© Keil Kruska Film AG
Film anschauenFilm anschauen
In einer Freitagspredigt verurteilt Imam Sabri terroristische Anschläge im Namen des Islam.
Inschallah
Zwischen den Kulturen - ein Imam in Berlin
Imam Sabri leitet eine Moschee in Berlin-Neukölln. Bemüht, Brücken zu schlagen zwischen den Kulturen und Religionen, sieht er sich zugleich dem Verdacht ausgesetzt, radikal zu sein. Der Film begleitet den Imam bei seiner täglichen Arbeit, in der er für Familienprobleme Rat geben soll und zugleich Stellung beziehen zu politischen Fragen der Öffentlichkeit. Dabei führt er ein offenes Haus, indem er immer wieder zu Diskussionen einlädt. Während er in seiner muslimischen Gemeinde oft gegen eine zu strenge Auslegung der Religion ankämpft, steht er in der deutschen Öffentlichkeit unter Verdacht, zu konservativ, wenn nicht sogar radikal zu sein.
Mohammed Taha Sabri ist Mitte 50 und seit zehn Jahren Imam der Dar-Assalam-Moschee in der Flughafenstraße in Berlin-Neukölln. Etwas versteckt klemmt die Moschee zwischen nagelneuem Supermarkt und typischen Berliner Mietshäusern mit Kiosken, Spielhallen und Second-Hand-Läden im Erdgeschoss. Hier mischen sich viele Nationalitäten - ein Umstand, den der Imam jeden Freitag aufs Neue in seinen Predigten erwähnt, immer bemüht, seinen muslimischen Gemeindemitgliedern zu erklären, dass die Vielfalt der Menschen um sie herum unbedingt von Allah genauso gewollt ist, damit sie einander kennenlernen, und dass Abgrenzung nur zu Intoleranz führt.

© Keil Kruska Film AG Die 14-jährige Sarah möchte von Imam Sabri wissen, ob es nach islamischen Regeln erlaubt sei, auf Klassenfahrt zu gehen, wenn auch Jungen dabei sind, und dabei zu sein, wenn andere in ihrer Gegenwart Alkohol trinken.
Die 14-jährige Sarah möchte von Imam Sabri wissen, ob es nach islamischen Regeln erlaubt sei, auf Klassenfahrt zu gehen, wenn auch Jungen dabei sind, und dabei zu sein, wenn andere in ihrer Gegenwart Alkohol trinken.
Aber die Vielfalt der Lebensweisen sind für Strenggläubige nicht immer leicht mit den eigenen Glaubensregeln und Wertmaßstäben zu vereinbaren: Ein junges Mädchen will wissen, ob es sich auf der Klassenfahrt zu dem Lehrer an den Tisch setzen darf, auch wenn er ein Bier trinkt. Eine Frau Ende 40 zählt viele gute Gründe auf, warum sie sich von ihrem Mann trennen sollte, aber der Gedanke, ihren einstigen Eheschwur auf den Koran zu brechen, lässt sie verzweifeln. Ein junger Mann will wissen, ob die Sehnsucht nach Sex Grundlage für eine Heirat sein kann.

Mit solchen und zahlreichen anderen Problemen setzt sich der Imam tagtäglich auseinander, unermüdlich darum bemüht, zwischen aufeinanderprallenden Kulturen, Gläubigen und Ungläubigen Brücken zu schlagen als Fundament für ein mögliches Zusammenleben. "Wir haben keine andere Chance", stellt Taha Sabri nüchtern fest. Er selbst fühlt sich wohl in seiner zweiten Heimat Deutschland. Es fällt ihm leicht, mit ganz verschiedenen Menschen in Kontakt zu treten, mit Humor, viel Menschenliebe und einer gesunden Portion Pragmatismus. Im Laufe des Films gewährt der gebürtige Tunesier auch Einblicke in seine Biografie, die bewegte Momente aufweist, und lässt sich bis ins Krankenhaus begleiten, wo der Imam wenige Stunden nach einem Herzeingriff schon wieder für den Besuch seiner Gemeindemitglieder zur Verfügung steht.

Der beharrliche Einsatz, den Taha Sabri für die Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft leistet, wird auch von bedeutenden Vertretern der sogenannten Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, bekommt der Imam den Landesverdienstorden verliehen, den er neben Wim Wenders und Iris Berben stolz entgegennimmt.

Nach solch einer Ehrung in den öffentlichen Blickpunkt gerückt, wird Sabri auch mit Kritik und Misstrauen konfrontiert: Journalisten namhafter Berliner Zeitungen verdächtigen ihn, radikalen Tendenzen nicht entschieden entgegenzutreten, und der Moscheeverein wird im Bericht des Verfassungsschutzes des Landes Berlin erwähnt, der ihm Verbindungen zu den Muslimbrüdern nachsagt. In den Zeitungen ist von möglichen islamistischen Beeinflussungen die Rede, obwohl Sabri sich in seinen Predigten ausdrücklich von solchen Tendenzen distanziert.

In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie schwer es ist, in Zeiten der Angst vor Terror um Vertrauen zu werben, denn islamische Vereinigungen werden unter Generalverdacht gestellt. Umso mehr will Taha Sabri an seiner Mission festhalten: die Spaltungen in der Gesellschaft zu überwinden und das Verbindende zwischen den Religionen und Kulturen zu betonen, um weiter am Fundament einer friedlichen, vielfältigen Gesellschaft zu bauen.

Regiekommentar - Antje Kruska und Judith Keil

Wie schon oft sind wir auch bei "Inschallah" durch Zufall auf den Hauptprotagonisten aus unserem Film gestoßen. Eine Filmszene aus einem früheren Film hatte uns 2013 in die Moschee an der Flughafenstraße in Berlin-Neukölln geführt und bei der Bitte um Drehgenehmigung lernten wir den Imam der Moschee, Taha Sabri, kennen. Einem Dreh in seiner Moschee hatte der Imam damals sofort zugestimmt und darüberhinaus hatten wir ein langes humorvolles und tiefgründiges Gespräch mit ihm über "Gott und die Welt".

Im Verlaufe der folgenden zwei Jahre nach dieser Zufallsbegegnung wurde und wird bis heute, ausgelöst durch die Flüchtlingswelle 2015/16 und eine zunehmende Bedrohung durch islamistische Attentate, viel öffentlich über "den Islam" und "die Muslime" in Deutschland berichtet und diskutiert. Die allabendlichen Talkrunden im Fernsehen hinterließen aber oft ein schales Gefühl und schienen wenig über die "Otto-Normal-Muslime" aus unserer Nachbarschaft in Neukölln auszusagen.

So entstand die Idee, bei der im Gedächtnis gebliebenen Begegnung mit dem Neuköllner Imam und seiner Moscheegemeinde anzuknüpfen, mit dem Ziel, uns diesem aktuellen gesellschaftlichen Thema auf unsere Art dokumentarfilmisch-unspektakulär zu nähern.

Zunächst war unser Ansatz der, dass wir mit Hilfe des Imams einzelne Ratsuchende aus seiner täglichen Praxis näher kennenlernen wollten und deren Konsultation bei ihm als Ausgangspunkt für eine filmische Erzählung nutzen wollten, die uns tiefer in die jeweiligen Lebensgeschichten dieser Personen führen würde. Schnell mussten wir jedoch erfahren, dass es nicht so leicht war, einzelne muslimische Gemeindemitglieder von einer Idee, die ihre privaten Lebensverhältnisse und Konflikte ausloten wollte, zu überzeugen. Dem Imam gegenüber öffneten sich die Menschen mit ihren Anliegen natürlich schrankenlos, und er versuchte auch stets, in unserem Namen zu vermitteln, aber hier als fremdes Filmteam Vertrauen zu gewinnen, blieb schwierig.

