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"Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix als Graffito: Berühmtes Gemälde, neue Hauptdarsteller.
Gelbe Wut
Frankreichs Intellektuelle und die Gelbwesten
Seit Mitte November erschüttert der Aufstand der Gelbwesten Frankreich in seinen Grundfesten. Wie konnte es soweit kommen? Und welche Auswege gibt es? Mit einem klassisch roten Peugeot 205 fahren Daniel Böhm und sein Kamerateam quer durch Frankreich, sprechen mit wütenden Demonstranten, befragen Intellektuelle zu ihrer Haltung und begleiten Präsident Emmanuel Macron bei dem Versuch, mit Bürgern in den Dialog zu kommen.
Die geballte Wut, die Frankreichs Straßen erfasst hat, spaltet auch Frankreichs Künstler und Intellektuelle wie nie zuvor. Während sich renommierte Autoren wie Annie Ernaux mit den Gelbwesten solidarisieren, warnen Ex-68er wie Daniel Cohn-Bendit vor einer reaktionären und gefährlichen Bewegung. Die antisemitischen Ausfälle gegen den jüdischen Philosophen Alain Finkielkraut scheinen den Politiker und Publizisten Cohn-Bendit zu bestätigen, wenn er sagt: "Sie spüren das ja schon in gewissen Aussagen wie 'Wir sind Franzosen, wir sind hier zu Hause' - da kann man hören, was da dahintersteckt." Doch die Grande Dame der französischen Arbeiterliteratur Annie Ernaux will das nicht gelten lassen, gibt aber zu: "Es gibt hässliche Szenen und antisemitische Slogans, das stimmt. Aber man fragt sich, ob das nicht auch dazu dient, um die ganze Bewegung zu diskreditieren."

Chaotische Protestbewegung
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Keiner hat die Spaltung Frankreichs so pointiert dargestellt, wie der Rapper D'Ace, der in einem millionenfach geklickten Song beide Positionen gegenüberstellt. Der Musiker mit malischen Wurzeln erklärt aber auch, warum vor allem in den Banlieues, wo die wirklich Armen der Gesellschaft wohnen, die Gelbwestenbewegung nur wenig Zulauf bekommt. Um zu verstehen, warum die chaotische Protestbewegung dennoch so eine Durchschlagskraft hat, begibt sich der Film dorthin, wo der Aufstand begonnen hat: an den Rand des Landes. In Lothringen trifft das Team den Schriftsteller Nicolas Mathieu. Sein Roman "Leurs enfants apres eux" erhielt im November den ältesten und wichtigsten französische Literaturpreis, den Prix Goncourt. Mathieu beschreibt darin den Niedergang der Industriestadt Hayange - mit Landflucht, De-Industrialisierung und Verarmung. Doch auch hier geht es den Gelbwesten, den Gilets Jaunes, nicht nur um fehlende Jobs. Ihre Wut richtet sich gegen die Elite.

Und die rätselt im fernen Paris noch immer über die Gründe des Aufstands. Für den Geographen Christophe Guilluy ist er das Resultat einer schon lange gespaltenen Gesellschaft. Auch die ehemalige linke Kulturministerin und Autorin Aurélie Filipetti glaubt, Frankreich fehle es an Demokratie. Sie, die sich selbst als Arbeiterkind bezeichnet, beklagt die Arroganz der politischen Kaste. An der Universität SciencesPo, wo viele Präsidenten und Minister einst ihre Karrieren begannen, schwanken Schüler und Professoren zwischen Selbstkritik und Verständnis.

Aufstand verändert die Republik
Welche Auswege aus der andauernden Gewalt gibt es? Kann Präsident Emmanuel Macron die Gemüter mit seinem nationalen Dialog beruhigen? Oder geht den Gelbwesten irgendwann die Luft aus? Viele wollen weiter demonstrieren. Andere suchen Wege in die Politik, so wie Jaceline Mouraud, die den Aufstand mit einem Facebook- Video losgetreten hatte. In Orleans gründet sie jetzt ihre eigene Partei. Auch hier ist das Kamerateam für diesen Film mit vor Ort. Am Ende dieser spannenden Drehreise ist noch immer offen, wohin Frankreich letztendlich steuert. Klar aber ist, der Aufstand hat das Land in seinen Grundfesten erschüttert - und wird die Republik verändern.

Sendedaten
Eine Reportage von Daniel Böhm
Samstag, 2. März 2019, 19.20 Uhr
Kultur-Archiv
Musik, Kunst, Literatur, Politik - die ganze Vielfalt von Kultur und ihrem Einfluss auf alle unsere Lebensbereiche zeigt 3sat in seinen Dokumentationen.