Thomas Elsaesser wurde 1943 in Berlin geboren und lehrt als Professor für Filmwissenschaft an der Universität in Amsterdam. Sein Großvater ist der Architekt Martin Elsaesser (1884-1957), ein Vertreter des "Neuen Bauens".
Thomas Elsaesser wurde 1943 in Berlin geboren und lehrt als Professor für Filmwissenschaft an der Universität in Amsterdam. Sein Großvater ist der Architekt Martin Elsaesser (1884-1957), ein Vertreter des "Neuen Bauens".
"Ich machte überraschende Entdeckungen"
Interview mit Filmemacher Thomas Elsaesser
Dokumentarfilm - TV-Premiere
© Hans-Peter Elsaesser Die Sonneninsel
Montag, 16. April 2018, 22.25 Uhr
"Die Sonneninsel" handelt von Ihrer Familie: Ihren Großeltern, deren Ehe und einer Dreiecksbeziehung. Was hat Sie bewogen, diese sehr persönliche Geschichte zum Ausgangspunkt eines essayistischen Dokumentarfilms zu machen?

Ausgangspunkt war die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), das von ihr erworbene Gebäude der Frankfurter Großmarkthalle, das unter Denkmalsschutz steht, so stark baulich zu verändern, dass dessen architektonische Integrität gefährdet war. Eine von Frankfurter Architekten eingeleitete Aktion zur "Rettung" der Großmarkthalle wandte sich an uns, die Nachfahren des Architekten Martin Elsaesser. In einer außergerichtlichen Einigung zwischen EZB, Stadt Frankfurt und den "Elsaesser-Erben" verpflichteten sich die drei Parteien, jeder auf seine Weise das künstlerische Erbe dieses wichtigen Architekten des "Neuen Frankfurt" zu pflegen und zu bewahren. Zu diesem Zweck wurde die Martin-Elsaesser-Stiftung ins Leben gerufen, die mit Ausstellungen und Publikationen an die Öffentlichkeit tritt. So entstand auch die Idee eines Dokumentarfilms, der das Schaffen Martin Elsaessers wieder ins Gedächtnis ruft.

Als ich bei den Recherchen zuerst auf die Familienfilme meines Vaters und dann die Korrespondenz meiner Großmutter stieß - beide längst verstorben -, änderte sich das Konzept des Films und bekam eine persönlichere Färbung. Denn sowohl die "home movies" als auch ein großer Teil der Briefe nehmen Bezug auf eine kleine Insel in der Nähe Berlins während der Jahre 1933-1945. Dies schien mir wichtig genug - auch im Hinblick auf die notwendige Herausforderung, die Geschichte einer Familie mit der deutschen Zeitgeschichte zu verweben -, um neben der Geschichte der Großmarkthalle einen zweiten Schwerpunkt ins Blickfeld zu nehmen. Was die Teile verbindet, sind einerseits die Frankfurter Jahre meiner Großeltern und deren komplizierte Ehe, und anderseits meine eigene Familiengeschichte, inklusiv meiner Schwester Regine und unseres Vetters Konrad, mit denen zusammen ich die Martin-Elsaesser-Stiftung vertrete.
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Ihre Großmutter Liesel Elsaesser stand zwischen zwei Männern. Mit Ihrem Großvater Martin verheiratet, verliebte sie sich in den Landschaftsarchitekten Leberecht Migge, der unter anderem das titelgebende, visionäre Projekt der "Sonneninsel" realisierte. Was macht die Faszination von Migges Ideen aus?

Die Privatperson "Migge" war mir aus den Erzählungen meiner Eltern ein vager Begriff, als kurzzeitiger Liebhaber meiner Großmutter in den frühen 30er Jahren bis zu seinem Tod 1935. Der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge und dessen enorme Wichtigkeit für die Umweltbewegung während der Weimarer Republik war für mich eine Entdeckung, die ich erst im Laufe der Recherchen zum Film machte. Geholfen dabei hat mir die ganz zufällige Bekanntschaft mit David Haney, einem jungen Wissenschaftler aus Philadelphia, der in Berlin an einer Doktorarbeit zu Migge forschte. David überzeugte mich von der Aktualität der Ideen Migges zur Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, zum "wachsenden Haus" und "urban gardening", zu Kompostierung und Mülltrennung, zu Trockenklo und Siedlungsgärten.

Interessanterweise war es also ein Amerikaner, der fast als erster seit langer Zeit - genauer gesagt, seit 1981, als eine Gruppe Landschaftsarchitekten an der Universität Kassel mit einem Buch an Migges 100. Geburtsjahr erinnerte - sich der Bedeutung Migges bewusst wurde. Ich konnte ihm im Gegenzug Materialien zum Projekt "Sonneninsel" liefern: ein gemeinsames Projekt Migges zusammen mit meiner Großmutter, das aus verständlichen Gründen von der Migge-Familie verschwiegen und negiert wurde. Und dennoch stellt es so etwas wie die einzige idealtypische Verwirklichung des Miggeschen Gesamtkonzepts zur Kreislaufwirtschaft dar. Das wollte ich im Film dokumentieren und zum Ausdruck bringen.

Ihr Film besteht in weiten Teilen aus privaten Normal-8-Aufnahmen und Fotografien Ihres Vaters, dem Ingenieur bei Siemens und - zumindest zeitweise - passionierten Familienchronisten Hans Peter Elsaesser. Wie würden Sie die Arbeit mit diesem Material emotional beschreiben und vor welche ästhetischen Herausforderungen hat es Sie gestellt?

Auch hier machte ich überraschende Entdeckungen. Ich kannte zwar die Filme noch aus meiner Kindheit, als wir sie öfters bei Besuch und zu Familienfesten vorgeführt bekamen. Aber wir sahen sie ohne Kommentar oder Bezug auf Zeitgeschichte oder auf die Rolle Migges in der Familiengeschichte, denn zu dem Zeitpunkt als mein Vater filmte, war Migge schon fünf Jahre tot. Was wir sahen, war eine heile Großfamilie auf einer idyllischen Insel, mit vielen Sommer- und Sonntagsgästen, unter denen wir unsere Eltern, Onkel und Tanten wiedererkannten. Kein Wort von Krieg, von Bombennächten, Entbehrungen, vom Fronteinsatz der Männer oder dem Reichsarbeitsdienst der jungen Frauen. All dies musste ich recherchieren und teilweise über Briefzitate, teils dank noch existierender Fotos in braunen Umschlägen und Zigarrenkisten wieder in den Film einbauen.

Die andere Überraschung war die Entdeckung, wie talentiert mein Vater als Amateurfilmer war, der ein offensichtlich geübtes Auge für die aussagestarken Einstellungen, für filmischen Rhythmus und Schnitt hatte. Denn obwohl das Material nie richtig montiert worden war, bedurfte es nur ganz weniger Eingriffe und Umstellungen, um die Bildfolgen zum "Laufen" und "Sprechen" zu bringen. So ergab sich eine Erzählung fast von selbst, die mir bewies, dass mein Vater wohl den Plan und die Absicht hatte, das Inselexperiment für die Nachwelt - oder zumindest für seine Mutter - zu dokumentieren, er dies aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu Ende geführt hatte. So bleiben auch jetzt, nachdem der Film fertig ist, noch ungelöste Rätsel, die sich nicht nur dem Betrachter stellen. Als Filmhistoriker sind es Fragen, die mich professionell beschäftigen, und so sind auch diese Aspekte in den Film mit eingeflossen und als Handlungselement thematisiert.

Interview: Daniel Schössler, 3sat