© Vesko Gösel
Dietrich Leder ist Medienwissenschaftler und Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Für 3sat hat er von 1997 bis 2001 mehrmals im Jahr im Anschluss an die "Dokumentarfilmzeit" Gespräche mit Filmemachern geführt.
Dietrich Leder ist Medienwissenschaftler und Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Für 3sat hat er von 1997 bis 2001 mehrmals im Jahr im Anschluss an die "Dokumentarfilmzeit" Gespräche mit Filmemachern geführt.
Das Leben im Blick
Von Dietrich Leder
In den letzten 25 Jahren hat 3sat viele Dokumentarfilme gezeigt, die in Erinnerung bleiben. Weil sie Geschichten mitten aus dem Leben erzählen - mal skurril, mal schonungslos, mal amüsant und manchmal auch tragisch. Zum Jubiläum ein Rückblick.
Der ältere Mann, der im Eisenbahnabteil der Kamera gegenübersitzt, entschuldigt sich für seine Emotionen. Ihn hat die Erinnerung übermannt. Die Erinnerung an eine Situation im Konzentrationslager, in das die Deutschen ihn, den polnischen Juden, deportiert hatten. Er hatte von einem Kameraden, der gerade neben ihm in der Baracke an Entbehrung gestorben war, einen Kanten Brot genommen. Dass er, in höchster Lebensnot, einem Toten das Brot entwendete, erscheint ihm im Rückblick wie ein Verbrechen. Vermutlich nicht im konkreten Sinne des Diebstahls, sondern weil er sich schuldig fühlt, dass er - im Gegensatz zu diesem Kameraden - das Lager überlebte.

Die eindrückliche Szene stammt aus dem Dokumentarfilm "Mendel Schainfelds zweite Reise nach Deutschland", den Hans-Dieter Grabe 1972 für das ZDF drehte und der 2000 - 28 Jahre später - von 3sat in der "Dokumentarfilmzeit" wiederholt wurde. Es war der erste Dokumentarfilm, den Grabe für das ZDF realisierte. Viele weitere folgten. Sein bislang letztes Werk wurde vor einem Jahr in 3sat ausgestrahlt: "Anton und ich", das Porträt eines Bauern im Berchtesgadener Land, der noch im hohen Alter seinen Hof allein bewirtschaftet und bei dem der Regisseur über viele Jahre die Ferien verbrachte.

© ZDF, Hans-Dieter Grabe "Anton und ich"
"Anton und ich"
Die Menschen, die man in Grabes Filmen kennenlernt, haben auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches an sich. Es sind keine Politiker, keine Funktionäre, keine Prominenten oder gar Stars. Es sind Menschen, wie sie einem im Alltag begegnen könnten - unauffällig, unscheinbar. Dem Dokumentaristen aber sind sie aufgefallen. Und vor der Kamera, angeregt durch seine Fragen, tritt zutage, was sie und ihr Leben besonders macht. So lernte man durch Grabe jenen Mendel Schainfeld kennen, der Anfang der 1970er-Jahre aus Norwegen nach Deutschland fährt, um dort den Staat zu bitten, er möge seine dürftige Rente, die ihm als Überlebendem der Schoah zusteht, aufbessern. Denn durch die Folgen der im KZ erlittenen Torturen hat sich sein Gesundheitszustand noch weiter verschlechtert. Und man lernte durch Grabe den Bauern Anton kennen, der - ohne es selbst zu bemerken - beim Arbeiten stets vor sich hin pfeift und sich auch im Rentenalter im Alltag nicht helfen lassen will.

Filme wie diese zeigen die Stärken des Genres in besonders eindrücklicher Weise. Der Dokumentarfilm wird hier so verstanden, wie ihn erstmalig in den frühen 1930er-Jahren der britische Filmpionier John Grierson definiert hat. Für ihn bestand die Aufgabe des Dokumentarfilms darin, das Leben in seinen außergewöhnlichen und vor allem situativen Ausprägungen zu beobachten. Gleichzeitig begriff er die dokumentarische Tätigkeit als eine schöpferische Arbeit, mit und in der sich ein Künstler ausdrückt und artikuliert. Diese kleine Definition ist insofern hilfreich, als man mit ihr den Unterschied zu anderen dokumentarischen Formen wie der Dokumentation oder der Reportage beschreiben kann.

