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Florian Hoffmann, der Regisseur von "Egal gibt es nicht"
Florian Hoffmann, der Regisseur von "Egal gibt es nicht"
Das stärkere Gefühl des Erlebens
Interview mit Florian Hoffmann, Regisseur von "Egal gibt es nicht"

Wie und wann bist du auf Paulina und ihr Projekt "Kleiner 5" aufmerksam geworden und hast entschieden, diesen Film über sie zu machen?

Ich habe Paulina während einem Projekt fürs Goethe-Institut in Jordanien kennen gelernt. Jahre später bin ich ihr auf einer WG-Party in Berlin wieder begegnet. Die AfD hatte gerade ihre ersten Wahlerfolge erzielt, und Paulina stand inmitten von feiernden Menschen und hat über den Ernst der Lage debattiert. Ihr Elan und ihre Unermüdlichkeit haben mich beeindruckt.

Ziel der Kampagne "Kleiner 5" war ja zunächst, den Einzug der AfD in den Bundestag zu verhindern, und es wurde die Frage gestellt "Was verlierst du?", wenn eine rechtspopulistische Partei wie die AfD in den Bundestag einzieht. Hast du dir diese Frage auch gestellt?

Ich glaube, dass wir durch die systematische Angst-Politik der AfD das Gestaltungspotential vieler Bürger verlieren, die durch das Gefühl permanenter Bedrohung den Eindruck gewonnen haben, sie könnten nur noch verlieren und nichts mehr gewinnen. Sie versuchen mit aller Kraft zu bewahren, anstatt mit Mut und Zuversicht die Zukunft zu gestalten.

In Deutschland gibt es eine Reihe anderer Initiativen gegen Rechtspopulismus. Was denkst du ist bei "Kleiner 5" anders oder besonders?

Als ich das Team von "Kleiner 5" kennen gelernt habe, hat mich zuerst ihre Bereitschaft beeindruckt, für ein Jahr ihre Karrieren zurückzustellen, um sich der politischen Arbeit zu verschreiben. So viel Engagement begegnet man selten in unserer Generation. Zudem gefiel mir, dass "Kleiner 5" von Beginn an auf den Dialog mit AfD-Wählern gesetzt hat, anstatt sich dem Medientenor anzuschließen und sie zu diffamieren. "Kleiner 5" hat sich zu einem Lernprozess entschlossen: Sie wollen durch Dialog die potentiellen AfD-Wähler und die Wurzeln ihrer Ansichten kennen und verstehen lernen. Hierin haben "Kleiner 5" meiner Meinung nach die Aufgabe unserer Zeit erkannt: Eine Gesellschaft, die aus so stark differenzierten Filterblasen besteht, wie die unsere, muss Wege finden, diese Gräben zu überwinden und sich wieder zu begegnen. Kurzum, Dialog statt Pöbeln.

Paulina beschreibt sich selbst im Film als einen ungeduldigen Menschen, der sich wünscht, dass alles schnell geht, und müde sein "dumm" findet. Wie hast du Paulina während der Dreharbeiten erlebt? Was hat dich besonders beeindruckt?

Paulina war eine sehr angenehme Protagonistin, die schnell die Kamera vergessen und uns einen persönlichen Zugang erlaubt hat. Zugute kam uns, dass wir beide einen Humor geteilt haben. Das hat uns sehr geholfen, auch in stressbelasteten Situationen die gute Stimmung zu halten. Mit ihrem Tempo mitzuhalten war hingegen schwieriger. Paulina und ihr Rollkoffer brechen manchen Geschwindigkeits-Rekord - selbst wenn sie dabei noch zwei Kaffeebecher balancieren muss.

Paulina, als Identifikationsfigur der Kampagne, muss mit Hasskommentaren, und Anfeindungen umgehen lernen. Obwohl sie weiß, dass es für sie gefährlich werden kann, zeigt sie weiter Haltung und Gesicht. Wie denkst du nach der Erfahrung der Dreharbeiten über das Thema Sicherheit und Bedrohung - beispielsweise aus der rechten Szene?

Die rechte Szene bietet viele Identifikationsfiguren. Hingegen bleiben in der nicht-rechten Szene viele Aktivisten aus Furcht vor Angriffen der Öffentlichkeit fern. Paulina wollte dem bewusst etwas entgegen setzen. Ich bewundere diesen Mut, möchte aber auch nicht mit ihr tauschen müssen.

"Die Unberührten" nennt Paulina im Film Vertreter ihrer Generation, die sich für nichts engagieren. Teilst du ihre Kritik an der eigenen Generation, die es sich in Eskapismus und Selbstbespiegelung gemütlich gemacht zu haben scheint und für nichts "brennt"?

Paulina hat ihre politische Arbeit mit einer klaren Fragestellung gestartet: Wer sind die AfD-Wähler und woher stammen ihre Ansichten? Während diesem Jahr politischer Arbeit rückte aber zunehmend die Frage ins Zentrum: Wer sind die "Unberührten"? Während sie den AfD-Wähler nicht im nahen Umkreis begegnen konnte, waren die "Unberührten" Teil ihres eigenen Freundeskreises. Das hat schließlich zu dem absurden Momentum geführt, dass Paulina die AfD-Wähler besser verstehen konnten - in ihrem Aktivismus, nicht in ihrer Haltung - als manche langjährigen Freunde.

Ich persönlich finde es besorgniserregend zu beobachten, wie sich unsere Gesellschaft zunehmend in Filterblasen differenziert, die abgetrennt voneinander bestehen. Die Gefahr, die ich darin sehe, ist, dass sich jeder nur noch unter Gleichgesinnten bewegt und dadurch den gesamtgesellschaftlichen Blick verliert. Sprich, der Einzelne wird nur noch von den Belangen der Gleichgesinnten "berührt".

Dein Dokumentarfilm bedient sich der filmischen Mittel des beobachtenden Dokumentarfilms und setzt weniger auf Erklärungen und außergewöhnliche Effekte. Warum denkst du, dass diese klassischen und zurückhaltenden Mittel die richtigen sind, um Paulinas Persönlichkeit filmisch nahe zu kommen und ihre Geschichte zu erzählen?

Das Spannende an der Tradition des "Direct Cinema" finde ich, dass dem Zuschauer eine große Autonomie zugestanden wird. Er wird filmisch in Situationen geführt, die er selbst erkennen, selbst lesen muss. Dadurch entsteht meiner Meinung das Gefühl des Erlebens, das so viel stärker ist als das rein kognitive Verstehen. Und manchmal gehört auch Nicht-Verstehen zum Erleben dazu. Aus diesem Grund verzichte ich in "Egal gibt es nicht" auf alle Erklärungen, die nicht unbedingt nötig sind, um so den Film- und Erlebnisfluss für den Zuschauer zu erhalten.

Interview: Laura Arnold

Übersicht
© ZDF_Unbekannt_Tara Biere Media ProductionsDokumentarfilmreihe Ab 18!
6. und 7. November 2017
Dokumentarfilmreihe Ab 18!
© ZDF_Unbekannt_Tara Biere Media ProductionsAb 18! - Egal gibt es nicht
Dienstag, 7. 11. 2017,22.25 Uhr
Erstausstrahlung