Montag bis Freitag 19.20 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
010203040506
07
08
091011121314
15
1617181920
21
22
2324252627
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Moderation
CLIP
Nina Mavis BrunnerNavigationselement
Navigationselement
© ap Lupe
Die Banker treten aus dem Schatten der Krise. Was wird aus ihren Versprechen?
Alles Lüge?
Über Ehrlichkeit im Kapitalismus
Die Krise des Kapitalismus soll plötzlich keine mehr sein? Die deutsche Wirtschaft boome, lesen wir in der Zeitung, und die Commerzbank zahlt wieder Boni. Nur heißen sie nicht so, sondern "Stabilisierungszahlungen". Hatten uns die Politiker nicht versprochen, ab jetzt kehre wieder Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zurück? Um Aufrichtigkeit im Kapitalismus geht es in Wolfgang Englers Buch "Lüge als Prinzip".
Der Mann zur Frau: "Es ist nicht schlimm, wenn du noch nicht willst."
Der Gast zur Gastgeberin: "Ich liebe getrüffeltes Selleriepüree."
Der Professor zu den Studenten: "Ich bin zu spät, ich stand im Stau."
Das sind die kleinen und großen Lügen, die uns täglich helfen. Aufrichtigkeit ist eine Tugend, allerdings nur in der Theorie. "Aufrichtigkeit" ist ein Appell gegen die Heucheleien und Rituale des Adels. Damit ist das Bürgertum und die Aufklärung gegen die höfische Welt angetreten. Aufrichtig wollen und sollen wir seither sein und haben uns doch daran gewöhnt, dass das politische und wirtschaftliche System, das von diesem Bürgertum aufgebaut worden ist, verlogen zu sein scheint.

Trau' keinem Versprechen
Der Politiker: "Ich senke die Arbeitslosigkeit."
Der Börsenmakler: "Diese Anlage ist sicher."
Der Verkäufer: "Dieses Produkt ist das beste."
Wahlkampf, Gier, Skrupellosigkeit: Die Krise ist noch nicht vorbei, schon werden die Proteste gegen die ehemaligen Wirtschaftsgötter leiser. Wissen wir insgeheim nicht immer schon, dass wir groß Versprochenem nicht glauben dürfen? Und trotzdem spielen wir mit.

"Lüge als Prinzip" titelt deshalb Wolfgang Engler. In seinem Essay verfolgt er die menschliche Aufrichtigkeit vom 18. Jahrhundert bis heute. Der bekannte Soziologe ist seit 2005 Rektor der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin. Er schreibt für die "Zeit", die "taz" und die "Süddeutsche Zeitung". Er unterzieht den Zeitgeist der Moderne in Ost und West einer kritischen Analyse - utopisch, visionär. 2005 fordert er in seinem Buch "Bürger ohne Arbeit" ein Grundeinkommen und tritt eine Debatte los. Er ist die soziologische Stimme des Ostens, der die Geschichte der DDR zu nutzen weiß. Ehrlich gibt dort jeder Verkäufer über seine Produkte Auskunft, da er nicht vom Verkaufserfolg abhängig. Und sind die ehemaligen DDR-Bürger nicht die Avantgarde im Umgang mit Krisensituationen? Wer könnte die welthistorische oder welt-ökonomische Unsicherheit besser einschätzen als der Osten, wo das System zusammengebrochen ist?

Der Westen - so scheint es - lässt sich viel zu sehr beeindrucken von Figuren wackeliger Standfestigkeit, von Figuren, die lügen, und kaum Konsequenzen daraus ziehen müssen. Sollten wir nicht mehr Ehrlichkeit fordern? Oder macht es bei unserem gesellschaftlichen System überhaupt keinen Sinn, Aufrichtigkeit zu fordern?

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Mediathek
Das Gespräch mit dem Soziologen Wolfgang Engler (07.08.2009)
Buchtipp
Wolfgang Engler
"Die Lüge als Prinzip: Aufrichtigkeit im Kapitalismus"
Aufbau Verlag 2009
ISBN-13: 978-3351027094