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© delta Lupe
Horst Wessel starb mit 22 Jahren. Die Nazis verklärten seine Lebensgeschichte
Verklärter Nazi-Mythos
Das wahre Leben des Horst Wessel
Ein berüchtigtes Lied, eine tabuisierte Nazi-Legende: Wer weiß heute noch, dass das Horst-Wessel-Lied im Dritten Reich stets nach dem Deutschlandlied gesungen wurde? Dass sein Erfinder den Text zur Melodie eines Seemannslieds schrieb? Erstmals hat der Berliner Historiker Daniel Siemens die reale Geschichte des SA-Mannes Horst Wessel aufgezeichnet.
Wessels Taten verklärten die Nazis so, dass sie sogar den Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain in Horst-Wessel-Stadt umbenannten. “Wessel war jemand, der gezielt in das proletarische Berlin gegangen ist", sagt Daniel Siemens "was einen realen Kern hat, als er für ein Dreivierteljahr Sturmführer im Bezirk Friedrichshain ist, der als ausgewiesener Arbeiterbezirk nicht zu den starken Bezirken gehört hat." Die Nazi-Propaganda glorifiziert ihn als idealistischen Ur-Streiter: einen Studenten, der den Kampf gegen die Kommunisten um die proletarischen Viertel rund um den Alexanderplatz aufnimmt und der 22-jährig bei einem Überfall in seiner Wohnung tödlich verletzt wird. Dieser frühe Tod ist die Basis der Legenden. Wer Horst Wessel war, ist seither unbekannt.

Wessels Prozessakten im Stasi-Unterlagen-Archiv
Die neue Biografie ist eine Sensation, weil Daniel Siemens erstmals die wirklichen Umstände des Todes beleuchtet. Seit dem Krieg waren die Prozessakten verschollen. Dem Historiker gelang bei seiner wissenschaftlichen Detektivarbeit der Coup: Er fand die Akten im Stasi-Unterlagen-Archiv. Die Stasi hatte die Akten unter falscher Registraturnummer abgelegt. "Man ist der Erste, der nach 50 Jahren da reinschaut", sagt Siemens. "Und jetzt kann man Fragen klären, die einen schon immer interessiert haben. Dann schlägt man das auf und findet Zeugenaussagen schon von der ersten Mordnacht und dem Tag danach, erfährt von Fährten, die in der offiziellen Geschichte völlig unterschlagen wurden."

Albrecht Höhler, der Todesschütze, ist ein Zuhälter und Krimineller aus dem kommunistischen Milieu. Zeile für Zeile lässt sich in den Akten verfolgen, dass sich Horst Wessel in ein Geflecht aus ideologischen und privaten Fehden mit dem Arbeiter-Milieu verstrickt hatte. Dass er mit einer ehemaligen Prostituierten zusammenzog und dass er Mietstreitigkeiten mit seiner Vermieterin hatte. Das alles summierte sich bei dem Überfall, bei dem der Mörder schließlich auf eigene Faust handelt. Die Nazis warten die Ermittlungen erst gar nicht ab. Für ihre Propaganda-Zwecke ist der Fall ein gefundenes Fressen.

Horst-Wessel-Kult beginnt gleich nach dem Tod
“Wessel ist noch gar nicht tot", berichtet Siemens. "Da hat Goebbels schon im Blick, dass sich hier eine NS-Märtyrer-Geschichte ereignen könnte und dass man sie erzählen kann. Mit dem Moment, wo er stirbt, wird der Horst-Wessel-Kult in Gang gesetzt." Bis zur heutigen Tabuisierung ist unser geschichtliches Wissen über Wessel durch die Nazi-Propaganda geprägt. "Ein junger deutscher Arbeiter, aufrecht, deutsch“, so bezeichnet ihn Goebbels damals.

Der Grab-Besuch zum Todestag und das rituelle Absingen des Horst-Wessel-Liedes werden zu sakralen Bestandteilen einer Staatsreligion, der Pfarrerssohn wird zu einer Art Christus-Figur. Plätze, Straßen und Krankenhäuser werden nach Wessel benannt, dabei sind auch die Zeilen des Wessel-Lieds eigentlich nur ein kaum bekanntes Pennäler-Gedicht. In Statuen erscheint sein Dichter hart wie Krupp-Stahl, während er in Wahrheit ein schmächtiger Jüngling war, der bei der Wiking-Jugend Gitarre spielte.

Die NPD hält Horst-Wessel-Verklärungsseminare
"Der Kult hat ein gewisses Fundament, aber mehr auch nicht", erklärt der Autor. "Über dieses Fundament werden große Geschichten erzählt von Heldenmut und Opfertum, die schon erlogen sind." Dass der Horst-Wessel-Kult in NPD-Kreisen gerade jetzt wieder aktiviert wird, verleiht solchen Erkenntnissen besondere Brisanz. In einem Strategiepapier rühmt der NPD-Nachwuchs das "politische Soldatentum" nach dem Vorbild von Wessel. In Horst-Wessel-Verklärungsseminaren will man akademischere Kreise für die eigene Sache gewinnen und den Brückenschlag zur Hooligan-Szene machen.

"Man sollte das sehr genau beobachten und nicht so tun, als sei das ein historisches abgeschlossenes Kapitel", warnt Siemens. "Der Kult ist vielleicht reaktivierbar." Der Nazi-Märtyrer war eine Erfindung von Goebbels. Der reale Horst Wessel war ein von der Nazi-Ideologie verblendeter Bürgerssohn, der in dem Milieu, mit der er sich einließ, strauchelte und umkam. Die exzellente Biografie räumt nun mit allen Legenden auf.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Daniel Siemens
"Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten"
Siedler 2009
ISBN-13: 978-3886809264
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