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© Institut für Filmgestaltung Ulm, Meerapfel Lupe
Erste Karriereschritte 1966 - Jeanine Meerapfels "Abstand": Eine Fotografin will schnellstens ihren Freund Hartmut (Reinhard Kahn) loswerden, aber der will sie nicht loslassen.
Entdeckungen auf der Berlinale 2016
Unter den Fachbesuchern der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2016 ist auch das Team der Filmredaktion 3sat gewesen. Hier berichten die Redakteure über ihre Festivalbeobachtungen.
Achim Forst, 20. Februar
Vier Frauen, die spielerisch die Welt erkunden, und drei Männer, die schon recht genau wissen, was sie tun wollen oder sollen, zum Beispiel die Welt analysieren und kritisieren: Wie doch sieben kleine Schwarzweiß-Kurzfilme Augen öffnen, Erkenntnisse bringen und dabei auch noch Spaß machen können.

Wer das Kino liebt und sich während der Berlinale Zeit und ein Ticket erkämpfen kann, schaut sich wenigstens ein Programm der Retrospektive an. Seit ihrer Gründung 1951 blickt die Berlinale jedes Jahr zurück in die Filmgeschichte und gibt Gelegenheiten, das neueste Kino mit dem alten zu vergleichen. Ein Vergleich, der nicht immer schmeichelhaft für die aktuellen Produktionen ausgeht. Titel und Thema der Retrospektive war in diesem Jahr "Deutschland 1966 - Filmische Perspektiven in Ost und West".

Das Programm "First Steps" zeigte die ersten Gehversuche von sieben Filmemachern, die bald alle eine größere oder kleinere Rolle im Kino spielten, einer von ihnen sogar bis heute. Und alle sechs stammen tatsächlich aus dem Retrospektive-Jahr 1966. Drei der vier Frauen präsentierten ihre Filme persönlich im Kino - zwei der Männer leben nicht mehr, und der dritte, Werner Herzog, ist wie immer irgendwo auf der Welt unterwegs. Die in Argentinien geborene Jeanine Meerapfel, seit 2015 Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, schlägt in "Abstand" für damalige Verhältnisse starke emanzipatorische Töne an, indem sie als Fotografin im Off darüber reflektiert, wie sie ihren Freund und ihr Model Hartmut am schnellsten loswerden kann. Ein junger Mann im dunklen Jackett posiert und flirtet, was das Zeug hält, die Kamera gleitet über Felsen, Bäume und Wiesen. Nein, die Story sei damals, kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland kein früh-feministisches Statement gewesen, sondern nur das Thema für eine Übung in Fotografie, die ihr Dozent an der Ulmer Hochschule für Gestaltung Peter Heller angeregt habe.

Ihre Kollegin May Spils drehte in dieser Zeit in München mit ihrem Freund und Schauspielpartner Werner Enke sozusagen den Vorfilm, das heißt die witzige Vorstudie zu dem Spielfilm, der sie beide zwei Jahre später über Nacht berühmt machte. Der Protagonist in "Manöver" ist genau der Typ wie in "Zur Sache, Schätzchen": ein unglaublicher Langschläfer, stinkfaul, aber - wenn er endlich mal wach ist - ein Charmeur, der mit seinen lässigen Sprüchen kaum zu bremsen ist. Zwei weitere Frauen, die 1966 völlig andere Filme drehten: Ula Stöckl betreibt in "Sonnabend, 17 Uhr" Feldforschung. Sie fragt 17-jährige nach ihren Wochendbeschäftigungen und erlaubt uns dabei einen Blick 50 Jahre zurück, in die scheinbar idyllisch-unschuldige, für manche junge Mädchen aber noch sehr repressive Bundesrepublik Deutschland. In Helke Sanders' "Subjektitüde" ist, noch spielerisch, schon das feministische Engagement der Filmemacherin spürbar. Sie hört ins Bewusstsein ihrer Protagonisten und zeigt mit Gedankenkommentaren aus dem Off die Begegnung einer jungen Frau und zweier Männer an einer Berliner Bushaltestelle.