Dokumentarfilme sind subjektive Erkundungen
Der Dokumentarfilm ist stets von der Perspektive geprägt, aus welcher der Dokumentarist die Welt und die jeweilige konkrete Situation wahrnimmt. Dokumentarfilme sind in diesem Sinne subjektive Erkundungen, auch dann, wenn der Regisseur selbst nicht im Kommentar zu hören oder im Bild zu sehen ist. Die Fernsehdokumentation kennt hingegen nur den objektiven Gestus, mit dem ein Tatbestand dargelegt oder eine Person porträtiert wird. Und in der Reportage ist zwar der Journalist gelegentlich zu sehen und zu hören, doch die Perspektive, aus der er auf die Welt und die Situation blickt, ist mehr von allgemeinen denn von subjektiven Sichtweisen bestimmt.

© ZDF, Ulrike Ottinger "Chamissos Schatten"
"Chamissos Schatten"
Ohne einen persönlichen Zugang wäre es Hans-Dieter Grabe vermutlich nur selten gelungen, Menschen dafür zu gewinnen, sich von ihm porträtieren zu lassen. Ähnliches gilt auch für so unterschiedliche Regisseure wie Elfi Mikesch, die stets selbst die Kamera führt und so immer einprägsame Bilder zutage fördert ("Verrückt bleiben - verliebt bleiben"); für Ulrike Ottinger mit ihren großen und großartigen Reisefilmen ("Chamissos Schatten"), Gabriele Voss und Christoph Hübner mit ihren sozialgeschichtlichen Studien ("Prosper/Ebel - Das Alte und das Neue") oder Peter Heller mit seinen (binnen-) ethnografischen Filmen ("Mama General"). Selbst die radikalen Filme eines Ulrich Seidl ("Der Busenfreund", "Im Keller") mit ihren Re-Inszenierungen von extremen sozialen Situationen wären ohne den vertrauensvollen Zugang zu den Protagonisten undenkbar.

Subjektiver Zugang bedeutet aber nicht Beliebigkeit der Themen und Stoffe. Die sind breit gefächert, haben aber vielfach gesellschaftliche Relevanz. Viele Dokumentarfilme beschäftigen sich beispielsweise mit der Arbeitswelt - ob Erwin Langjahr in "Sennen-Ballade" (1996) das Alltagsleben einer Bauernfamilie auf der Schweizer Alp über ein Jahr hinweg begleitet oder Michael Glawogger in "Workingman's Death" (2005) die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Afrika, Asien und Europa in eindrückliche Bilder fasst. Andere Regisseure geben ungewöhnliche Einblicke in das zwischenmenschliche Zusammenleben: Gleich zweimal beobachtete Jens Schanze, wie sich die Gemeinschaft eines Dorfes in der Nähe von Düsseldorf veränderte, als es vom Braunkohletagebau verdrängt wurde: "Otzenrather Sprung" (2001) und "Otzenrath 3° kälter" (2007). Unvergessen auch der Zusammenprall zweier Kulturen, wie ihn Cho Sung-Hyung in ihrem Film "Full Metal Village" (2006) eingefangen hat: Tausende Heavy-Metal-Fans fallen anlässlich eines Musikfestivals in das kleine, beschauliche Dorf Wacken in Schleswig-Holstein ein.

