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Atelier de conversation
In der "Bibliothèque publique d'information" im Centre Pompidou in Paris treffen einander wöchentlich Menschen aus allen Erdteilen, um im "Atelier de conversation" Französisch zu sprechen. Neben Kriegsflüchtlingen sitzen Geschäftsleute, neben unbekümmerten Studierenden politisch verfolgte Menschen.
So verschieden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch sind, so haben sie gemeinsame und verbindende Ziele: Die Sprache zu lernen und Verbündete zu finden, um in der Fremde (über-)leben zu können. An diesem hoffnungsvollen Ort werden soziale und kulturelle Grenzen aufgelöst und Menschen, die niemals miteinander in Berührung kommen, begegnen sich auf Augenhöhe. Ein Film über einen hoffnungsvollen Ort, an dem soziale und kulturelle Grenzen aufgelöst werden, an dem der Einsamkeit in der Fremde widersprochen wird: "Tu n'es pas seul."

Du bist nicht allein
© ORF/Bernhard Braunstein Die Bibliothek des Centre Pompidou
Die Bibliothek des Centre Pompidou
"Tu n'es pas seul - du bist nicht allein." In der Bibliothek des Centre Pompidou, einer der größten der Stadt Paris, treffen sich wöchentlich Menschen aus allen Erdteilen, um Französisch zu sprechen, sich auszutauschen. Die Regeln sind einfach: eineinhalb Stunden Diskussion, ausschließlich auf Französisch.

Die Teilnehmer/innen sind so verschieden, wie es nur sein kann - Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft und Sprache mit auseinandergehenden Meinungen und Einstellungen. Neben Kriegsflüchtlingen sitzen Geschäftsmänner, neben unbekümmerten Student/innen politisch Verfolgte. Und doch einen sie gewisse Dinge: Sie alle wollen Französisch lernen und sich in Paris einleben, sie wollen ankommen, sich nicht mehr fremd fühlen. Viele kämpfen mit Einsamkeit, Sprachbarrieren, Heimweh.

© ORF/CINEMA NEXT  Young Austrian Cinema/BORF/CINEMA NEXT  Young Austrian Cinema/Bernhard Braunstein Ein Ort, an dem soziale Grenzen aufgelöst werden!
Ein Ort, an dem soziale Grenzen aufgelöst werden!
Im Atelier, diesem kleinen, hoffnungsvollen Raum, der wie ein leicht klaustrophobisch anmutender safe space aus Glas inmitten der riesigen Bibliothek platziert ist, wird über die ganz großen Themen geredet - Politik, Heimat, Identität, Nationalität und die Liebe: "Qu'est-ce que c'est, l'amour?" Zur Sprache kommen Klischees bezogen auf Gender und Herkunft, die Wirtschaftskrise, den Krieg. Während die Gespräche viel über die einzelnen TeilnehmerInnen erzählen, kochen die Emotionen hoch: Mit Momenten des Bonding zwischen den TeilnehmerInnen, gemeinsam gespendetem Trost, Gelächter, provokanten Äußerungen und Streitereien ist die Emotionspalette so vielfältig wie die Persönlichkeiten, die hier aufeinandertreffen. Das "Atelier de Conversation" ist ein Ort, an dem soziale und kulturelle Grenzen aufgelöst werden und Menschen, die sonst wahrscheinlich niemals miteinander in Berührung kommen würden, sich auf Augenhöhe begegnen.

Die halbnahen Einstellungen fokussieren ihre Gesichter, ihre Mimik und Gestik. Die Blicke der Zuhörenden sprechen Bände, erzählen von eigenen Erinnerungen und Gefühlen, an die die Worte der gerade Sprechenden rühren. Abgekoppelt von ihrem neuen, eigentlichen Lebensumfeld - der Stadt Paris - etabliert sich ein konzentrierter Raum des Austauschs, der den leeren Hallen des Centre Pompidou in der Abendzeit sowie dem anonymen Treiben der pulsierenden Stadt Paris gegenübergestellt wird.

Nach eineinhalb Stunden leert sich auch der kleine Glaskobel wieder. Zurück bleibt ein Sesselkreis aus roten Plastikstühlen, der auf die nächste Woche wartet, auf neue französische Vokabeln, Phrasen und Anekdoten. "Ça va aller - das wird schon werden".
(Katalogtext)

Regisseur Bernhard Braunstein zum Film:
Im Februar 2009 zog ich nach Paris. Ich wollte Französisch lernen und ein anderes Leben ausprobieren. Das Sprachengewirr und das multikulturelle Mosaik der Metropole versetzten mich in Staunen. Je genauer ich beobachtete, desto aufregender wurde die Stadt, zugleich aber auch ungreifbarer, komplexer, überladen mit Bildern und Geschichten.
Der Euphorie folgte Ernüchterung. Eine große Barriere bildete die Fremdsprache. Ich sprach zwar kein Wort Französisch,war aber überzeugt, mich nach einigen Monaten vor Ort und einem Intensivsprachkurs bald verständigen zu können.Schon nach wenigen Wochen wurde mir bewusst, wie naiv diese Vorstellung gewesen war. Auch nach einem halbenJahr war ich in dieser Stadt immer noch sprachlos und einsam.