Dagegen die filmenden Männer von 1966: viel Rationalität, Struktur und ästhetischer Ausdruckswille. Harun Farocki analysiert in "Jeder ein Berliner Kindl" Bier-Werbeplakate am Berliner Sportpalast und ist schon in diesem Fünf-Minuten-Filmessay der großartige Film-Monteur der Wirklichkeit, der er bis zu seinem Tod vor zwei Jahren geblieben ist. Und Rainer Werner Fassbinder stellt in seinem zweiten zehnminütigen Kurzfilm "Der Stadtstreicher" schon fast alle Aspekte seines folgenden Lebenswerks vor: die Ohnmacht, die Einsamkeit und die grausam unfreiwillige Komik der hilflos Erniedrigten und ihre Niederlage gegen die gedankenlos grausamen Lebenstüchtigen.

Überraschend untypisch für seine späteren Spielfilme wirkt Werner Herzogs "Die beispiellose Verteidigung der Festung Deutschkreutz", eine seltsame Militärsatire, die eher an die historisch-dokumentarischen Lehrstücke Alexander Kluges erinnert. Vier junge Männer treiben sich an einem heruntergekommenen Schloss herum, verwandeln sich mit gefundenen Soldatenklamotten nach und nach in amerikanische Soldaten und spielen Krieg. Ihre Devise ist leider zeitlos aktuell: Wenn dein Feind nicht angreifen will, musst du eben selbst die Initiative übernehmen.

Achim Forst, 19. Februar
Die Berlinale-Sektion "Perspektive Deutsches Kino" ist sowohl für die einheimischen Zuschauer als auch die internationalen Gäste ein Schaufenster, das jedes Jahr aufs Neue beweist, dass man sich über die Zukunft des deutschen Kinos keine Sorgen machen muss. Diesmal zum Beispiel durch ein Programm mit diesen beiden Filmen:

© Luise Schröder Lupe
"Valentina" zeigt die trostlose Lage des Roma-Mädchens Valentina Demaili und ihrer Familie.
"Valentina" ist ein berückend schön fotografierter Dokumentarfilm über ein trostloses Thema und über Menschen in einer trostlosen Situation. Die Filmschulabsolventen Maximilian Feldmann (Regie) und Luise Schröder (Kamera) lernten zufällig in Skopje, Mazedonien, das Roma-Mädchen Valentina kennen und konnten so - gegen Bezahlung und mit einem Vertrag - ein Porträt ihrer zwölfköpfigen Familie drehen. Ein Porträt, das auf verquere Weise mit dem großen Kino verbunden ist: Denn immer wieder schauen sich Valentina und ihre Geschwister die VHS-Kassette mit dem Film an, in dem einst, vor ihrer Geburt, ihr Vater mitgespielt hat: Emir Kusturicas "Schwarze Katze, weißer Kater" (1998). Heute sucht der Vater mit seinen Kindern auf Müllkippen und in Containern nach Verwertbarem, während die Mutter in der Innenstadt bettelt. Die Familie haust im Slum in einem einzigen, abbruchreifen Raum. Einige von Valentinas Geschwistern sind wegen Bettelns verhaftet worden und in Kinderheime gebracht worden.

Feldmann und Schröder gelingt in ihrem fünfzigminütigen Dokumentarfilm in Schwarzweiß ein schwieriger Balanceakt: zwischen der filmischen Darstellung und der gleichzeitigen Ästhetisierung von Elend. Mit wunderbar fotografierten Nahaufnahmen der Familienmitglieder und Beobachtungen des bei aller Härte doch sehr liebevollen Umgangs miteinander geben die Filmemacher ihren Protagonisten die Würde zurück, die sie in den Augen der normalen Bürger längst verloren haben. Und trotz ihrer schönen Bilder bestätigen sie Tucholskys Satz: "Armut ist eben gewiss kein hoher Glanz von innen, oder wie Vater Rilke es nannte, sondern eine einzige Sauerei."

