© Judith Affolter
Die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna lebt und arbeitet in Berlin.
Die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna lebt und arbeitet in Berlin.
"Die Spirale von Gewalt lässt ein Vernarben von Wunden nicht zu"
Interview mit Filmemacherin Heidi Specogna

Als du dein Filmvorhaben 2013 in der Redaktion vorgestellt hast, hattest du bereits zwei Dokumentarfilme in der Zentralafrikanischen Republik gedreht. In diesem Jahr begannen die Unruhen im Land erneut aufzuflammen. Was hat dich angetrieben, deine Protagonisten erneut aufzusuchen und mit der Kamera zu begleiten?

Inhaltlich gesehen lässt sich gar nicht feststellen, wann die Arbeit an einem der Filme endete und das Denken und Bildersuchen für den nächsten Film begann. "Cahier africain" hat eine außergewöhnlich lange Vorgeschichte. Das Kennenlernen der Protagonisten und das Vertrauen zueinander fassen dauerte mehrere Jahre. Erst als es dieses Fundament gab, fingen wir an, konkret über ein Filmprojekt zu sprechen. Eine Langzeitdokumentation bedeutet, sich seinem Filmthema mit einem längeren Atem und einer großen inhaltlichen Offenheit zu widmen, weil man sich nur so auf einen Prozess einlassen kann. Das macht diese Arbeitsform reizvoll, aber verlangt auch, dass man seine Sorgen - wie zum Beispiel "Das wird nie ein Film! ..." - in Schach hält und der Dynamik des Lebens vertraut, das man mit der Kamera begleitet. Ursprünglich sollte im Zentrum von "Cahier africain" das Heilen von Wunden stehen. Als der Krieg in der Zentralafrikanischen Republik erneut ausbrach, machte es sich der Film zur Aufgabe, diese Spirale von Gewalt zu dokumentieren, die ein Vernarben von Wunden gar nicht zulässt.

Im Film gibt es einige Szenen, in denen die Kamera - für manch einen sicher quälend lange - auf die Körper ermordeter Menschen blickt. Warum waren dir diese Bilder für deine Erzählung im Film wichtig?

Kaya Inan, der Cutter des Films, und ich waren uns dieser schwierigen Aufgabe bewusst. Auf diese Einstellungen zu verzichten, kam für uns nicht in Frage. Diese Bilder sind Teil der Lebensrealität unserer Protagonisten. Die Einstellungen und die Länge dieser Bilder sind sehr bewusst gewählt: Wir wollten keine Bildzitate erzeugen, sondern erreichen, dass diese Einstellungen ein Stück Geschichte dieser toten Menschen erzählen. Wie sind sie gestorben? Die Kamera nähert sich den Toten Schritt für Schritt, auch dies eine bewusste Entscheidung des Kameramanns Johann Feindt, die wir dann im Schnitt aufgegriffen haben: Jeder Zuschauer erkennt rechtzeitig, was folgt und kann entscheiden, ob er weiter mitgeht oder sich abwendet und schont. Beiden Entscheidungen wollten wir den Raum geben.

Einen wichtigen Anteil an der starken Wirkung des Films hat die Kameraarbeit von Johann Feindt. Wie war eure Zusammenarbeit, gerade in den schwierigen Situationen von Chaos und Bedrohung der Bevölkerung?

Johann und ich haben drei Filme in dem Land gedreht, und beide kannten wir die Verhältnisse einigermaßen gut. Das war beim Ausbruch des Krieges von entscheidender Bedeutung. Es funktionierte ja so gut wie nichts mehr, die ganze Infrastruktur war zusammengebrochen; was heute galt, galt morgen schon nicht mehr. Es gab keine klar erkennbare Front in der Stadt. Erschwerend kam hinzu, dass wir ab dem ersten Drehtag nur noch zu zweit waren, unser Tonmann hatte entschieden, angesichts der Verhältnisse mit dem nächsten Flieger nach Hause zurückzukehren. Es ist eine große Qualität von Johann Feindt, dass er in der Lage ist, inmitten von Krieg und Wahnsinn die Ruhe zu behalten und seine Bilder zu suchen. Mitten im Chaos führten wir Gespräche darüber, wie man diesen Wahnsinn, dieses Leid und die Angst zeigt. Welches die Bilder sind, die stark genug sind, um einem europäischen Zuschauer diese Realität nahezubringe. Diese Haltung hatte einen wichtigen Nebeneffekt. Sie half professionelle Distanz zu halten, anders hätten wir nicht arbeiten können.

Hast du heute noch Kontakt zu Amzine und Fane, zu Arlette und den anderen (ehemaligen) Bewohnern von PK 12, weißt du wie es ihnen geht?

Amzine ist inzwischen mit ihren Kindern nach Kongo-Brazzaville gezogen. Es sollte ursprünglich nur ein kurzer Familienbesuch sein. Jetzt scheint es, als ob sie sich dort zuhause fühlen. Amzine und ich haben keine gemeinsame Sprache, aber ich kann mit Fane, ihrer Tochter, Französisch sprechen. Wir telefonieren alle paar Monate. Wie jedes Jahr zur Regenzeit kommt es gerade wieder zu vielen Malariaerkrankungen. Dann fehlt der Familie das nötige Geld, um sich rechtzeitig die lebensrettende Medizin zu besorgen. Da suchen wir immer nach Mitteln und Wegen, schnell zu helfen. Arlette und ihre Familie wohnen wieder in PK 12, ihrem Dorf in der Zentralafrikanischen Republik. Es scheint, als ob ein bisschen Alltag zurückgekehrt ist: Der Markt ist geöffnet, und Arlette verkauft Erdnüsse, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ihr Wunsch die Schule zu besuchen und Lesen und Schreiben zu lernen, hat sich leider nicht verwirklichen lassen. Da es immer wieder zu Konflikten kommt, ist der Schulbetrieb eingeschränkt. Das Land befindet sich immer noch in einer kaum zu brechenden Gewaltspirale.

Hast du deinen Film inzwischen auf dem afrikanischen Kontinent gezeigt?

Leider war es bisher nicht möglich, den Film in Zentralafrika zu zeigen. Die Situation scheint zu fragil, so dass man befürchten muss, dass der Film selber wie Zunder wirken könnte. Gerne würde ich ihn allen Bewohnern in PK 12 zeigen. Aber das ist alleine schon deswegen nicht möglich, weil die muslimische Bevölkerung immer noch nicht zurückgekehrt ist und sich in den Nachbarländern sicherer fühlt. So gesehen ist "Cahier africain" für mich noch nicht wirklich zu Ende gebracht. Das ist ein Film eigentlich immer erst dann, wenn er dorthin zurückgekehrt ist, wo er entstanden ist.

Interview: Katya Mader, Filmredaktion 3sat


Dokumentarfilm
Cahier africain
Donnerstag, 8. März 2018, 3.55 Uhr
(Nacht Do/Fr)