Eine Schnittstelle für die verschiedenen Lebenswelten in Paris ist die Bibliothèque publique d'information (Bpi), die sichauf zwei weitläufigen Etagen des Centre Pompidous befindet und kostenlos ohne Formalitäten für jeden frei zugänglichist. Die Energie an diesem Ort, an dem täglich über 4.000 Menschen aus aller Welt denken, lesen, lernen, plaudern,Musik hören, fernsehen, im Internet surfen, schlafen oder sich einfach nur aufwärmen, war ansteckend undmotivierend. Häufig war ich dort, um an einem Multimedia-Arbeitsplatz Französisch zu lernen. Eines Nachmittags lasich eine Informationstafel, die ins "Atelier gratuit de conversation" zur offenen Konversationsgruppe einlud, jeweils Freitag um 18 Uhr. Es war Freitag Nachmittag, ich blieb bis zum Abend in der Bibliothek und schrieb mich eine viertel Stundevor Beginn auf eine Liste: Bernard, Autriche. Kurze Zeit später befand ich mich im "Atelier gratuit de conversation" ineinem Sesselkreis als eine von etwa 16 Personen. Staunend betrachtete ich die fremden Gesichter. Eine kurzeVortsellungsrunde begann. Jede/r der TeilnehmerInnen kam aus einem anderen Land, bis auf Australien waren alleKontinente vertreten.

Zwei Jahre lang besuchte ich regelmäßig das Atelier, das zweite mit der Idee, einen Film zu machen und vorzubereiten.Alle ProtagonistInnen des Films haben eine sehr tiefgreifende und intensive Erfahrung gemacht. Sie haben erlebt, wiedeprimierend Sprachlosigkeit sein kann und wie groß das Bedürfnis ist, zu kommunizieren.
Im Atelier finden sie Verbündete, können sich austauschen und erleben starke Glücksmomente, intensive menschlicheBegegnungen. Es macht mich glücklich, das friedliche Aneinanderprallen der verschiedenen Welten, das Nebeneinander der Gegensätze zu beobachten, und ich bin verzaubert von der Schönheit der unterschiedlichen Menschen. Mich faszinieren die kleinen Gesten, die vielschichtigen Gesichter, die Geschichten hinter den Gesichtern und wie die Menschen untereinander und miteinander agieren, wie sie zuhören und sprechen, wie sie verstanden und missverstanden werden, wie sie zusammenfinden - und wie sie lächeln.

In diesem Gefühlsspektrum zwischen Einsamkeit, Sprachlosigkeit und dem Aufkeimen der Hoffnung sehe ich den emotionalen Kern des Films "Atelier de Conversation".
Erst nachdem ich das Atelier mehrmals besucht hatte, begriff ich, wie unterschiedlich die TeilnehmerInnen waren undwelche hochaktuellen gesellschaftspolitischen Bezüge sie in den Raum hineinbringen. Hier sind Studenten, Ärzte undRechtsanwälte, Menschen, die nur für einen bestimmten Zeitraum gekommen sind und nicht um ihre Existenz bangenmüssen. Der Alltag anderer ist von einem brutalen und anstrengenden Überlebenskampf geprägt. Ins Atelier kommenMenschen, die auf der Straße leben, die keine Dokumente besitzen, abhängig sind von Asylbeamten, Hilfsorganisationenund von Arbeitgebern, die sie häufig ausbeuten. Gestrandete, die aufgrund religiöser oder politischer Konflikte nichtzurück können, aber auch nicht hier sein dürfen. Für sie hat das Atelier eine Bedeutung, die ich selbst nicht kannte. Hiersind sie willkommen, hier werden alle gleich, wie Menschen, behandelt.

Das Atelier ist ein Ort der Hoffnung, ein menschlicher Exkurs, eine Parenthese, eine Unterbrechung des täglichenÜberlebenskampfes. Es ist ein toleranter und hierarchiefreier Treffpunkt und Schmelztiegel der vielen Lebensrealitäteneiner Großstadt.

Sendedaten
Erstausstrahlung!

Montag, 18. Februar 2019
um 22.25 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
© ORF/Bernhard BraunsteinLupeDokumentarfilm von Bernhard Braunstein, Österreich/Frankreich/Liechtenstein 2017
Sendeplatz
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr
Auszeichnung
ARTE-Dokumentarfilmpreis bei der Duisburger Filmwoche 2017