© Ronny Dörfler Lupe
Oana Rusu und Madalina Craiu in "A Quiet Place"
Der Kurzfilm "A Quiet Place" zeigt weniger das ökonomische als das emotionale Elend einer Familie. Cristina ist nach offenbar langer Abwesenheit aus der Stadt in ihr rumänisches Heimatdorf zurückgekehrt. Die stumme und kompromisslose Ablehnung durch Mutter und Vater lassen nur erahnen, was Cristina inzwischen gemacht hat. Sie hält nichts anderes am sterbensruhigen Ort ihrer Kindheit als die Sorge um ihre jüngere Schwester, die von ihrem Vater unterdrückt und der gleichzeitig von einem dubiosen Typen mit luxuriösem Auto nachgestellt wird. Schließlich beweist Cristina eine besondere innere Stärke.

Erstaunlich, wie gut es der 1984 geborene Hamburger Filmemacher Ronny Dörfler in seinem Abschlussfilm an der New York University geschafft hat, durch sensible Inszenierung seine vier rumänischen Schauspieler perfekt alle emotionalen Nuancen zwischen offener oder versteckter Auflehnung und resignierter Unterwerfung darstellen zu lassen.

Noch mehr emotionales Elend, sogar eine geballte Ladung, bot am Freitagmorgen der polnische Wettbewerbsbeitrag. "United States of Love" (Zjednoczone stany miłości) ist ein typischer Vertreter der altbekannten Berlinale-Art "Feel-bad-Movie". Er spielt im Jahr 1990: In Osteuropa sind die Mauer und das Sowjetsystem gefallen und auch in Polen hat eine neue Zeit angefangen. Doch die Menschen hängen anscheinend noch an den unsichtbaren inneren Fäden des alten Systems.

© Oleg Mutu Lupe
"United States of Love": Julia Kijowska
In dieser Zeit zeigt der 35-jährige Regisseur Tomasz Wasilewski auf polnische Art - fast in Schwarzweiß, in Bildern mit extrem entsättigten Farben - drei verliebte Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die eine hält es kaum noch mit ihrem öden Ehemann aus und verzehrt sich nach dem jungen katholischen Priester. Ihre Schwester, eine Karrierefrau, ist Schulleiterin, hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Arzt und kann nicht ertragen, als dieser sie nach dem Tod seiner Frau verlässt. Und schließlich ist da die von der Direktorin aufs Abstellgleis geschobene ältere Lehrerin, die alles dafür tut, um die emotionale Aufmerksamkeit ihrer jungen und hübschen Nachbarin, der Aerobic-Lehrerin, zu gewinnen.

Der Zuschauer beobachtet diese drei Liebesdramen ganz hautnah. So inszeniert Regisseur Tomasz Wasilewski seine Protagonistinnen mit sehr viel Körperkontakt und manchmal auch recht drastisch, bleibt dabei aber seinen Figuren merkwürdig fern. Die Kamera folgt oft minutenlang von hinten den Protagonisten, mit Blick auf die Hinterköpfe, von denen man nicht weiß und offenbar auch nicht wissen soll, was in ihnen vorgeht.

© Oleg Mutu Lupe
Filmszene mit Dorota Kolak
Wasilewski, der sein Talent für Stilisierung und handwerklich starke Inszenierung schon mit dem Frauenporträt "In the Bedroom" (2012) und dem Coming-out-Drama "Floating Skyscapers" (2013) bewies, hat mit einigen der besten polnischen Schauspielerinnen wieder einen sehr kunstvollen Spielfilm gedreht, der viele lose dramaturgische Enden ausgelegt, aber sich nicht wirklich für seine Figuren interessiert. Ihr Leiden und ihre Reaktionen darauf werden ausgestellt, ihre psychischen Beweggründe spielen nur zeitweise eine Rolle. Der Film und der Regisseur verlassen sie, wenn genug gelitten und gezeigt worden ist. Extremstes Beispiel: Die Schulleiterin trifft am Ende ihrer Episode eine Entscheidung über Leben und Tod, und wir Zuschauer dürfen dann raten, warum diese im Film und auf die Psyche der Figur keine erkennbaren Folgen hat.

