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© ap Lupe
William Shakespeare: War er wirklich der berühmte Dichter?
Der andere Shakespeare
Wer war der große Dichter?
William Shakespeare ist für viele ein Genie. Seit 200 Jahren rätselt die Wissenschaft über die wahre Identität des Dichters. Jetzt legt der Autor Kurt Kreiler neue Indizien vor, die zeigen wollen: William Shakespeare war ein anderer. Es war der Earl of Oxford, der unter dem Pseudonym Shakespeare schrieb.
Von William Shakespeare, dem vielleicht größten Dichter aller Zeiten, hat kein persönlicher Brief, kein Manuskript die Zeiten überdauert, nur ein letzter Wille, nüchtern formuliert. Keine Frage, Shakespeare hat gelebt, davon zeugt sein Tod. Aber hat er auch gedichtet? Wer war Shakespeare - und wenn ja, wie viele? Der Kölner Literaturwissenschaftler Kurt Kreiler ist angetreten, die Millionenfrage zu klären. Jetzt legt er Zeugnis ab: Shakespeare war ein anderer.

Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford
"Das Bild, zu dem ich gekommen bin, besitzt keine Widersprüche", erklärt Kreiler. "Das heißt, ich bin nicht im geringsten Zweifel über diese Identität." Das Ergebnis seiner Recherche ist ein Thesenstück, so spannend wie ein Krimi. "Der Mann, der Shakespeare erfand" war Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford. Kreiler ist überzeugt, dass der Adlige am Hofe Elisabeths I. der wahre Shakespeare gewesen sein soll, ein sprachgewandter Dichter und Komödienschreiber, der speer-schwingend Turniere ritt - Shake-speare. Doch warum nur sollte Graf Oxford sein Genie hinter einem Pseudonym verbergen?

"Innerhalb des Hofes war es kein Geheimnis, wer die Stücke geschrieben hat", erklärt Kreiler. "Oxford selbst stand auf der Bühne. Aber es wäre als lächerlich und unpassend angesehen worden, hätte ein Adliger zu Lebzeiten Gedichte oder gar Dramen veröffentlicht. Damit hat man gewartet, bis derjenige Tod war und sich in die Ahnenreihe der Klassiker einreihen durfte." Sitzt mit dem Teilzeit-Schauspieler William Shakespeare aus Stratford demnach der falsche Mann auf dem Dichter-Thron? Seit 200 Jahren wird darüber spekuliert.

"Das ist einfach albern"
Wir haben den Shakespeare-Experten Stanley Wells in Stratford-upon-Avon gefragt. Kreilers Recherche ist für ihn reine Zeitverschwendung. "Edward de Vere starb 1604, Jahre bevor die letzten Shakespeare-Stücke überhaupt geschrieben wurden", sagt er. "Das würde bedeuten, dieser Mann hätte bei seinem Tod großartige Werke hinterlassen, nicht gewollt, dass man das weiß und einem anderen die Anerkennung überlassen. Und irgendwie hätten diese Stücke dann auch noch nach seinem Tod den Weg auf die Bühne gefunden. Das ist einfach albern."

In Stratford soll der Dichterfürst als Sohn eines Handschuhmachers geboren worden sein. Zumindest steht das auf einer Tafel, so spötteln Kritiker. Fünf Millionen Besucher jährlich verbucht der Wallfahrtsort im Landhausstil. Das Interesse an alternativen Dichtergenies hält sich entsprechend in Grenzen. Es lebt sich gut mit dem Mysterium. Andere haben Theorien, wir haben sein Grab, gibt sich Stratford siegessicher. In der Tat ein starkes Argument. Entsprechend gelassen gibt sich Stanley Wells und gerät ins sinnieren, ob dem Angriff aus dem Goethe-Land. "Warum verspüren Menschen dieses Bedürfnis an Shakespeare zu zweifeln?", fragt Wells. "Ein Grund ist Snobismus. Die Menschen würden es bevorzugen, wenn ein Aristokrat Verfasser solch großer Werke wäre und nicht ein einfacher Mann, der aus eher bescheidenen Verhältnissen stammt aus Stratford."

"Als Projektionsfläche war Shakespeare wunderbar"
Hollywood und Stratford haben uns von einem jungen Schauspieler mit viel Tinte im Füller, der allein mit Talent und Schulwissen ausgestattet, Standesgrenzen überwindet, träumen lassen. Für Kurt Kreiler ist das eine schöne, aber völlig unhistorische Sicht der Dinge. "Als Projektionsfläche war dieser Shakespeare wunderbar", sagt Kreiler. "Das Bürgertum hat sich darin erkannt, gesonnt und hervorragende Interpretationen seiner Stücke geliefert, aber heute sind wir soweit, das hinter uns lassen zu können." Kreiler, ein bekennender Demokrat, hat die Frage ohne Dünkel klären wollen. Mit detektivischem Gespür ist er noch einmal in die Archive gestiegen, hat Oxfords Briefe und Gedichte studiert, eine Novelle aufgespürt und erstaunliche Hinweise im Briefwechsel von zwei literarischen Zeitgenossen entdeckt.

"Sie titulierten ihn gleichzeitig als Master William, Will Mo Nox, den Taufpaten der Schriftsteller, den Musterungsmeister der Schauspielgruppen, den ersten Orpheus", erklärt Kreiler. "Auch das ist verschlüsselt geschehen, aber das lässt sich zeigen." Was nun, Herr Wells? "Es interessiert mich eigentlich nicht", sagt der Shakespeare-Experte. "Ich verlasse mich nicht auf Mutmaßungen. In den letzten 50 Jahren habe ich so viel Unsinn gelesen, so viele Versuche, dieses oder jenes zu beweisen. Ich habe einfach die Geduld nicht mehr, mich mit weiteren, neuen Versuchen zu beschäftigen."

Kreiler hofft auf die Anerkennung Oxfords
Für Kurt Kreiler ist das keine überraschende Absage. Er hofft nun auf ein geneigteres Publikum und vielleicht auch auf eine Sensation. "Die Anerkennung meiner Arbeit wäre die Anerkennung Oxfords", sagt er. "Denn dieser Mann verdient es, gesehen zu werden. Er, der als bester Komödienschreiber gefeiert wurde, hat nicht Stücke geschrieben, die verloren gegangen sind, sondern die als Stücke Shakespeares seit 200 Jahren als goldene Äpfel über unsere Bühnen rollen. Oxford ist der Baum dazu."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
© InselLupeKurt Kreiler
"Der Mann, der Shakespeare erfand - Edward de Vere, Earl of Oxford"
Insel 2009
ISBN-13: 978-3-458-17452-3