"Stefan George: Das geheime Deutschland": Schwarz-Weiß Aufnahme. George blickt ernst in die Kamera. © akg-images
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Porträtaufnahme Stefan George (1868-1933) im Alter von 60 Jahren
Stefan George
Das geheime Deutschland
Über kaum einen Dichter des 20. Jahrhunderts wurde so gerätselt wie über Stefan George. Noch immer umgibt ihn das Mysterium, das er selbst schuf. Wer war er wirklich?
Vor 150 Jahren, am 12. Juli 1868 wurde Stefan George geboren, am 4. Dezember 1933 starb er. Zusammen mit Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke ist er einer der drei großen Dichter der Jahrhundertwende. Sein geheimnisumwobener Kreis gibt auch der heutigen Zeit noch Rätsel auf. Offensichtlich hatte Stefan George die Macht, Menschen an sich zu binden und sie zu formen. Er tat dies mit Charisma und pädagogischem Eros. Der Dichter hat seine Zeit geprägt. Er hat Spuren hinterlassen, die bis zum Attentat auf Adolf Hitler am 20.7.1944 führen. Zum 150. Geburtstag fragt die Dokumentation "Stefan George - das geheime Deutschland": Wer war Stefan George? Was war das geheime Deutschland?

Der George-Kreis
"Stefan George: Das geheime Deutschland": Schlichte Grabplatte von Stefan George in Minusio ©  ZDF_Ralf_Rättig Grabplatte Stefan George
Grabplatte Stefan George
Stefan George war früh von den französischen Symbolisten beeinflusst, übersetzte Mallarmé, Baudelaire und Verlaine. Er revolutionierte die deutsche Dichtung mit Formstrenge und innovativen Wortfindungen. Um die Jahrhundertwende begann er Jünger anzuziehen, formte einen Kreis junger Männer um sich. Auch seine Gedichte änderten sich, sie wurden zunehmend prophetisch und waren jetzt eher an die Mitglieder seines Kreises gerichtet. Der Soziologe Max Weber beobachtete das und entwickelte an George sein Konzept der "charismatischen Herrschaft", einer Herrschaft, die allein durch das Charisma eines einzelnen Menschen begründet ist. Ein Konzept, mit dem später der Aufstieg Hitlers und Mussolinis erklärt wurde. Georges Anspruch war es, die Elite für ein "Geheimes Deutschland" zu formen. Mit Menschen, in denen er Deutschlands Zukunft sah. Viele bedeutende Akademiker gehörten zu seinen Jüngern ebenso wie die Brüder Stauffenberg.

Einflussreich bis heute
Schon seine Zeitgenossen betrachteten den Kreis auch mit Misstrauen: denn offen sah sich George in der Nachfolge von Platon - das griechische Konzept der erotischen Bindung zwischen Meister und Jünger wurde im Kreis gelebt. Wie körperlich, das gehört zu den Geheimnissen, die den Kreis immer schon umgaben. Die Dokumentation "Stefan George - das geheime Deutschland" entstand auf der Basis neuester wissenschaftlicher und biographischer Erkenntnisse. Sie zeichnet - sachlich und kritisch - ein komplexes Leben nach. Sie nimmt den Zuschauer mit auf ihre Suche nach Antworten. Und zeigt auf, wie sich bei George Dichtung, Eros und Politik tief durchdrangen. Erstmals entstand so eine valide filmische Dokumentation der inneren Zusammenhänge des Georges Kreises.