Tomasz Wasilewski hat seine Karriere unter anderem als Regieassistent bei Małgorzata Szumowska begonnen, in diesem Jahr Mitglied der Berlinale-Jury. Von ihrem herausragenden Drama "Body", das im vergangenen Jahr in Berlin Premiere hatte, könnte er noch eine Menge lernen.

Achim Forst, 18. Februar
Aus Begeisterung über den einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag "24 Wochen" wollten Anfang der Woche manche Kritiker oder besser: Berichterstatter den Silbernen Bären für die beste weibliche Hauptdarstellerin am liebsten gleich an Julia Jentsch vergeben. Doch gestern sahen Meryl Streep und ihre Kollegen den dänischen Spielfilm "Kollektivet" (Die Kommune), in dem die wunderbare dänische Darstellerin Trine Dyrholm bewies, dass sie inzwischen in der gleichen Liga wie die Jury-Präsidentin der Berlinale spielt. Trine Dyrholm ist die zentrale Figur im Ensemble des Films, zusammen mit Ulrich Thomsen, mit dem sie vor bald 20 Jahren in "Das Fest" bekannt wurde, dem ersten "Dogma 95"-Film, ebenfalls unter der Regie von Thomas Vinterberg.

© Henrik Petit Lupe
Bären-verdächtig: die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm
Aus Überdruss am Kleinfamilien-Eheleben überredet die Fernsehansagerin Anna (Trine Dyrholm) ihren schon leicht verknöcherten Ehemann und Architektur-Dozenten Erik (Ulrich Thomsen) dazu, in seinem vom Vater geerbten Haus eine Kommune zu gründen. Später steht sie auch im Mittelpunkt, als das fröhlich-chaotische Alltags-Utopie-Projekt an den Rand des Scheiterns gerät. Erik hat sich in eine Studentin verliebt, die Anna in einer Mischung aus trotziger Toleranz und verquerer Abgeklärtheit auch noch als neue Mitbewohnerin einlädt. Wie Trine Dyrholm Annas darauf folgenden Leidensprozess mit allen Widersprüchen und Nuancen darstellt und physisch spürbar macht, bis zum Kollaps vor laufender TV-Kamera, das ist große Schauspielkunst und ganz klar Bären-verdächtig.

Thomas Vinterbergs Film dagegen ist menschlich, sympathisch und wohl auch sehr authentisch, aber großes Kino ist er nicht. An der liebe- und verständnisvollen Figurenzeichnung und in schönen Details kann man ahnen, dass der 1969 geborene Vinterberg die Szene und die Szenen, die er in "Die Kommune" (Kinostart: 21.04.2016) zeigt, als kindlicher Beobachter in den 70er Jahren selbst miterlebt hat. Seine Perspektive war wohl ungefähr die der heranwachsenden Freja, Eriks und Annas Tochter, die am Ende eine Schlüsselrolle spielt. Doch das ist auch das Problem des Films: Weil sich Vinterberg dramaturgisch ganz auf den Kleinfamilienkonflikt innerhalb der Kommune konzentriert hat, verblassen alle anderen Protagonisten zu Randfiguren. Oft sitzen sie wie der Chor in der antiken Tragödie um den WG-Esszimmertisch und geben Kommentare und Stichworte zum Drama der verdrängten Eifersucht.

