelt, wie beispielsweise möglichst ohne Geld zu leben, Sachen zu tauschen und zu "containern", also sich Lebensmittel aus dem Müll zu holen. "Lebensmittelmärkte schmeißen sehr viele Lebensmittel weg, obwohl sie in einem sehr guten Zustand sind", so Poddig, "weil sie entweder keine Lagerkapazitäten dafür haben und eine neue Lieferung kam oder irgendetwas daran so ist, dass sie finden, dass sie es nicht mehr verkaufen können und mehr Gewinn machen, wenn sie neue Produkte ins Regal stellen."

Konsumgewohnheiten in Frage stellen
"Radikal mutig - meine Anleitung zum Anderssein", heißt ihr Buch. Manches wirkt radikal, manches naiv. Wie die Forderung, Polizei und Staat abzuschaffen. Und doch ist es in ihrem eigenen Wertesystem nur konsequent. Hanna Poddig weiß aber auch, dass ihre Vorstellungen vom Leben für die meisten Menschen nicht praktikabel sind. "Ich glaube, bei vielen Bereichen ist es so, dass Leute mir diffus zustimmen, aber eigentlich ab einem gewissen Punkt gar nicht mehr weiterdenken wollen, weil es zu viele Konsequenzen für sie hätte", sagt sie. "Würde man sich klar machen, das der bessere Kühlschrank und das spritsparende Auto eigentlich nicht reichen, um das Klima zu ändern, dann müsste man viele Konsumgewohnheiten in Frage stellen, müsste man sogar den eigenen Beruf in Frage stellen, vielleicht müsste man Urlaubsgewohnheiten in Frage stellen. Das ist mehr, als nur einen neuen Kühlschrank zu kaufen und dafür vielleicht 100 Euro mehr in die Hand zu nehmen."

Weil Hanna Poddig den Politikern nicht vertraut, hält sie es für sinnlos, an deren Verantwortungsgefühl zu appellieren. Lieber besetzt sie zusammen mit Gleichgesinnten 2006 das Brandenburger Tor, um mit einem "Kohle killt Klima"-Transparent Aufsehen zu erregen. "Für mich bedeutet dieses Anarchistisch-Sein, dass ich nicht appelliere und in meinen Aktionen aufpasse, dass ich nicht das System, was ich eigentlich ablehne, unterstütze durch das, was ich tue", so die Autorin. "Das heißt, ich werde keinen Appell an den Bundestag schreiben und werde nicht sagen: Frau Merkel, bitte retten Sie das Klima! Sondern ich werde sagen, wir müssen was gegen Frau Merkel tun, denn sie wird das Klima nicht retten."

Und so macht die Vollzeitaktivistin unverdrossen weiter - jeden Tag aufs Neue. Auf dem Berliner Alexanderplatz befragt sie als Marsmensch verkleidet Passanten nach deren Meinung zur Atomenergie. Das möchte Hanna Poddig ihr ganzes Leben lang tun, sich für eine bessere Zukunft einsetzen. Vielleicht geben ihre Aktionen einen kleinen Anstoß zum Umdenken, zum Ändern von Konsumgewohnheiten, und sind damit ein kleiner Schritt zur Welt, wie sie Hanna Poddig vorschwebt.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© RotbuchLupeHanna Poddig
"Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein"
Rotbuch 2009
ISBN-13: 978-3-86789-085-4
Lesung
Hanna Poddig liest aus "Radikal mutig":
06.12.2009:
Lüchow, Buchhandlung Durchblick
29. und 30.01.2010:
Stuttgart, Open Fair, WeltStattMarkt
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