aus dem Bild. Die beiden sehr jungen Stauffenbergs sitzen in seinem Rücken, blicken zu ihm auf. © ZDF_akg_images Die Brüder Stauffenberg bei Stefan George
Die Brüder Stauffenberg bei Stefan George
"Stefan George - das geheime Deutschland" forscht Georges Leben nach von den Ursprüngen in Bingen bis zum Tod in Minusio. Thomas Karlauf, dessen bahnbrechende Biografie die Wahrnehmung Georges revolutioniert hat, hat die Filmcrew an die zentralen Orte in Georges Leben begleitet und dort die Entwicklung Georges und seines Kreises nachgezeichnet. Gefilmt wurde auch in Häusern, zu denen noch kein Filmteam Zutritt hatte. Experten wie Ulrich Raulff, Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, kommen ebenso zu Wort, wie Ute Oelmann, eine der besten Kennerinnen von Georges Werk, und der Leiter des Stefan George Archivs, Maik Bozza. Die Herausgeberin des Philosophie Magazins, Svenja Flaßpöhler, FAZ-Redakteur und Schriftsteller Simon Strauß und die Erziehungswissenschaftlerin Meike Sophia Baader gehen der Frage nach, was an George uns heute noch betrifft. Denn vieles aus Georges Welt hat weiter gewirkt - von der Odenwaldschule, bis zur Debatte über die Rolle Deutschlands in Europa und zu der Frage, wie gefährlich Charisma heute in der Politik ist.

Georges Lyrik zum Erleben
Stefan Georges Gedicht "Sprich nicht immer" aus dem Jahr 1895, gesprochen von Mark Ortel. © ZDF_Rättig
Stefan Georges Gedicht "Sprich nicht immer" aus dem Jahr 1895, gesprochen von Mark Ortel.
Schauspieler Mark Ortel spricht das Gedicht "Im windes-weben" aus Stefan Georges Gedichtband "Der siebente Ring" aus dem Jahr 1907. © ZDF_Rättig
Schauspieler Mark Ortel spricht das Gedicht "Im windes-weben" aus Stefan Georges Gedichtband "Der siebente Ring" aus dem Jahr 1907.
Schauspieler Mark Ortel spricht das Gedicht "Fenster wo ich einst mit Dir" aus dem Jahr 1907. © ZDF_Rättig
Schauspieler Mark Ortel spricht das Gedicht "Fenster wo ich einst mit Dir" aus dem Jahr 1907.

Schauspieler Mark Ortel spricht einen Ausschnitt aus dem Gedicht "Der Krieg" von Stefan George aus dem Jahr 1916. © ZDF_Rättig
Schauspieler Mark Ortel spricht einen Ausschnitt aus dem Gedicht "Der Krieg" von Stefan George aus dem Jahr 1916.
Schauspieler Mark Ortel spricht das Gedicht "Das Wort" aus Stefan Georges letztem Gedichtband "Das neue Reich" aus dem Jahr 1928. © ZDF_Rättig
Schauspieler Mark Ortel spricht das Gedicht "Das Wort" aus Stefan Georges letztem Gedichtband "Das neue Reich" aus dem Jahr 1928.
Ute Oelmann, die langjährige Leiterin des Stefan George-Archivs in Stuttgart, spricht mit Mark Ortel über das richtige Lesen von Gedichten. © ZDF_Rättig
Ute Oelmann, die langjährige Leiterin des Stefan George-Archivs in Stuttgart, spricht mit Mark Ortel über das richtige Lesen von Gedichten.

Sendedaten
Samstag, 7. Juli 2018, um 21.55 Uhr

Ein Film von Ralf Rättig
Buchtipps
© Dieterichsche_Verlagsbuchh. Mainz / C.H. BeckLupeZum 150. Geburtstag von Stefan George sind zwei Gedicht-Anthologien erschienen:

"Dies ist ein Lied für dich allein: 40 Gedichte mit Deutungen"
Der Germanist Wolfgang Braungart und die langjährige Leiterin des Stefan George-Archivs, Ute Oelmann, haben vierzig Gedichte Georges ausgewählt und sie mit kurzen, gut lesbaren Deutungen versehen. So ist eine leicht zugängliche Einführung in Georges Gedichte entstanden "Dies ist ein Lied für dich allein" ist in der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung erschienen.
"Geheimes Deutschland: Gedichte"
Helmuth Kiesel hat ein ganz anderes Anliegen: Er versammelt unter dem Titel "Geheimes Deutschland" die nicht immer einfachen Gedichte, in denen sich George mit Deutschland auseinandersetzt. Sein Ziel: George als überzeugten Europäer zu zeigen und ihn vor der Vereinnahmung durch Nationalismus zu bewahren. Das kluge Nachwort bietet eine gute Einführung in Georges Welt.
Kulturdoku-Archiv
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