© ZDF, Nikolaus Geyrhalter, Lucky Films "Unser täglich Brot"
"Unser täglich Brot"
Subjektiv ist auch der Zugang zur Welt und zur Geschichte, wie ihn der dokumentarische Essayfilm pflegt. Für ihn stand in Deutschland vor allem der vor vier Jahren verstorbene Harun Farocki. Viele seiner Filme, darunter "Bilder der Welt und Inschrift des Krieges" (1988), wurden in 3sat gezeigt, andere vom Sender selbst produziert wie die Studie "Stilleben" (1997). Darin vergleicht Farocki die Arbeit von Werbedesignern, die Waren für Reklamefotos ins beste Licht setzen, mit Gemälden des 17. Jahrhunderts, in denen zum ersten Mal Gegenstände in den Mittelpunkt der Darstellung gerückt wurden. Diese Konfrontation von auf den ersten Blick Konträrem wurde für weitere wichtige Dokumentarfilme bedeutsam. In "Black Box BRD" untersucht Andres Veiel (2001) zwei unterschiedliche Biografien der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. "Unser täglich Brot" von Nikolaus Geyrhalter (2007) zeigt den Zusammenhang zwischen dem, was wir essen, und der weitgehend industriellen und automatisierten Lebensmittelproduktion, in welcher der Mensch wie ein Fehler im System erscheint.

Gelegentlich werden Dokumentarfilme auf radikale Weise subjektiv: Martin Zawadzki dokumentiert in "Isolator II" (1995) die strapaziöse Behandlung eines Krebskranken und berichtet parallel dazu von seinen eigenen Erfahrungen mit der Krankheit. Birgit Hein erzählt in "Baby I Will Make You Sweat" (1994) von den Schwierigkeiten des Älterwerdens, indem sie sich selbst und ihre sexuellen Bedürfnisse bis an die Schmerzgrenze offenlegt. Jan Peters verarbeitet in dem Tagebuchfilm "Dezember, 1-31" (1999), in dem er mit den Möglichkeiten der Selbstdarstellung und -inszenierung spielt, die Trauer über den Tod seines besten Freundes.

Die Kamera wird zum Stift
Heute ist es leichter als früher, radikal subjektiv zu erzählen. Benötigte man Anfang der 1960er-Jahre noch ein kleines Filmteam, so können Dokumentaristen ihre Filme dank der Digitalisierung mittlerweile im Alleingang machen. Dabei drehen sie ihre Filme so, wie Autoren ihre Texte verfassen: Die Kamera wird zum Stift, mit dem sich bei jeder Gelegenheit etwas erfassen und skizzieren lässt. Diesen eher zufällig entstandenen Bildern stehen eindrückliche und wohlkalkulierte gegenüber, wie sie beispielsweise in den Filmen von Nikolaus Geyrhalter oder Michael Glawogger vorkommen.

Betrachtet man die letzten 25 Jahre "Dokumentarfilmzeit" in 3sat, zeigt sich ein enormer Reichtum der Gattung. Indem das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder Dokumentarfilme im klassischen Sinne in Auftrag gab und finanzierte, hat es zum audiovisuellen Gedächtnis der Gesellschaften in Deutschland, der Schweiz und Österreich beigetragen. Daran muss man gelegentlich erinnern, wenn der Dokumentarfilm mal wieder vernachlässigt oder gar missachtet wird. Vieles, was das Fernsehen gegenwärtig produziert, hat eine Verfallszeit von wenigen Jahren, mitunter nur Wochen. Die meisten Dokumentarfilme aber bestehen Jahrzehnte.

Dokumentarfilme sind widersprüchlich und komplex
Während die frühen Dokumentarfilme noch durch eine bestimmte Bildsprache oder Erzählweise geprägt waren, herrscht seit vielen Jahren eine gewisse künstlerische Offenheit. Und so überrascht der Dokumentarfilm der Gegenwart immer wieder seine Zuschauerinnen und Zuschauer. Gemeinsam ist allen guten Dokumentarfilmen, dass sie stets mehr erfassen als das, von dem sie vorrangig handeln. Sie sind widersprüchlich und komplex. Und sie bereichern. Wer sich auf sie einlässt, wird nicht mit wohlfeilen Meinungen bedient, dafür aber mit besonderen Beobachtungen und Begegnungen beschenkt: Mendel Schainfeld wird niemand vergessen, der den Film von Hans-Dieter Grabe gesehen hat.

Jubiläumsprogramm
25 Jahre Dokumentarfilmzeit
19. bis 23. November 2018
Sendeplatz
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr