kulturzeit
Kalender
Dezember 2018
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
26
27
28
29
30
01
02
0304050607
08
09
1011121314
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
06
Vertrocknete Felder sieht man nicht mehr nur in Afrika, sie drohen auch Europa.
Auf dem Trockenen
Wer ernährt in Zukunft die Welt?
Können Sie sich angesichts der derzeitigen Lebensmittelpreise vorstellen, dass die Welternährung zusammenbricht? Für eine Milliarde Menschen ist das schon passiert: Sie hungern. Wilfried Bommerts Buch "Kein Brot für die Welt - Die Zukunft der Welternährung" macht unmissverständlich und faktenreich klar: Die Lebensmittelpreise werden explodieren - wie die Ölpreise.
Sicher ist, dass die Klima-Erwärmung den Hunger vor unsere Haustür tragen wird. Es sieht aber so aus, dass beim Klimagipfel in Kopenhagen 2009 nicht einmal das Notwendigste beschlossen wird, um die Erwärmung nicht noch zu beschleunigen. Wie sieht die Bedrohung aus? Die Anzeichen dafür sind da - auch bei uns. Wir müssen nur hinschauen und uns erinnern, zum Beispiel an das Jahr 2003. Im Sommer 2003 herrscht in Europa drei Monate lang dramatische Hitze. Spanien und Portugal werden von nie dagewesenen Feuern heimgesucht. Italiens öffentlicher Transport kollabiert: Stromausfall im ganzen Land. In Frankreich brechen Tausende unter der Hitze zusammen. Es herrscht Notstand in den Krankenhäusern.

Naturkatastrophe in Europa
© Wilfried Bommert Lupe
Umweltjournalist Wilfried Bommert hat fünf Kontinente bereist.
2003 steigt Europas Sommer-Durchschnittstemperatur um sechs Grad, wochenlang zeigt das Thermometer über 40 Grad an. Die Bilanz: 13 Milliarden Euro Schaden, 35.000 Hitzetote in der EU. Es ist die größte Naturkatastrophe Europas in der Neuzeit - ein Vorbote für Kommendes? War das einfach nur ein heißer Sommer, wie er eben vorkommen kann? Ja, war es, aber wir werden mehr davon bekommen, so der Autor Wilfried Bommert. Südlich der Alpen drohen afrikanische Verhältnisse, warnt er. "Der ganze Mittelmeerraum wir im Prinzip klimatisch aus den Fugen geraten. Und dann haben wir eine Differenzierung der Welt, wo es im Süden zu heiß ist, um Nahrungsmittel anzubauen."

Folgenreiche Preiserhöhungen
Der studierte Landwirt und Umweltjournalist Wilfried Bommert hat fünf Kontinente bereist und sprach dort mit Experten und Bauern, mit Politikern und Slumbewohnern darüber, wie sich die Milliarden Menschen in zehn oder 20 Jahren ernähren werden. In Chicago gibt es die größte Getreidebörse der Welt. Was Rotterdam für das Öl ist, ist Chicago für das Brot. Im Frühjahr 2008 stiegen hier monatelang die Getreidepreise an. Es folgten Hungeraufstände überall in der Welt, in Kairo zum Beispiel, wo ägyptische Textilarbeiter die gestiegenen Getreidepreise einfach nicht mehr bezahlen konnten. In Europa blieb es ruhig - noch. Es war wie auf der Titanic, als sie den Eisberg rammte: Oben klirrten zunächst nur die Gläser, aber unten, in der dritten Klasse, brach schon das Wasser ein.

"Ich denke, wenn wir über die Frage der Sicherheit der Lebensmittel nachdenken, müsste man über die Sicherheit der Welt nachdenken", so Bommert. "Eigentlich müsste sich der Weltsicherheitsrat damit beschäftigen." Aber der tut es nicht. 2008 kam die Krise. Die globale Megamaschine geriet ins Stottern, die Preise fielen - vorerst auch die für Getreide. Das Buch "Kein Brot für die Welt" fragt nach den fünf Elementen, die über die globale Ernährung entscheiden: Wasser, Klima, Böden, Artenvielfalt und Bevölkerungswachstum. Alles deutet auf den großen Hunger hin. Bommert spricht vom kommenden "multiplen Organversagen" bei der Welternährung.

Tankfüllung statt Lebensmittel
© ap Lupe
Die Erderwärmung verringert in Zukunft die Erträge von Getreide.
Der Kampf ums Getreide wird immer härter. Westeuropa und die USA verbrennen Milliarden Tonnen, um Treibstoff daraus herzustellen. Außerdem wächst die weltweite Lust auf Fleisch rasant. Womit werden die Tiere gefüttert? Mit Getreide. Tierfutter und Benzin verschlingen heute 50 Prozent der globalen Ernte. Gleichzeitig wird gehungert. Mit dem Getreide für eine Tankfüllung könnte man ein Kind ein Jahr lang ernähren. Wir leben in einer obszönen Ordnung: Wenn sich jetzt das Klima um mehr als die magischen zwei Grad erwärmt, dann gibt es eine weltweite Kettenreaktion in der Landwirtschaft. "Wenn es mehr als zwei Grad im Durchschnitt sind, sind wir in einer ganz gefährlichen Situation", sagt Bommert. "Die Forscher sagen, wenn Pflanzen in einem Milieu leben müssen, wo die Temperatur um mehr als zwei Grad steigt, lassen ihre Erträge nach. Bei drei Grad lassen sie so massiv nach, dass man vielleicht nur noch 30 Prozent von dem ernten kann, was man heute erntet."

Unsere Landwirtschaft gilt als hochmodern und hat doch keine Zukunft. Wir ernähren uns von Tieren und Pflanzen, die Turbozüchtungen sind, hochproduktiv, aber anfällig. "Was wir in den letzten 40 Jahren auf den Feldern und in den Ställen geschaffen haben, sind überwiegend Monokulturen", erklärt Bommert. "Das heißt, wir fahren eine Landwirtschaft auf ganz hohem Leistungsniveau aber mit ungeheuren Risiken des Totalverlusts." Diese Art Landwirtschaft erzeugt zudem Armut und Hunger im Rest der Welt. Die EU überschwemmt Afrika unter anderem mit subventioniertem Geflügelfleisch. Die USA werfen Millionen Tonnen subventionierte Baumwolle nach Asien. Für die Bauern vor Ort ist das der Ruin.

Wissen um die Zeitbombe
Jean Ziegler war acht Jahre lang UN-Berichterstatter für Ernährung. Auch er warnt in seinem Buch "Der Hass auf den Westen" vor den Konsequenzen. "Zwei Drittel der Menschheit lebt in der südlichen Hemisphäre, wird beherrscht von der kannibalischen Weltordnung, die die westlichen Konzerne diesem Planeten aufzwingen. Einer der skandalösesten Aspekte ist der Hungertod", sagt Ziegler. Angesichts dieser unhaltbaren Weltordnung wird das dramatische Wachstum der globalen Bevölkerung zu einer Zeitbombe. In Afrika entstehen mehr und mehr Megastädte ohne Infrastruktur, ohne Arbeit, ohne Ernährung. Sie werden zum Aufmarschgebiet gegen den Norden.

"Die Leute, die dort groß werden, sind im Schnitt 20 Jahre alt, davon die Hälfte Männer", so Bommert. "Was werden die machen? Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, werden auswandern. Spätestens dann werden Europa und Nordamerika merken, dass die Welt eine Kugel ist." Die Probleme werden keinen Halt machen vor Systemen, Grenzen und Armeen. Man wird sehen, ob der Anstoß für Veränderungen vom Aufstand der westlichen Zivilgesellschaften kommt oder aus den Elendsvierteln dieser Welt. "Es kann kein Mensch in Berlin, Paris, Genf oder Wien behaupten, er hätte nichts gewusst vom täglichen Massaker des Todes", sagt der Umweltjournalist. "Und deshalb gibt es auch keine Entschuldigung, nichts zu tun."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© RiemannLupeWilfried Bommert
"Kein Brot für die Welt - Die Zukunft der Welternährung"
Riemann 2009
ISBN-13: 978-3570501085
Schwerpunkt
Global brutal?
Kulturzeit berichtet über die Folgen der Globalisierung
mehr zum Thema