© Heidi Specogna
Szene aus "Cahier africain": Die zwölfjährige Fane und ihr roter Rucksack sind im Dorf PK 12 zurückgeblieben und warten auf den nächsten Flüchtlingstransport.
Szene aus "Cahier africain": Die zwölfjährige Fane und ihr roter Rucksack sind im Dorf PK 12 zurückgeblieben und warten auf den nächsten Flüchtlingstransport.
"Cahier africain" erhält den Deutschen Filmpreis 2017
ZDF/3sat-Koproduktion in der Sparte Bester Dokumentarfilm prämiert
Der bereits mehrfach prämierte Dokumentarfilm "Cahier africain" von Heidi Specogna hat jetzt eine weitere Auszeichnung erhalten: Die ZDF/3sat-Koproduktion (Redaktion: Katya Mader, Udo Bremer) wurde am 28. April in Berlin in der Kategorie Bester Dokumentarfilm mit dem Deutschen Filmpreis 2017 geehrt.
Die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna folgt in ihrem Film den Schicksalen von Frauen im kriegszerrütteten Zentralafrika. Ausgangspunkt ist ein Heft, in dem die Verbrechen kongolesischer Söldner an Frauen, Mädchen und Männern dokumentiert werden. Über sieben Jahre hinweg begleitete Specogna die Protagonistinnen ihres Films, die weiterhin mit den Spätfolgen der Gewalt kämpfen. "Cahier africain" wurde im Dezember 2016 mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis und kurz davor mit zwei Preisen auf dem Filmfestival DOK Leipzig ausgezeichnet.

Auf den karierten Seiten eines unscheinbaren Schulhefts stehen die mutigen Zeugenaussagen von 300 zentralafrikanischen Frauen und Mädchen. Die vielen Opfer, unter ihnen auch einige Männer, offenbaren in dem "Cahier africain", was ihnen 2002 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern angetan wurde. Das Heft ist ihr selbst gefertigtes Beweisstück, um die an ihnen verübten Verbrechen zur Anklage zu bringen.

© Heidi Specogna Die 15-jährige Arlette ist verzweifelt. Erneut kommt es zu gefährlichen Unruhen, die sie aus ihrem Heimatdorf PK 12 vertreiben.
Die 15-jährige Arlette ist verzweifelt. Erneut kommt es zu gefährlichen Unruhen, die sie aus ihrem Heimatdorf PK 12 vertreiben.
Im Zuge einer aufwändigen Geheimmission gelangte das Heft zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag - in der Hoffnung, dem Weltgericht ein entscheidendes Beweismittel im Prozess gegen den kongolesischen Truppenführer Jean-Pierre Bemba in die Hand zu geben. Er ist der erste Angeklagte, der sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Anordnung von Vergewaltigungen als Kriegsstrategie verantworten muss.

"Cahier africain" begleitet seine Protagonisten aus dem Dorf PK 12, einem Vorort der Hautstadt Bangui, seit 2008: Amzine, eine junge muslimische Frau, hat als Folge der Vergewaltigungen von 2002 ein Kind zur Welt gebracht. Der Blick auf ihre heute zwölfjährige Tochter Fane erinnert sie täglich an ihr Trauma. Arlette, ein christliches Mädchen, litt jahrelang an einer nicht heilen wollenden Schussverletzung. Nach einer erfolgreichen OP in Berlin hegt sie Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben.

Aber inmitten der Versuche der Dorfbewohner von PK 12, den schwierigen Alltag mit Zuversicht zu meistern und während in Den Haag noch die juristische Aufarbeitung der letzten Kriegsverbrechen in Gange ist, bricht in der Zentralafrikanischen Republik der nächste Krieg aus. Amzine, Fane und Arlette werden erneut in einen Strudel von Gewalt, Tod und Vertreibung gerissen. An ihrer Seite dokumentiert der Film den Zusammenbruch von Ordnung und Zivilisation in einem von Bürgerkrieg und Putsch zerrissenen Land. Kein Einzelfall auf dem afrikanischen Kontinent.

© Ludwig Rauch
Die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna lebt und arbeitet in Berlin.
"'Cahier africain' ist ein persönlicher Film", sagt Regisseurin Heidi Specogna, "aus einer zufälligen Begegnung mit dem Heft, während einer Recherchereise, sind sieben Drehjahre geworden. Wir haben die Menschen aufgesucht und begleitet, die sich dem Heft anvertraut haben. Heute wird das Heft im Tresor des Weltgerichts in Den Haag verwahrt, neben Tausenden von Beweisen anderer Kriegsverbrechen. Das Schicksal der Frauen und ihrer mit Gewalt gezeugten Kinder ist eine von der Welt ausgeblendete Tragödie. Schätzungen besagen, dass allein im zentralafrikanischen Raum in den letzten Jahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen über 100.000 Frauen geschändet worden sind. Nach dem Völkermord in Ruanda sollen an die 20.000 Kinder zur Welt gekommen sein. Dem schwierigen Versuch von Frauen, nach dem Erleben von Gewalt wieder Fuß im Leben zu fassen, wollte sich der Film ursprünglich widmen. Der erneute Kriegsausbruch in der Zentralafrikanischen Republik hat das Drehbuch jäh umgeschrieben."

Heidi Specogna, geboren 1959 in Biel/Bienne, lebt und arbeitet in Berlin. Sie besuchte die Journalistenschule in Zürich. Von 1982 bis 1988 studierte sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 2003 ist sie Dozentin an der Filmakademie Ludwigsburg für Dokumentarfilm. Ihre Dokumentarfilme wurden vielfach mit Filmpreisen ausgezeichnet. Filme (Auswahl): "Tania, la Guerillera" (1991), "Tupamaros" (1996), "Eine Familienangelegenheit" (2004), "Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez" (2006), "Das Schiff des Torjägers" (2010), "Carte Blanche" (2011).

  • Credits: "Cahier africain", Dokumentarfilm von Heidi Specogna, Schweiz/Deutschland 2016, 119 Minuten, Redaktion ZDF/3sat: Katya Mader, Udo Bremer

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