©  ZDF, Michelberger Film, Justyna Feicht
Erwin Michelberger, Jahrgang 1950, studierte Film an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1980 arbeitet er als Autor, Regisseur und Produzent.
Erwin Michelberger, Jahrgang 1950, studierte Film an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1980 arbeitet er als Autor, Regisseur und Produzent.
"Das Aufeinanderachten ist gewachsen"
Interview mit Filmemacher Erwin Michelberger

Sie kennen die Probsteigasse in Köln schon viele Jahre. Was war der Auslöser, die Geschichte ihrer Bewohner, Ihrer Nachbarn in der Form eines Panoramas zu erzählen?

Die Vielfältigkeit in der Nachbarschaft - ich wohne und arbeite in der Probsteigasse seit 30 Jahren - fand ich von Anfang an toll. Der Film sollte gerade sie entfalten. Neugier entsteht durch Vielfalt. Nicht durch Einfalt. Und Neugier kann das Misstrauen verwandeln. Erst zu einem Trau-Dich. Dann zu Vertrauen. So ist das ein Weg - im Kleinen wie im großen Zusammenhang der gesellschaftlichen Kräfte.

Kannten Sie viele Nachbarn vor den Dreharbeiten schon persönlich, so dass eine Vertrauensbasis für die Gespräche gegeben war, oder mussten Sie diese erst schaffen?

Mit einigen war ich vertraut. Andere, die ich nur vom Sehen kannte, interessierten mich. Die Vertrauensbasis entsteht - das ist Kern der dokumentarischen Arbeit -, indem ich erst mal von mir erzähle, wie es mir geht, was meine inneren Fragen sind. Diese Offenheit löst beim Gegenüber die Vorsicht und die Ängste auf. Die Kamera braucht dann kein Schutzschild mehr zu sein.

Durch die Lebensgeschichten der Probsteigassenbewohner kommt die Kriegserfahrung als unterschwelliges Thema in den Film. War das Teil des Konzepts?

Dadurch, dass ein Nachbar als Junge die Bombennächte erlebt hat und mit großer Detailgenauigkeit schilderte - auch seine Frau bekommt heute noch Gänsehaut, wenn sie von der Kriegszeit erzählt -, war klar: Das hat diese Generation geprägt, das ist ins Gedächtnis dieser Stadt eingeschrieben. Dazu kommt, dass genau neben dem Haus, in dem ich lebe und arbeite, noch eines der wenigen unbebauten Kriegstrümmergrundstücke liegt. (Die Bomben des zweiten Weltkrieges hatten neunzig Prozent der Häuser zerstört.) Und genau gegenüber befand sich der Lebensmittelladen der iranischstämmigen Familie, in der die Paketbombe hochging.

Dieses Ereignis ist auch etwas, was die Bewohner der Gasse verbindet, auch wenn der Anschlag schon einige Jahre zurückliegt. Wie sicher ist die Zuordnung des Anschlags zum NSU?

Kurz nachdem die Bombe explodierte und noch niemand wusste was los war - die Ermittler hatten nur die Aussage der betroffenen Familie, wie die als Weihnachtspaket getarnte Schachtel aussah, in der sich der Sprengkörper befand -, wurde später im Computer von Beate Zschäpe ein Videoclip aus der Zeit gefunden, in dem genau dieses Paket zu sehen ist, das den Lebensmittelladen zerstört und die Tochter der Familie schwer verletzt hat. Ich habe Beate Zschäpe in einem Brief ins Gefängnis geschrieben, sie möge doch endlich reinen Tisch machen. Keine Antwort.

Welche Rolle spielte der Anschlag für Ihren Plan, einen Film über die Bewohner der Gasse zu drehen?

Er war der äußere Anlass. Die Bombe explodierte ja direkt gegenüber, also zehn Meter von meinem Hauseingang entfernt. Es traf die Familie, die den allseits beliebten Lebensmittelladen innehatte, wo wir täglich einkauften, immer mit einem Schwatz verbunden. Der innere Anlass: die Frage, wie lebe ich eigentlich mit den anderen, was weiß ich von ihnen, was wissen sie von mir? Was ist Nachbarschaft? Heimat?

Wie haben die Protagonisten des Films auf die Dreharbeiten und den Film reagiert? Am Ende sieht man sie alle in einem kleinen Theater versammelt.

Zum einen die Freude, dass sie so viel voneinander erfuhren, was sie ohne den Film nicht erfahren hätten. Zum anderen die nüchterne Erfahrung, dass sich alles ändert, dass nichts bleibt wie es war, dass alle sterben werden. Die wunderbare Besitzerin des kleinen Theaters ist mittlerweile auch verstorben. Das Aufeinanderachten ist gewachsen.

Der Film lief einige Zeit in den Kinos in NRW und auf Festivals. Welche Resonanz haben Sie auf den Film erhalten?

Immer wieder die verblüffende Erfahrung, dass Zuschauer, die den Film sahen, besonders durch das Spiegelmotiv im Innersten aufgewühlt wurden. Im Film sagt ein Bewohner, dass doch jeder auch ein zweites Gesicht habe. Das sähe man manchmal, wenn man in den Spiegel schaue. Der Film fordere uns auf, den Blick in den Spiegel zu riskieren. Da würde einem schlagartig klar, dass man mit dem Rassismus in einem selbst zu kämpfen habe, mit der Angst vor dem Fremden, mit Häme, mit Neid, mit Schadenfreude, und so sähe man eine Fratze - der man die Zunge rausstrecken müsse.

Interview: Udo Bremer, Filmredaktion 3sat


Dokumentarfilm - TV-Premiere
Nachbarn fürs Leben
Montag, 12. März 2018, 22.25 Uhr