© Heidi Specogna
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Die zwölfjährige Fane und ihr roter Rucksack sind im Dorf PK 12 zurückgeblieben und warten auf den nächsten Flüchtlingstransport.
Cahier africain
Die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna folgt den Schicksalen von Frauen im kriegszerrütteten Zentralafrika. Im Mittelpunkt steht ein unscheinbares Schulheft mit mutigen Zeugenaussagen. Über sieben Jahre hinweg begleitete Specogna die Protagonistinnen ihres Films. Diese schrieben auf den karierten Seiten des Hefts die an ihnen verübten Verbrechen nieder, um mit dem selbst gefertigten Beweisstück die Taten zur Anklage zu bringen.
Die vielen Opfer, unter ihnen auch einige Männer, offenbaren in diesem "Cahier africain", was ihnen 2002 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern angetan worden war. Im Zuge einer aufwendigen Geheimmission gelangte das Heft zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag - in der Hoffnung, dem Weltgericht ein entscheidendes Beweismittel im Prozess gegen den kongolesischen Truppenführer Jean-Pierre Bemba in die Hand zu geben. Er ist der erste Angeklagte, der sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Anordnung von Vergewaltigungen als Kriegsstrategie verantworten muss.

Amzine, Fane und Arlette aus dem Dorf PK 12
Heidi Specognas Film begleitet seine Protagonisten aus dem Dorf PK 12, einem Vorort der Hautstadt Bangui, seit 2008: Amzine, eine junge muslimische Frau, hat als Folge der Vergewaltigungen von 2002 ein Kind zur Welt gebracht. Der Blick auf ihre heute zwölfjährige Tochter Fane erinnert sie täglich an ihr Trauma. Arlette, ein christliches Mädchen, litt jahrelang an einer nicht heilen wollenden Schussverletzung. Nach einer erfolgreichen OP in Berlin hegt sie Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben.

Aber inmitten der Versuche der Dorfbewohner von PK 12, den schwierigen Alltag mit Zuversicht zu meistern, und während in Den Haag noch die juristische Aufarbeitung der letzten Kriegsverbrechen in Gange ist, bricht in der Zentralafrikanischen Republik der nächste Krieg aus. Amzine, Fane und Arlette werden erneut in einen Strudel von Gewalt, Tod und Vertreibung gerissen. An ihrer Seite dokumentiert der Film den Zusammenbruch von Ordnung und Zivilisation in einem von Bürgerkrieg und Putsch zerrissenen Land. Kein Einzelfall auf dem afrikanischen Kontinent.

"Der erneute Kriegsausbruch hat das Drehbuch jäh umgeschrieben"
"'Cahier africain' ist ein persönlicher Film", sagt Regisseurin Heidi Specogna, "aus einer zufälligen Begegnung mit dem Heft, während einer Recherchereise, sind sieben Drehjahre geworden. Wir haben die Menschen aufgesucht und begleitet, die sich dem Heft anvertraut haben. Heute wird das Heft im Tresor des Weltgerichts in Den Haag verwahrt, neben Tausenden von Beweisen anderer Kriegsverbrechen. Das Schicksal der Frauen und ihrer mit Gewalt gezeugten Kinder ist eine von der Welt ausgeblendete Tragödie. Schätzungen besagen, dass allein im zentralafrikanischen Raum in den letzten Jahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen über 100 000 Frauen geschändet worden sind. Nach dem Völkermord in Ruanda sollen an die 20 000 Kinder zur Welt gekommen sein. Dem schwierigen Versuch von Frauen, nach dem Erleben von Gewalt wieder Fuß im Leben zu fassen, wollte sich der Film ursprünglich widmen. Der erneute Kriegsausbruch in der Zentralafrikanischen Republik hat das Drehbuch jäh umgeschrieben."

Vielfach mit Filmpreisen ausgezeichnet
Heidi Specogna, geboren 1959 in Biel/Bienne, lebt und arbeitet in Berlin. Sie besuchte die Journalistenschule in Zürich. Von 1982 bis 1988 studierte sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 2003 ist sie Dozentin an der Filmakademie Ludwigsburg für Dokumentarfilm. Ihre Dokumentarfilme wurden vielfach mit Filmpreisen ausgezeichnet. Filme (Auswahl): "Tania, la Guerillera" (1991), "Tupamaros" (1996), "Eine Familienangelegenheit" (2004), "Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez" (2006), "Das Schiff des Torjägers" (2010), "Carte Blanche" (2011), "Mädchengeschichten: Esther und die Geister" (2011).

"Cahier africain" hat im April 2017 den Deutschen Filmpreis in der Sparte Bester Dokumentarfilm erhalten. Zuvor war die ZDF/3sat-Koproduktion mit dem Schweizer Filmpreis 2017 in den Kategorien Bester Dokumentarfilm und Beste Montage prämiert worden. 2016 hatte die Jury des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises Heidi Specognas Film in der Kategorie Langfilm ausgezeichnet. Außerdem war der Dokumentarfilm auf dem Filmfestival DOK Leipzig mit zwei Preisen geehrt worden.

Sendedaten
Montag, 4. Dezember 2017, 22.25 Uhr

Erstausstrahlung
Credits
Cahier africain
Dokumentarfilm von Heidi Specogna
Schweiz/Deutschland 2016
119 Minuten
Redaktion ZDF/3sat: Katya Mader, Udo Bremer
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Sendeplatz
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr