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© dpa Lupe
Illegale Einwanderer leben in Deutschland wie Schatten
Illegal in Deutschland
Ein Buch über die Unsichtbaren der Gesellschaft
Keiner weiß genau, wieviele Menschen illegal in Deutschland leben. Aber eines ist sicher: Es sind Hunderttausende. Menschen, die sich nicht zum Arzt trauen, sich bei Misshandlungen nicht zur Polizei flüchten können, für die eine Fahrscheinkontrolle in der U-Bahn schon das Ende sein könnte. In seinem Buch "Illegal" lässt der Münchner Autor Björn Bicker diese Menschen zu Wort kommen.
Ein Mensch wird abgeschoben, weil er kein Deutscher ist. 10.000 Mal geschieht das pro Jahr. "Ich glaube, dass da gerade eine Zeitbombe tickt", sagt Björn Bicker. Mit High-Tech versucht man, die Illegalen zu fassen. Polizeikontrollen sind ihr Ende. Manche leben da schon sehr lange in Deutschland. "Warum soll man ihnen nicht mehr Menschenwürde ermöglichen, indem man Übergänge in die Legalität ermöglicht", fragt der Soziologe Philip Anderson.

Auffallen bedeutet Enttarnung
Eine Parkbank war das Zuhause der Nigerianerin Jesuline. Vier Jahre lang versteckte sie sich mitten unter uns. "Ich bin die ganze Zeit herumgelaufen", berichtet Jesuline. "Ich habe nach Ecken geschaut, hinter denen ich mich verbergen kann, dass mich niemand sieht." Mehr als eine Million Menschen, so Schätzungen, leben illegal in Deutschland. Sie sind unsichtbar. Aufzufallen bedeutet Enttarnung. Der Münchner Autor Björn Bicker hat nun ein paar ihrer Geschichten aufgeschrieben.

"Wir ernten euer Obst. Wir sitzen zu zwölft im Ford Transit, die Fenster sind beschlagen. Wir sprechen nicht. Wir werden erwischt. Wir kommen wieder. Wir verstecken Pässe, wir kaufen Pässe. Wir machen den Garten, das Auto. Wir schneiden Haare. Wir sind billig. Wir lächeln. Wir lernen eure Sprache mit dem Aldi-Prospekt. Wir lernen eure Sprache mit der Bibel. Wir lernen eure Sprache mit dem Fernseher. Wir lernen eure Sprache mit euren Kindern. Wir lernen eure Sprache mit euren Alten."
(Björn Bicker: “Illegal. Wir sind viele. Wir sind da.")

Das Grauen des Gesetzes
Viele Monate lang hat Bicker im Münchner Café 104 hospitiert, einer Anlaufstelle für Illegale. Dabei hat er das Vertrauen der Menschen gewonnen. Menschen, die Angst haben, über Rot zu gehen, weil die Polizei sie anhalten könnte, die ausgebeutet werden, abhängig sind, keinen Arzt besuchen können. "Was ich erlebt habe, ist das Grauen des Gesetzes, das Grauen des Nicht-Aufenthaltes, das Grauen der Nichterlaubnis. Was das bedeutet, lernt man hier auf jeden Fall kennen."

Münchner Ärzte arbeiten in ihrer Freizeit im Café. Eine Behandlung ist für Illegale ansonsten unmöglich. Jesuline musste mit ansehen, wie ihre Familie ermordet wurde und flüchtete. Dennoch sollte sie nach Nigeria abgeschoben werden und tauchte unter - jahrelang. "Immer, wenn es Nacht wurde, hatte ich Angst", erinnert sich Jesuline. "Wo sollte ich denn schlafen? Wenn ein Platz im Hauptbahnhof frei war, dann tat ich so, als würde ich auf jemanden warten. Damit die Menschen nicht mitbekamen, was mit mir ist. Sonst hätten sie doch gleich die Polizei gerufen."

Dieses Leben macht krank
Dieses Leben hat Jesuline krank gemacht. Sie leidet an Verfolgungswahn. Und darf, so sagt der Staat, deshalb erst einmal bleiben. Für ein paar Monate hat sie nun erstmals wieder ein Bett. In Bickers Buch beschreibt sie ihr Leben als Illegale:

"Immer musst du aufpassen. Wenn einer kommt und macht dich an. Bleib ruhig, keinen Streit. In der U-Bahn, im Gedränge greift mir einer zwischen die Beine. Ich spüre die Hand, die Finger zwischen meinen Beinen. Der Mann ist älter als mein Vater. Ich schreie nicht. Ich drehe mich weg durch die Leute. Es ist eng. Alle berühren mich, alle schauen mich an. Ich hasse die U-Bahn. Ich kaufe Cola, ich kaufe Leberkäse. Davon wirst du krank. Immer Cola und Leberkäse. Das ist billig. Unser Leben macht uns krank. Unser falsches Leben macht uns krank."
(Björn Bicker: "Illegal. Wir sind viele. Wir sind da.")

