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© dpa Lupe
Satire - jetzt per Gericht erlaubt!
Ein kleiner Schritt für die Wanderhure
Eine Realsatire
"Schwer ist es, eine Satire nicht zu schreiben", wusste der alte Römer Juvenal schon gegen Anfang der christlichen Zeitrechnung. Rund zweitausend Jahre schreibt das Leben immer noch die schönsten Satiren.
Es begann mit einem kleinen Büchlein des Poetry-Slammers Julius Fischer mit dem satirisch-poetischen Titel "Die schönsten Wanderwege der Wanderhure", Untertitel: "Kein historischer Roman". Es geht darin unter anderem um gnadenlose Vermarktungsstrategien wie im Fall der berühmt-berüchtigten Wanderhuren-Roman-und-Verfilmungs-Reihe – totaler kommerzieller Erfolg völlig unabhängig von inhaltlicher Qualität.

Die Verfügung der Wanderhure
© dapd_sebastian_willnow Lupe
Verkörpert die "Wanderhure" in den SAT.1/ORF-Verfilmungen: Schauspielerin Alexandra Neldel
Der Inhalt von Fischers Buch wiederum war dem Verlag Droemer Knaur herzlich egal. Der Branchenriese ist nämlich Herausgeber der Original-Wanderhure (inklusive der "Rache der Wanderhure" und dem "Vermächtnis der Wanderhure") und sieht sich somit als geistiger Vater der Wanderhure an sich. Nun sah man den guten Ruf der reisefreudigen Prostituierten in Gefahr und wollte den "Auswüchsen der Selbstbedienungsmentalität einen Riegel vorschieben", so Verleger Hans-Peter Übleis ungewollt treffend. Per Einstweiliger Verfügung kam das vorläufige Aus für Fischers Buch.

Der Kampf um die Wanderhure
Es folgte ein kurzer, aber heftiger Kampf David gegen Goliath. Fischers Verlag Voland & Quist peilt einen Jahresumsatz von 300.000 Euro an, Droemer Knaurs Wert liegt bei etwa 50 Millionen. Und Goliath schien seiner Favoritenrolle gerecht zu werden: Nicht nur sei der Begriff "Wanderhure" maßgeblich geprägt durch die Romanreihe, so das Landgericht Düsseldorf, auch das Verwirrungspotenzial des Buchtitels sei zu groß: Unbedarfte, satireferne Laufkundschaft könne schließlich auf der Suche nach einem Wanderführer versehentlich zu den "Schönsten Wanderwegen der Wanderhure" greifen. Das Buch blieb verboten.

Die Befreiung der Wanderhure
© oz_ordu
Mehr zu Slammer Julius Fischer im Netz
Der Dresdner Kleinverlag aber ließ sich nicht unterkriegen: Per Crowdfunding sammelte man in nur vier Tagen über 14.000 Euro, um in Berufung zu gehen. Und tatsächlich: Anfang August hob das Oberlandesgericht das Vertriebsverbot auf, da der Titel erkennbar Satire, also Kunst, und damit besonders schützenswert sei.

Ein kleiner Schritt für die Wanderhure, ein großer Schritt für die Kunstfreiheit. Und nebenbei bemerkt Voland & Quist-Verlagschef Sebastian Wolter: Die Bestellungen für die zweite Auflage von Julius Fischers Buch schießen in die Höhe. Der Kreis schließt sich.

Die Kinder der Wanderhure
Mehr Satire, Kabarett & Comedy am Sonntag in Pufpaffs Happy Hour. Gäste u.a. Christoph Sieber, El Mago Masin und Markus Barth.
Am 17. August um 20.15 Uhr in 3sat, ab Sonntagmorgen auch online.

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Mehr Satire gibt's bei
Pufpaffs Happy Hour
Sonntag, 17. August, 20.15 Uhr