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© ZDF/Angelo Novi
"Das 1. Evangelium - Matthäus": Durch seine Wundertaten zieht Christus (Enrique Irazoqui) immer mehr hilfsbedürftige Menschen an.
Genosse Christus
Warum der Atheist Pasolini einen Bibelfilm drehte
Wie konnte das passieren, dass der radikale, linke italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini 1964 einen bibeltreuen Jesus-Film herausbrachte? Ein Schriftsteller und Essayist, der noch in den 50er Jahren neben seinen ersten Romanen ein polemisches Gedicht über Papst Pius XII. veröffentlicht hatte.
Pasolini war ein scharfsinniger Intellektueller, der seine Homosexualität auslebte, seit er als 29-jähriger in der Region Friaul dafür seinen Job als Teilzeit-Lehrer verlor und aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde, deren Ortsverein er geleitet hatte. Spezialisten war Pasolini schon damals bekannt als Lyriker, der in der fast ausgestorbenen friaulischen Sprache schrieb. Nach der "Flucht" (Pasolini) mit seiner Mutter nach Rom arbeitete er am Rande der Filmindustrie, zum Beispiel als Dialogautor für seinen Freund Federico Fellini bei "Die Nächte der Cabiria" (1957). Am Anfang als Bewohner der römischen Slums von Ponte Mammolo hatte Pasolini im Milieu der Halbstarken und Prostituierten den Stoff für seine ersten drei Romane und Filme gefunden. Der erste Roman "Ragazzi di vita" (1955) war zunächst verboten, brachte ihm dann literarischen Erfolg, aber auch erste Pornografie-Prozesse ein.

"Diffamierung der Staatsreligion"
In seinem Kurzfilm "La ricotta" erzählte Pasolini 1963 die Geschichte von armen Landbewohnern, die sich wegen Hunger bei den Dreharbeiten für einen Jesus-Film ausbeuten lassen. Einer von ihnen stirbt am Kreuz des Filmsets. Ein Skandal: Bei der Aufführung auf den Filmfestspielen in Venedig werden Pasolini und seine Schauspielerin Laura Betti von faschistischen Jugendlichen angegriffen. Und aufgrund eines Gesetzes aus der faschistischen Zeit über "die Diffamierung der Staatsreligion" wird Pasolini vor Gericht gebracht und zu vier Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Bei den zahlreichen Skandalen, die ihm angehängt wurden, hat sich Pasolini nie weggeduckt. Gerade die katholische Kirche machte es ihm dabei nicht leicht – wie auch umgekehrt. Warum also dreht der 42-jährige Atheist ein Jahr nach den Erfahrungen mit "La ricotta" dann ausgerechnet einen großen Bibel-Film?

Lupe
Pier Paolo Pasolini
Eine Antwort ist, dass es neben dem Ruhestörer und Aufrührer Pasolini immer auch den Ästheten und Romantiker Pasolini gab, der sich sehr wohl für religiöse Mythen und Gefühle interessierte. Zwei Jahre, nachdem er die Gedichtsammlung "Die Nachtigall der katholischen Kirche" (1958) herausgebracht hat, besucht Pasolini mit seinen Freunden in Assisi die ökumenische Laienorganisation "Pro Civitate Christiana". Es ist die Zeit des Pontifikats von Papst Johannes XXIII., der gerade mit seiner Mitmenschlichkeit - ähnlich wie heute sein Nachfolger Franziskus - grundlegend das Auftreten und das Image der katholischen Kirche verändert. Pasolini liest nach vielen Jahren wieder das Matthäus-Evangelium, "in einem Rutsch wie einen Roman", ist "begeistert" und hat die Idee für einen Film, wie er seinem späteren Fachberater aus der "Pro Civitate Christiana" schreibt.

© ZDF Angelo Novi Lupe
Pasolinis "Das 1. Evangelium - Matthäus"
Und die andere, die rationale Antwort auf die Frage: warum dieser Film? Der linke Denker und radikale Utopist Pasolini umarmt den Jesus des Matthäus- Evangeliums als Genossen im Geiste. Einer, der sich gegen dogmatische Regeln und gegen die Kaste der Schriftgelehrten auflehnt. Mit Vergnügen inszeniert Pasolini mit originalen Bibelzitaten den Disput zwischen Jesus und den Pharisäern, den dieser souverän gewinnt. Ein sanfter Typ, der viel Sympathie für die Schwachen und Ausgegrenzten hat, aber auch knallhart sein kann. Der die Händler gewaltsam aus dem Tempel treibt und zu einem trauernden Jünger sagt: "Lass die Toten ihre Toten begraben".

Pasolinis Film bleibt ganz nah an der biblischen Geschichte und zeigt gleichzeitig, wie brisant und aktuell ihre sozialkritischen Botschaften sind – damals in den 1960er Jahren wie heute, 50 Jahre später. Diese Universalität bringt Pasolini auch in seinem Soundtrack zum Ausdruck, der von Bachs Matthäus-Passion über Mozart, italienische Folklore bis zu amerikanischen Gospels ("Motherless Child") reicht.

Mut zum Pathos
Am Schluss des Films, am Ende der Passionsgeschichte scheint Pasolini ganz fromm zu werden und wagt mit der Musik von Bach ganz viel Gefühl und Pathos. Und folgt damit dem persönlichen Glaubensbekenntnis, das er seinem katholischen Berater Lucio Caruso anvertraute: "Ich glaube nicht, dass Christus der Sohn Gottes ist, denn ich bin kein Glaubender, wenigstens nicht bewusst. Aber ich glaube, dass Christus göttlich ist. Ich glaube, dass die Menschlichkeit, die in ihm steckt, so groß, so streng und so ideal ist, dass sie alle allgemeinen menschlichen Ziele umfasst. Deshalb spreche ich von 'Poesie' – das irrationale Instrument, das mein irrationales Gefühl für Christus ausdrücken kann." *


Spielfilm
© ZDF Angelo Novi"Das 1. Evangelium - Matthäus"
Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film in 3sat
Freitag, 25. März 2016, 23.45 Uhr