© Bild: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH
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Inzwischen sollen seit 1978, so schätzt man, fünf Millionen Kinder geboren worden sein, die ohne Sex, aber dank Wissenschaft, Pharmazeutika und ärztlichem Können das Licht der Welt erblickt haben.
Future Baby - Wie weit wollen wir gehen
Ein Blick in die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung mitten in der Gegenwart: Maria Arlamovsky begibt sich im Zeitalter der biologischen Reproduzierbarkeit in die Welt des Kinderwunsches. In der Begegnung mit Forschern und Ärzten, aber auch mit Eizellspenderinnen und Leihmüttern, zeichnet ihr Dokumentarfilm ein komplexes Bild der neuen Boom-Branche der medizinisch-technisierten Geburtenkontrolle.
Ursprünglich dafür geplant, den Kinderwunsch unfruchtbarer Paare zu erfüllen, aber auch um Embryonen aufgrund bestimmter genetischer Dispositionen zu selektieren, hat sich die In-Vitro-Fertilisation zu einem lukrativen Wirtschaftssektor entwickelt. Als solcher bedient dieser nicht nur das Bedürfnis nach "Risikoprävention", sondern verleiht dem Kind, eigentlich einem "Produkt der Liebe", eine Art Waren-Charakter, da seine Eigenschaften und Besonderheiten mittlerweile zu optimieren sind.

Maria Arlamovsky begleitet weltweit Paare mit Kinderwunsch, Eizellenspenderinnen und Leihmütter von den Untersuchungen und Eingriffen bis zur Geburt. Sie lässt Befürworter und Skeptiker zu Wort kommen und spricht mit der ersten Generation künstlich gezeugter Kinder. In diesem vielschichtigen Mosaik entfaltet sich die Anwendung von neuen, revolutionären Technologien in ihrer ganzen Ambivalenz, was dringende Fragen nach ethischer und juristischer Einordnung aufwirft.

"Future Baby - Wie weit wollen wir gehen" lief bereits erfolgreich auf Filmfestivals in Deutschland und Österreich. Gewidmet hat die österreichische Filmemacherin Maria Arlamovsky, Jahrgang 1965, den Dokumentarfilm ihren biologischen und auch Adoptiv- und Pflegekindern.

Regiestatement - Maria Arlamovsky

© Sebastian Arlamovsky Maria Arlamovsky
Maria Arlamovsky
Kinder sind für mich ein wichtiger Teil meines Lebens, ein Teil, den ich - trotz aller Anstrengung - nicht missen möchte. Ich verstehe Menschen, die Kinder bekommen und großziehen wollen, und als Hetero- oder Homo-Paar oder auch Single als Familie leben wollen.

Die Möglichkeit, ein zuerst mal fremdes Kind zu adoptieren oder als Pflegekind aufzunehmen, sich Ämtern stellen und begründen zu müssen, warum man unbedingt ein Kind will, nachzuweisen, ob man ausreichend Ressourcen für dieses Unterfangen hat, nehmen viele als schwierig wahr - und steht auch (noch) nicht allen offen.

Planbarer, und verbunden mit dem Wunsch, etwas biologisch "Eigenes" im zukünftigen Kind wiederzufinden, erscheint der Weg, erst mal Hormone zu spritzen, um mehr Eizellen zu produzieren, ins Gläschen zu ejakulieren und darauf zu hoffen, dass sich der nicht unbeträchtliche finanzielle Aufwand auch gelohnt hat.

Inzwischen sollen seit 1978, so schätzt man, fünf Millionen Kinder geboren worden sein, die ohne Sex, aber dank Wissenschaft, Pharmazeutika und ärztlichem Können das Licht der Welt erblickt haben. Kinder, die - in den meisten Fällen - froh sind zu leben, die nicht schief angeschaut werden wollen als Retortenbaby oder Versuchskaninchen. Wunschkinder eben, von Eltern, die sich sehr dringend ein Kind gewünscht haben.

Die tatsächliche Baby-Take-Home-Rate bei künstlichen Befruchtungen betrug in Österreich 2013 lediglich 26 Prozent. Heute gibt es Statistiken, die besagen, dass man vor dem sechsten In-vitro-Fertilisation-Versuch nicht aufgeben sollte. Daraus entsteht auch ein lukratives Geschäft. Ähnlich wie bei der Schönheitsmedizin vermarktet die Reproduktionsmedizin einen Wunsch, der etwas erfüllen soll, was man einfach nicht hat, auch nicht unbedingt wirklich braucht, sich abersehnlichst erhofft.

Diese Hoffnung und die Wünsche der Eltern in spe, die Angebote der Kliniken, Spitäler und Ärzteschaft, und die Visionen von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, die hier ineinandergreifen, haben mich bei der Arbeit an "Future Baby" fasziniert. Jeder scheint vor sich hinzuarbeiten, aber den Überblick verloren zu haben, die notwendige Distanz zu einer Entwicklung, aus der zwar tatsächlich Kinder entstehen, wobei aber vieles auf dem Weg dorthin übersehen wird.

"Future Baby" gibt keine Antworten, aber "Future Baby" will Bilder zusammenführen, die sonst gerne voneinander getrennt werden. Junge Eizellspenderinnen, die des Geldes wegen ihre Keimzellen gerne und freiwillig anbieten, Leihmütter, die mit dem Austragen fremder Embryonen ihren eigenen Kindern eine bessere Zukunft bieten möchten, und Menschen, die durch Zellen Dritter erzeugt wurden, treffen auf jene, die all das gerne ausblenden auf dem Weg hin zum Kind.

Ich wollte erkunden, wohin uns diese rasanten Entwicklungen der Reproduktionsmedizin, Genetik und Geburtenkontrolle führen; ich denke, wir sollten dringend beginnen, uns Fragen zu stellen - wie weit wollen wir eigentlich gehen?

Sendedaten
Montag, 26. Juni 2017, 22.25 Uhr

Erstausstrahlung
Credits
Future Baby - Wie weit wollen wir gehen
Dokumentarfilm von Maria Arlamovsky
Österreich 2015
86 Minuten
Redaktion: Nicole Baum
Sendereihe
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr
nano-Glossar
Künstliche Befruchtung
Verschiedene Verfahren sind möglich