Wir beschlossen daher, mehr auf Spontanität zu setzen. So vereinbarten wir ein paar Drehtage in der Moschee, an denen wir nicht wussten, was passieren würde, wer zum Imam ins Hinterzimmer hineinlaufen würde und was besprochen werden würde. Auch so ließen sich die einzelnen Besucher natürlich nicht alle einfach mit der Kamera "überfallen", aber wir waren dennoch erfolgreicher und konnten so manche Zufallsbegegnung mitbegleiten, die Geschichte eines syrischen Flüchtlings sogar über mehrere Etappen.

Dass wir uns ein paar Tage lang dicht an die Fersen des Imams hefteten, führte dazu, dass wir neben einigen Einblicken hinter sonst verschlossene Türen auch ihm als Person immer näher kamen und seine Offenheit ihn für uns als charismatischen und vielschichtigen Protagonisten immer mehr in den Mittelpunkt des Films rückte.

Schon bald entstand in unsern Köpfen die Vision eines Portraits seiner Person, und zwar nicht nur in seiner Funktion als Imam und Gemeindemittelpunkt, sondern auch als Mensch mit einer starken persönlichen Biografie.

Leider wurde unser Protagonist dann mitten in den Dreharbeiten ernsthaft krank und ein Herzleiden wurde so beschwerlich, dass er ein paarmal ins Krankenhaus musste und sich auch zeitweise aus gesundheitlichen Gründen von seinen Aufgaben als Imam und auch von unserer Filmarbeit zurückziehen musste.

Die Tatsache, dass unsere filmische Begleitung sich somit länger erstreckte als zunächst geplant, kam letztlich dem Film zugute. Wir konnten so auch mitbegleiten, dass der mit dem Verdienstorden der Stadt Berlin geehrte Imam ein Dreivierteljahr später in den Fokus der medialen Kritik geriet, nachdem ein Journalist recherchiert hatte, dass Sabris Moscheeverein bereits wiederholt im Berliner Jahresverfassungsschutzbericht erwähnt worden war.

Ihm wurden und werden immer noch Verbindungen zu anderen als radikal eingestuften muslimischen Vereinen in Deutschland nachgesagt. Was genau an den Vorwürfen dran ist, bleibt bis heute weitgehend nebulös. Die Berichterstattung erschien uns oft oberflächlich und bestand häufig im Wiederkäuen tendenziöser Vorgängerartikel. Das filmisch miterleben zu können, war erhellend und es war interessant zu sehen, wie hoch der Druck in den Zeiten einer aufgewühlten und unsicheren Gesellschaft und Öffentlichkeit auf die im Fokus des Zweifels stehende Minderheit der Muslime wirkt.

Der Film kann so zeigen, dass selbst eine Integrationsfigur wie Imam Sabri, der bereit ist, seinen Glauben liberal auszulegen, damit er besser in unsere Mehrheitsgesellschaft passt, nicht nur beständig nach innen wirken und kämpfen muss, sondern genauso nach außen, selbst oder gerade weil er seine Moscheetüren, die sonst oft verschlossen bleiben, für alle öffnet. Das starre Regelwerk der Religion und die oftmals in der konservativen kulturellen Tradition verhafteten Gläubigen einerseits und die kritisch-misstrauische bis regelrecht feindselige öffentliche Haltung in Deutschland andererseits bilden das Spannungsfeld, in dem sich unser Protagonist tagtäglich bewegt.

Dafür kommt unser Dokumentarfilm unterm Strich recht leichtfüßig daher, was wohl dem Charakter und der optimistischen Lebenshaltung unseres Protagonisten zu verdanken ist.

Sendedaten
Montag, 25. September 2017,
22.25 Uhr

Erstausstrahlung
Credits
Inschallah
Zwischen den Kulturen - ein Imam in Berlin
Dokumentarfilm von Antje Kruska und Judith Keil
Deutschland 2017
91 Minuten
Redaktion: Udo Bremer