© Ola Kjelbye Lupe
Eine Kommune als fröhlich-chaotisches Alltags-Utopie-Projekt, das an den Rand des Scheiterns gerät
Passend zum emanzipatorischen Thema seines Films wurde Thomas Vinterberg nach der Premierenvorführung auf der Bühne des Berlinale-Palast sehr politisch, indem er indirekt Dänemarks Umgang mit Flüchtlingen ansprach: Sie, das Filmteam, hätten versucht, mit "Kollektivet" einen Film über Liebe, Zuwendung und gegenseitiges Sich-Kümmern zu machen. Umso mehr schäme er sich, erklärte Vinterberg - mit eingeschobener Kurzentschuldigung an den anwesenden dänischen Botschafter -, für die extreme Kaltherzigkeit der Regierung seines Landes. Doch alle sollten wissen, dass es hinter der kalten Fassade der dänischen Politik viele Dänen gebe, die sich um Mitgefühl, Respekt und Menschlichkeit bemühen.

Zwischenbilanz von Maik Platzen, 17. Februar
Warum laufen bestimmte Filme auf der Berlinale im Wettbewerb, aber "außer Konkurrenz"? Verzichten ihre Macher aus Bescheidenheit schon vorab freiwillig auf den Goldenen Bären? Oder haben sie beim Losen geloosed? Was prädestiniert Filme für Reihen wie "Berlinale Special" oder "Generation 14Plus"? Könnte ein Dokumentarfilm aus dem "Forum Expanded" nicht ebenso gut in den "Panorama Dokumenten" gezeigt werden?

Fragen, die sich jedes Jahr wie es scheint schwieriger beantworten lassen. Im Zuge dieser Verwirrung wird eins aber auch immer klarer. Der Wettbewerb bekommt zwar das meiste Scheinwerferlicht ab, bietet aber keinesfalls die besten oder wichtigsten Filme. Im Berlinale-Dschungel ist Mundpropaganda daher ein unverzichtbarer Wegweiser. Außerdem braucht man einfach auch eine Menge Glück, um seine eigenen Bärengewinner für sich zu entdecken - jenseits von dem, was am Ende auf den Zetteln der Jury steht.

Zur Festival-Halbzeit wollen wir daher auf einige Filme hinweisen, die uns besonders gefallen haben und die wir demnächst gerne im Kino wiedersehen werden beziehungsweise würden.

Lupe
Victor Ezenfis, Natacha Régnier und Fabrizio Rongione in "Le Fils de Joseph"
Einer der schönsten Spielfilme war "Le Fils de Joseph" von Regisseur Eugène Green. Als Teenager will Vincent, der mit seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, endlich wissen, wer sein Vater ist. "Du hast keinen Vater", lautet seit Jahren die Antwort seiner Mutter. Schließlich kommt der junge Mann aber doch dahinter. Sein Vater ist als Verleger eine Größe in der Pariser Literaturszene und ein arrogantes Ekel, das sich um seine Familie keinen Pfifferling schert. Also gibt Vincent sich als junger Literat aus und stiftet Unruhe in der Welt seines Vaters.

Regisseur Eugène Green war Maler und Dozent für Philosophie, gründete und leitete eine Theatergruppe, bevor er sich vor einigen Jahren mit Anfang 50 dem Film zuwandte. Eugène Greens Arbeit ist das Werk von jemandem, der das Kino noch einmal neu für sich selbst erfunden hat und der die Geschmeidigkeit des Mediums dazu nutzt, auch die anderen Künste, die er liebt, auf merkwürdig spannungsvoll-harmonische Weise einzubinden. Genial, wie die Kamera mit wenigen Bewegungen Vincents Blick auf ein Gemälde aufschlüsselt. Umwerfend wie der Film sich die Zeit nimmt, klassischen Barock-Gesang einzubinden. Die Stimmungslage ist dabei immer wieder komisch und traurig zugleich.

Steht der Film für irgendeinen Trend? Geht es um ein wichtiges "Thema"? Nein, man sieht dem Film einfach staunend dabei zu, wie er seine Karten auf den Tisch legt und mit einfachen Mitteln zauberhafte Blüten treibt. "Le Fils de Joseph" ist tief in seiner Einfachheit und in seiner Tiefe mühelos zugänglich. Aber warum "nur" im "Forum" und nicht im "Wettbewerb"? Wie gesagt, vielleicht ist die Frage einfach nicht mehr relevant.

© DEFA-Stiftung/Jürgen Brauer Lupe
Gert Krause-Melzer in Heiner Carows "Die Russen kommen"
Eine filmische Wiederauferstehung feierte der Spielfilm "Die Russen kommen", den Regisseur Heiner Carow 1968 in der DDR für die DEFA drehte, der vor seiner Aufführung verboten wurde und im Archiv verschwand. 1987 wurde das Material wieder hervorgeholt und in einer anderen Version als ursprünglich vorgesehen in die DDR-Kinos gebracht. Der Alterungsprozess hat dem Ausgangsmaterial der beiden Fassungen schwer zugesetzt. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis der jüngsten digitalen Restauration, die in der Reihe "Berlinale Classics" zu sehen war. (Das Digitale ist nicht nur der Tod des analogen Kinos, es ist immer wieder auch seine Rettung.) Die Spuren der Zeit sind nicht verschwunden, sondern im Film sichtbar. Wenn man sich darauf einlässt, stören sie nicht, sondern entfalten sogar eine eigentümliche Poesie. Am Strand der Ostsee, wo der Film beginnt und endet, wirken Kratzer im Bild wie ein feiner Bleistiftregen, so als hätte man ihn eigens sorgsam hinein-animiert.

Im Frühjahr 1945 sollen und wollen auch HJ-Jugendliche wie Günter Walcher die Russen aufhalten, obwohl der Krieg längst verloren ist. Bevor sie an die Front ziehen, jagen sie einen jungen russischen Ostarbeiter, der schließlich von einem Polizisten erschossen wird. Als die Russen dann tatsächlich kommen und Günter gefangen nehmen, erscheint ihm der erschossene Ostarbeiter als geisterhafter russischer Soldat in seiner Zelle.

Weder Günter noch sonst einer der anderen deutschen Jungen ist 1968 ein "antifaschistischer Held" nach dem Gusto der SED-Führung. Hauptsächlich deswegen wird der Film 1968 in der DDR verboten. Und vielleicht deswegen wirkt er heute so erstaunlich realistisch. (Auf ähnliche Stimmen und Ansichten wie die, die sich in "Die Russen kommen" finden, stößt man übrigens auch in Nicolas Stargardts vor kurzem erschienener großer Studie: "Der Krieg der Deutschen 1939-1945", in der Stargardt die Ereignisse der damaligen Zeit im Spiegel privater Tagebücher und Korrespondenzen beleuchtet.)

Lupe
Szene aus "Isolation of 1/880000"
Im Rahmen des "Forums" gibt es in diesem Jahr eine eigene kleine Reihe: "Hachimiri Madness" - japanische Undergroundfilme aus den 70er und 80er Jahren; manche kurz, manche mittellang, andere abendfüllend. In "Isolation of 1/880000" von Sogo Ishii kann man gut 40 Minuten lang einem Studenten dabei zusehen, wie und warum er mit seinem Vorbereitungen für das alles entscheidende Examen an Tokyos Waseda-Universität scheitert. Teramitsu ist ein leicht gehbehinderter Nerd mit scharzer Hornbrille, tief vereinsamt, süchtig nach den Nacktbildern in Pornoheftchen, ein notorischer Spanner. "Yes I can" steht auf selbstgeschriebenen Motivationstafeln in seinem Zimmer. Aber nein, er kann sich nicht konzentrieren. Und das alles noch ganz ohne Internet.

Aber Teramitsu fällt nicht deshalb durch, weil er in Pornoheften blättert. Vielmehr scheint das stupide Büffeln, zu dem er und seine Kommilitonen verdammt sind, ebenso obszön zu sein wie die ewig unbefriedigte und aufgestaute Geilheit des jungen Freaks. Wir befinden uns im Jahr 1977, nach dem Scheitern einer linken Studentenbewegung. Vor diesem Hintergrund erzählt "Isolation of 1/880000" auf humorvoll-melancholische Weise und keinesfalls als "Problemfilm" von einem Driften ins Private. Die Stimmung des Films erinnert an die frühen, kurzen Texte von Haruki Murakami. Der visuelle Stil, poppig-schnell erzählt, könnte und dürfte den jungen Wong Kar-Wai beeinflusst haben. Die gesellschaftlichen Entwicklungen hallen nach und schwingen mit.

© Reuters, Stefanie Loos Lupe
Regisseurin Doris Dörrie (Mitte) stellt in Berlin gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen Kaori Momoi (links) und Rosalie Thomass ihren Film "Grüße aus Fukushima" vor.
Japan liegt seit vielen Jahren Doris Dörrie sehr am Herzen. Auf der Berlinale zeigt die bekannteste deutsche Regisseurin in der Unter-Sektion "Panorama Spezial" ihren neuen Film: "Grüße aus Fukushima" (in der japanischen Aussprache mit Betonung auf der zweiten Silbe: also nicht Fu-ku-shima, sondern Fu-ku-shima). Wie oft bei Doris Dörrie geht es um eine Sinnsuche. Die junge Deutsche Marie fliegt nach Japan, um mitzumachen bei "Clowns4Help" - ehemalige Bewohner der zerstörten Gegend um Fukushima, die noch immer in Wohncontainern untergebracht sind, sollen unterhalten und getröstet werden. Doch wie Marie feststellen muss, fehlt ihr das Zeug zum Entertainer. Die von Selbstzweifeln geplagte junge Deutsche lernt Satomi kennen, die "letzte Geisha" von Fukushima. Marie hilft Satomi, als diese sich trotzig in die zerstörte Zone begibt, um alleine ihr altes Haus wieder herzurichten. Satomi geht es aber nicht nur um ihr Haus. Sie versucht klarzukommen mit dem Verlust ihrer Schülerin, an deren Tod bei der Katastrophe sich Satomi schuldig fühlt.

Wie Doris Dörrie im Interview mit dem 3sat-Kinomagazin "Close up" erzählt (Ausstrahlung am Dienstag, 23. Februar 2016, 21.45 Uhr), werden die Katastrophe von Fukushima und ihre Folgen in Japan weitgehend verdrängt. In der Industrienation mit animistischem Volksglauben sah sich Doris Dörrie zudem vor ein anderes Problem gestellt: Viele Japanern begegneten dem Film auch deshalb mit Skepsis und Angst, weil das Gebiet um Fukushima nur so wimmelt von unerlösten Toten, die nun als gefährliche Geister zurückkommen wollen ins Leben. Wie eine Aussöhnung zwischen Lebenden und Toten aber funktionieren kann - auch davon erzählt "Grüße aus Fukushima".

Wenn es einen "amtlichen" Trend auf der Berlinale gibt, dann ist es wohl der: Dokumentarfilme zu den brennend aktuellen gesellschaftspolitischen Themen der Zeit. Da, wo Fernsehnachrichten und Polittalks Zahlen herunterbeten oder mit nicht selten eher kruden Thesen "emotionalisieren", stellen sie die Menschen in den Mittelpunkt und machen so auch Prozesse verständlicher.

© Khaled Abdulwahed Lupe
Liebevolle Blicke: "And-Ek Ghes"
In "And-Ek Ghes" (Forum) macht Philip Scheffner seinen Protagonisten Colorado Velcu zum Ko-Autor und -Regisseur. Colorado Velcu zeichnet in Wort (Tagebuch) und Bild (Kompaktkamera) auf, womit er und seine Familie als eingewanderte Roma zunächst in Essen, dann in Berlin zu kämpfen haben und wovon sie träumen. Der Realismus von "And-Ek Ghes" ist aber alles andere als deprimierend. Mit einem solch liebevollen Blick hat man Berlin im deutschen Kino wahrscheinlich lange nicht gesehen. Der Film lässt eine Ahnung davon aufkommen, was eine öffentliche Kultur der Vielheit noch so alles bedeuten könnte.

