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Themen am 22.06.2017Navigationselement
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© Peter von Felbert
Hanns-Josef Ortheil übernimmt als Kind das Stummsein der Mutter
Das stumme Kind
Ortheil erzählt und die Geschichte seines Lebens
Mehr als 30 Bücher in 30 Jahren - Hanns-Josef Ortheil gehört zu den produktivsten und zu den reflektiertesten Autoren, die die deutsche Gegenwartsliteratur zu bieten hat. "Liebe ist das innere Magma all dieser Romane, die geheime, diese Romane hervorbringende Glut", beschreibt Ortheil sein Schreibmotiv. Gab es schon in seinen früheren Büchern autobiografische Ansätze, ist sein neuer Roman "Die Erfindung des Lebens" eine introspektive Autobiografie.
Eine Mutter mit ihrem Kind im Garten. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, wenn nicht diese eine Sache wäre: Beide sind stumm - jeder auf seine Weise. Die Mutter, weil sie zwei Kinder im Krieg verloren hat und danach mehrere Fehlgeburten hatte. Das Kind übernimmt, in enger symbiotischer Beziehung zur Mutter, deren Stummheit - bis zum Alter von sieben Jahren. Eine verhängnisvolle Beziehung, die nicht ohne Folgen bleibt.

Fast autistische Sprachlosigkeit
Das stumme Kind ist der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil. Sein neuer Roman "Die Erfindung des Lebens" ist die ungewöhnliche Geschichte seiner Kindheit. Ortheil erzählt vom schweren und unglaublichen Weg aus der fast autistischen Sprachlosigkeit hin zum Erzähler von mehr als 30 Romanen. Waren seine ersten Werke, wie etwa "Fermer", "Hecke" oder "Blauer Weg" auch stark autobiografisch gefärbt, so sind seine späteren Bücher Lobreden auf die schönen Künste, die Liebe - und die Erotik. Ortheil feiert den Rausch der Sinne. Bei ihm soll selbst das Lesen zu einer körperlich-sinnlichen Erfahrung werden.

Offen beschreibt er zum ersten Mal die schmerzhafte aber auch erlösende Befreiung aus der Symbiose mit der Mutter. Stundenlang verharrte er an ihrer Seite und war mit nichts anderem beschäftigt als dem "Glotzen", minutenlangem Starren auf einen Punkt, auf vorüberziehende Schiffe, das Wasser - solange bis alles vor den Augen verschwimmt.

Erlösung im Westerwald
Der Vater schließlich reißt den Sohn aus dieser Isolation, zieht mit ihm für eine geraume Zeit in seine Heimat, in den Westerwald. Dort - fern der Mutter - soll das Kind endlich schreiben und sprechen lernen. Umgeben von den zehn Geschwistern des Vaters und den Großeltern, die alle gemeinsam den Bauernhof und die Gaststätte bewirtschaften, beginnt für ihn eine neue aufregende Zeit. Ortheil beschreibt die Streifzüge mit dem Vater durch Wiesen und Wälder, am Fluss entlang als Befreiung, als ein großes Abenteuer. Durch genaues Beobachten und Beschreiben der Natur lernt er zu schreiben und zu sprechen.

Alles wird notiert, aufgeschrieben - in Kladden. Das tägliche Schreiben wird zu einer Besessenheit. Auch heute noch gehört das Notieren zu Ortheils täglichen "Pflichtübungen". In seiner Biografie schreibt Ortheil über die besondere Rolle, die Musik in seinem Leben spielt. Als Kind erhält er Klavierunterricht von der Mutter. Mit 19 Jahren gibt er erste Konzerte, beginnt in Rom eine Karriere als Pianist, bis eine Krankheit seine ambitionierten Pläne vereitelt. Heute durchzieht die Musik sein ganzes schriftstellerisches Oeuvre. "Die Erfindung des Lebens" ist ein fast 600 Seiten starkes Werk, geschrieben in der Tradition der großen Bildungsromane. Es ist die Geschichte von Hanns-Josef Ortheil, der sein Leben immer wieder neu erfinden musste.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
Das Gespräch mit Hanns-Josef Ortheil, Schriftsteller (16.09.2009)
Buchtipp
Hanns-Josef Ortheil
"Die Erfindung des Lebens"
Luchterhand-Verlag 2009
ISBN-13: 978-3630872964
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