Ein Leben in Angst
Philip Anderson untersuchte im Auftrag der Stadt die Situation der etwa 50.000 Illegalen in München. Der Autor der Studie "Menschen in der Illegalität in München" erklärt ihre Situation: "Es ist immer von Angst geprägt: Wenn man das Haus verlässt, man immer nur bis in die Arbeit fährt. Wenn man irgendwo eine Arbeitsstelle hat, läuft man auf dem Nachhauseweg keine Abweichung und meidet öffentliche Plätze. Man empfindet innerhalb des eigenen Bekanntenkreises, Freundeskreises ständig Misstrauen oder Angst und die Unsicherheit, dass man denunziert werden könnte."

Björn Bicker stellte bei seinen Recherchen fest, dass ganze Wirtschaftszweige auf Illegale bauen: Sie arbeiten in der Gastronomie, als Kindermädchen und Reinigungspersonal. Philip Anderson fordert eine Einbürgerung dieser Menschen. "Was wir letztlich akzeptieren müssen ist, dass das Leben, vor allem das Leben in der Migration nicht regelbar ist in", so der Soziologe. "Wir sollten uns entspannen und sagen: Gut, dann legen wir hin und wieder großzügigere Reglements, Regularien an den Tag, damit die Menschen wirklich eine Lebensperspektive für sich entwickeln können. Ist es wirklich so bedrohlich?" Für Björn Bicker war es "eine ganz wichtige Erfahrung, dass man Leuten Geschichten erzählen kann, die sie noch nicht kennen. Wenn immer mehr Leute davon erfahren und auch die Realität auf dem Schirm haben, dann können sich Politiker trauen, etwas zu tun."

Deutschland ist Einwanderungsland
Hinter den Mauern des Kreisverwaltungsreferats, Sitz der Münchner Ausländerbehörde, wird über Leben entschieden. Hier werden Aufenthaltsgenehmigungen erteilt, Abschiebungen verfügt. Viele tauchen nach dieser Erfahrung für Jahre ab. Birgit Poppert vom Café 104 will heute helfen, dass es Singh nicht genauso ergeht. Singh soll abgeschoben werden. Wichtige Papiere aus Indien fehlen. Ohne das Café 104 wäre er schon längst untergetaucht wie so viele. Eine Million Menschen leben unter uns, und werden zunehmend wütend."Deutschland ist ein Einwanderungsland und das wird es immer bleiben", sagt Bicker. "Dahinter kommen wir nicht mehr zurück. In Deutschland haben die Leute immer das Gefühl, es geht wieder vorbei. Ich weiß, das geht nicht wieder vorbei."

"Euer Leben geht dem Ende zu. Ihr seid alte Menschen. Ihr seid von gestern. Schaut euch an mit euren Gesichtern voller Angst. Ihr haltet euch fest an eurem alten Glauben, der da heißt: Ihr seid die Herren. Ihr seid wohltätig. Ihr sorgt für Ordnung. Wir arbeiten. Wir sind ordentlich. Wir sind fleißig. Ihr seid blind."
(Björn Bicker: “Illegal. Wir sind viele. Wir sind da.")

Stundenlang haben sie gewartet. Singh ist weiterhin ausreisepflichtig, wie es im Amtsdeutsch heißt. Dennoch ist er glücklich, denn er wird sechs weitere Monate geduldet. Die Angst ist erst einmal weg. "Das ist sozusagen gleich wichtig wie Essen", sagt der Flüchtling. "Ein Mensch kann ohne Essen ebensowenig sein wie ohne Papiere." Björn Bicker hat den Illegalen eine literarische Stimme gegeben. Und vielleicht, so sagt er, ist ihr Erzählen ja der Anfang, sich zusammen zu schließen und für alle sichtbar zu rufen: "Wir sind da. Und wir sind viele."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Björn Bicker
"Illegal: Wir sind viele. Wir sind da.: Wir sind viele. Wir sind da"
Kunstmann 2009
ISBN-13: 978-3888975547
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