Ebenfalls zwingend aufgrund seiner Protagonisten, wenngleich weniger seiner filmischen Form wegen ist der Dokumentarfilm "National Bird" von der amerikanischen Regisseurin Sonia Kennebeck in der Reihe "Berlinale Spezial". Ko-produziert von Wim Wenders lässt "National Bird" eine Reihe von ehemaligen Mitarbeitern des US-Militärs zu Wort kommen. Genauer gesagt, Männer und Frauen, die am Kriegseinsatz von unbemannten Kampfdrohnen beteiligt waren. Gleichzeitig erzählen Überlebende eines Drohnenangriffs von ihren Schmerzen und Verlusten. Mit den vereinten Stimmen aus Amerika und Afghanistan reflektiert der Film die Perversion des Drohnenkriegs.

© dpa/Berlinale Lupe
Szene aus "Fuocoammare"
Menschen, die unter katastrophalen Bedingungen in überfüllten alten Schiffen übers Mittelmeer flüchten, zeigt "Fuocoammare" (auf deutsch etwa: "Meer in Flammen"). Der Film lässt die Hilferufe von Schiffbrüchigen hören, er zeigt die dehydrierten Körper der Geretteten und der Unrettbaren. "Fuocoammare" erzählt von Menschen auf der italienischen Insel Lampedusa, 140 Kilometer vor der afrikanischen Küste, 200 Kilometer vor Sizilien. Der Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi läuft übrigens im Wettbewerb und gilt bislang als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für den Goldenen Bären.

Achim Forst, 17. Februar
Die Festivals in Cannes, Venedig und Cannes haben sie seit vielen Jahren: eine "Woche der Kritik", in der die Rezensenten sozusagen die Seiten wechseln und als Programmmacher auftreten. Für diese Festivalsektionen treffen Filmkritiker eine ganz besondere, bewusst subjektive Auswahl aus dem Angebot des internationalen Kinos: Filme, die das aktuelle Festival nicht zeigt, zeigen kann oder zeigen will - übersehene, unterschätzte oder sogar ganz unbekannte Filme, die manche für Meisterwerke, andere vielleicht für aufgeblasenen Unsinn halten. Aber immer sind es Filme, die Diskussionen auslösen oder sogar provozieren - Diskussionen, die nach den Vorführungen auch öffentlich geführt werden.

Auch in Berlin gibt es eine solche Reihe: Im Hackesche-Höfe-Kino zeigt der Verband der deutschen Filmkritik seit Festivalbeginn bis zum 18. Februar (viele Wiederholungen am 21. Februar) elf ungewöhnliche, meist experimentelle Spielfilme weitgehend wenig bekannter Autoren. Am bekanntesten ist der Regisseur des einzigen, dazu noch stummen Kurzfilms ("Vapour"): der Thailänder Apichatpong Weerasethakul, der mit "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" 2010 in Cannes die Goldene Palme gewann. In "Blue Dress" (Das blaue Kleid) im selben Programm führte der ukrainische Regisseur Igor Minaev eine sehr persönliche Familiengeschichte mit vergessenen Schwarzweiß-Kurzfilmen aus der Sowjetzeit zusammen.

In Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung hat der Verband der deutschen Filmkritik mit sieben Programmen zum zweiten Mal zur Berlinale eine wichtige filmkuratorische Arbeit geleistet, die von den Festivalbesuchern offensichtlich geschätzt wird. Manche Vorstellungen waren überfüllt und ausverkauft, und das fast ohne Werbung, weil die Woche der Kritik nicht zum Festival gehört und in keiner der Berlinale-Publikationen vorkommt. Das sollte sich ändern: Ein weltoffenes und erklärtermaßen kritisch-politisches Filmfestival wie die Berlinale braucht unkonventionelle, auch subversive Denkanstöße wie die "Woche der Kritik". 2017 hoffentlich ganz offiziell als unabhängige Veranstaltung unter dem Dach der Berlinale wie bei den großen Festivals in Frankreich, Italien und der Schweiz.

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© berlinale 66. Berlinale 2016 - 3sat auf den Filmfestspielen Berlin
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