kulturzeit
Kalender
Dezember 2018
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
26
27
28
29
30
01
02
0304050607
08
09
1011121314
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
06
© dpa Lupe
Gefährliche Aufgabe: Bundeswehrsoldaten in Kabul
Vom Krieg gezeichnet
Die Bundeswehrärztin Heike Groos berichtet
Als sie in Kabul zu einem Busunglück gerufen wird, bemerkt Bundeswehrärztin Heike Groos zu ihrem Entsetzen, dass die zum Teil getöteten und schwer verletzten Insassen ihre eigenen Kollegen sind. Als erfahrene Notärztin meistert sie die Situation, doch das erlebte Trauma lässt sie auch zurück in Deutschland nicht wieder los. In dem Buch "Ein schöner Tag zum Sterben" erzählt sie ihre Geschichte.
7. Juni 2003, Jalalabad Road in Kabul: Eine Explosion zerreißt die Stille. Dann die Sirenen von Krankenwagen. "Das erste, was ich sah, war ein Mensch der auf dem Boden lag, zugedeckt mit dieser dünnen Rettungsdecke, Gold auf der einen Seite, Silber auf der anderen, und ein Bein guckte darunter heraus. Und das trug unsere Uniformhose. Unsere Kampfanzughose. Und auch einen unserer Stiefel", sagt Heike Groos. Die Bilder kann sie nicht wieder vergessen.

Nach ihrem Medizinstudium verpflichtet sich Heike Groos als Zeitsoldatin bei der Bundeswehr. Und wird mit Beginn der Afghanistaneinsätze als Notärztin nach Kabul geschickt. "Ich hatte die Erwartung, dass es ein humanitärer Einsatz sein würde", sagt sie. So wie ich mir das vorgestellt hatte, so wurde das auch umgesetzt, einfach durch die Präsenz der Isaf-Truppe in der Stadt."

Selbstmordattentäter sprengt Bus in die Luft
Am 7. Juni 2003 ändert sich alles. Heike Groos ist gerade einmal zwei Wochen im Land, als ein afghanischer Selbstmordattentäter einen Bundeswehrbus in die Luft sprengt. Der Bus ist vollbesetzt mit Soldaten, die auf dem Weg zum Flughafen sind, zurück in die Heimat. Den Abend zuvor hatten sie noch zusammen Abschied gefeiert. Jetzt liegen sie vor Heike Groos am Boden. Sie muss die verletzten Kameraden versorgen. Für vier von ihnen kommt jede Hilfe zu spät.

"Ich habe jetzt auch gerade das Bild vor Augen", berichtet sie. "Wie die leicht Verletzten auf dieser Mauer saßen, um ihren Spieß versammelt. Eine weiße Mullbinde um den Kopf gewickelt. 'Was ist denn eigentlich passiert? Wir wollten doch nach Hause.' Einer fasst ganz vorsichtig nach meiner Hand. Was für einen Mann und Soldaten schon ganz viel ist. Und ich weiß, ich soll irgendetwas sagen. Aber mir fällt überhaupt nichts ein. Gar nichts. Jetzt nur die nächste Minute überstehen. Und die nächste Stunde."

Viele Jahre als Notärztin gearbeitet
Vor ihrem Einsatz in Afghanistan hat sie viele Jahre als Notärztin in Deutschland gearbeitet. Sie hat Menschen gesehen, die bei lebendigem Leib verbrannt sind. Babys, die gestorben sind. Schreckliche Bilder, aber bislang wurde sie mit so etwas immer fertig. "Das hier, das hat mich nicht losgelassen", sagt sie. "Das waren letzten Endes meine eigenen Kameraden. Diese Uniform. An dieser Uniform hat es sich für mich aufgehängt und festgemacht. Sie waren genauso angezogen wie ich auch. Und das hat eine Zusammengehörigkeit ausgedrückt, die mir unerträglich war."

Psychologische Hilfe lehnt sie ab. Sie will das Erlebte lieber mit sich selbst und den Kameraden ausmachen, die dabei waren. Weinen? Fehlanzeige! "Hinter verschlossener Tür. Mit dem Pfarrer. Aber natürlich draußen nicht. Ich war die Chefin. Alle sind traurig. Aber sie halten sich alle an uns fest", berichtet sie. "Dann muss man schon versuchen, stark zu sein. Also ich glaube, wenn einmal so eine Träne glitzert, ist es O.k. Aber zusammen brechen darf man da nicht."

Das Erlebte verfolgt sie bis nach Lich
Nach sechs Monaten darf sie endlich nach Hause zu ihren Kindern auf den Bauernhof in Lich. Ihr Sohn Robert, damals 17 Jahre alt, erinnert sich, wie fremd ihm die sonst so taffe Mutter erschien. "Sie war ein bisschen verschlossen und nachdenklich", berichtet er. "Und hat schneller geweint, wegen ganz banalen Dingen manchmal. Das war für uns auch ganz schwierig, das einzuordnen."

Heike Groos spürt, dass sie allein nicht weiter kommt und sucht zum ersten Mal psychologische Hilfe bei einem befreundeten Bundeswehrarzt. "Dann hat er gesagt: 'Jetzt gehen wir zusammen in diese Situation hinein'. Dann sind wir verweilt an dem, was für mich die schlimmste Erinnerung war. Und dann musste ich mich ganz intensiv darauf konzentrieren und es noch einmal richtig erleben. 'Wie fühlt sich das an?', hat er gefragt. |Was riechst du jetzt? Was fühlst du? Was siehst du? Was hörst du?' Und dann sagt er: 'Jetzt gehen wir aus diesem Bild wieder heraus. Jetzt ist es gut. Jetzt darfst du das auch abschließen. Jetzt hast du das einmal noch alles erlebt, und gefühlt. Jetzt ist es O. k. Jetzt kannst du es abschließen. Pack es in eine Kiste. In einen Schrank. Und dann ist gut. Und wenn du möchtest, dann holst du es heraus und guckst es dir an. Und wenn nicht, dann nicht.'"

Nach Neuseeland ausgewandert
Heike Groos verlässt die Bundeswehr und zieht mit ihren Kindern nach Neuseeland, in der Hoffnung, alles hinter sich zu lassen. Sie will hier als Ärztin ein neues Leben anfangen. Doch völlig unerwartet holen sie die Bilder wieder ein. Sie steht unter Schock, ihr Körper wird starr, sie kann sich nicht mehr bewegen, sechs Jahre nach dem Anschlag in Kabul. "Ich habe mich gefühlt, als ob ich da ganz alleine sitze", berichtet sie. "Alles um mich herum war wie Watte. Nichts dringt da durch. Nicht einmal meine Kinder."

Sie braucht lange, um aus diesem Zustand tiefer Depression wieder heraus zu finden. Ein Arbeitskollege aus dem Krankenhaus hilft ihr dabei. Einfach nur, indem er zuhört und nichts bewertet. Endlich kann sie all das Erlebte erzählen, ohne sich ihrer Gefühle zu schämen. Auch das Schreiben des Buches ist Teil dieser Befreiung. Es ist ein bewegendes Buch, das erste überhaupt, das über die Schrecken und die Leiden der deutschen Soldaten in Afghanistan spricht. Ein neues Thema für die Bundeswehr und - für uns alle.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
Heike Groos
"Ein schöner Tag zum Sterben: Als Bundeswehrärztin in Afghanistan"
Krüger Verlag 2009
ISBN-13: 978-3810508775
mehr zum Thema