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Achtung-Berlin-Festival, April 2017: Maja Classen bei der Premiere ihres Films "Plötzlich ist die Welt ganz klein"
Achtung-Berlin-Festival, April 2017: Maja Classen bei der Premiere ihres Films "Plötzlich ist die Welt ganz klein"
"Persönliches Plädoyer für eine humane Frühgeborenen-Medizin"
Interview mit Filmemacherin Maja Classen
Dokumentarfilm - TV-Premiere
© Maja Classen Plötzlich ist die Welt ganz klein
Dienstag, 30. Mai 2017, 22.30 Uhr
Was hat Sie dazu bewogen, einen Film über Frühgeborene zu machen?

2011 wurde ich selbst Mutter von frühgeborenen Zwillingen. Es war für mich eine der existenziellsten Erfahrungen meines Lebens, die mit sehr viel Angst verbunden war, dann aber insgesamt sehr positiv verlief. Wir hatten das große Glück, auf der Frühgeborenen-Intensivstation des St.-Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof zu landen - mit ihrem baby-freundlichen Konzept. Als ich erfuhr, dass es in deutschen Neonatologie-Abteilungen noch lange kein Standard ist, dass Eltern im Rooming-in rund um die Uhr an der Seite ihrer frühgeborenen Babys sein können, wusste ich sofort, dass ich etwas über dieses Konzept machen wollte. Zuerst dachte ich aber an ein Radiofeature, weil ich die Situation als zu fragil empfand, um sie durch ein Kamerateam zu stören.

Wie verlief die Recherche zu dem Filmthema?

Ein Großteil der Recherche bestand in meiner persönlichen Erfahrung, die mir nicht nur einen tiefen Einblick in die Thematik, sondern auch einen Vertrauensvorschuss beim Klinikpersonal und bei den Protagonisten verschaffte. 2013 hatte ich bereits einige Wochen mit einem Rekorder O-Töne auf der Station gesammelt und ein 50-minütiges Radiofeature für den Deutschlandfunk erstellt. Produzentin Katharina Herrmann hatte das Feature gehört und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, einen Film zu dem Thema zu machen. Gemeinsam entwickelten wir das Drehkonzept, in dem ich als Ein-Frau-Team arbeiten wollte, so wenig invasiv wie möglich. Das war dann die Bedingung, unter der das Krankenhaus in den Dreh einwilligte. Dieser persönliche Autorenzugang war es auch, der die Dokumentarfilmredaktion von 3sat überzeugte.

War es schwer, Protagonistinnen zu finden, die bereit waren, in Ihrem Film mitzuwirken?

Es war sehr schwer, passende Protagonisten zu finden. Niemand plant eine Frühgeburt, sie kommt plötzlich und unerwartet und löst große Ängste aus. Wenn eine Mutter mit Frühgeburtsbestrebungen ins Krankenhaus kommt, ist sie mit allem möglichen beschäftigt, aber nicht damit, sich filmen zu lassen. Diese Schwierigkeit war uns von Anfang an bewusst. Dennoch war es mir wichtig, diesen Moment vor der Entbindung und auch die Entbindung selbst in den Film einzubeziehen. So planten wir für die Suche nach den Protagonisten sehr viel Zeit ein. Erst nachdem ich vier Wochen lang jeden Tag mit der Kamera im Gepäck in der Klinik war und etliche Vorgespräche geführt hatte, war die erste Familie gefunden. Und dann war bei der Drillingsmutter Aysun die Anspannung vor der Entbindung so groß, dass ich die Kaiserschnitt-Geburt ihrer drei Babys zunächst nur unter Vorbehalt drehen durfte.

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten in den oft sehr intimen Situationen mit den Eltern und unter den extremen Bedingungen des Klinik-Alltags?

Nachdem die Protagonisten erstmal gefunden und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen uns entstanden war, ging es ganz gut. Dadurch, dass ich das alles kannte, war ich sehr vorsichtig. Ich besuchte die Familien der Protagonisten auch oft, ohne dabei zu filmen. Wenn sie sich gerade nicht danach fühlten, ließ ich die Kamera aus. Dann haben wir einfach geredet und ich konnte ihnen durch meine persönliche Erfahrung Mut machen. Mir war klar, dass ich bildlich nicht alles würde einfangen können, was man sich für einen Film gewünscht hätte. Der Schutzraum der Familie stand für mich immer an erster Stelle. Aber es gab auch Situationen, in denen ich meinen Dreh wirklich unterbrechen musste, weil die akute Sorge um das Baby so groß war, dass die Familie nicht in der Lage war, vor die Kamera zu treten.

War es für Sie ausgeschlossen, das Versterben eines Babys im Film zu zeigen?

Nein, der Tod schwingt als Möglichkeit immer mit und ist für mich kein Tabu, auch nicht im Film. Glücklicherweise versterben heutzutage nur noch wenige Babys bei der Geburt. Für mich war es offen, ob das Thema direkt oder indirekt in den Film finden würde. Das Leben von Aysuns kleinstem Drilling Elif hing anfangs am seidenen Faden, dies wird thematisiert. Und Steffen erzählt im Interview, wie er eines Nachts das Sterben eines Babys auf der Station mitbekommt. Ich glaube, dass der Film diesen Aspekt schon braucht, um realistisch zu sein.

Was wollten Sie in Ihrem Film zeigen?

Mir geht es darum, mit dem Film zu zeigen, wie wichtig es für Familien frühgeborener Babys ist, von Anfang an zusammenzubleiben und eine emotionale Bindung aufzubauen. Das ist für mich nicht verhandelbar, weil sich die psychische und physische Gesundheit eines Menschen aus einer stabilen Beziehung entwickeln muss. Gerade die ersten Wochen und Monate im Leben eines Menschen sind hier von zentraler Bedeutung. Aber das aus Schweden stammende Konzept des Rooming-in ist in Frühgeborenen-Intensivstationen in Deutschland noch nicht weit verbreitet. Es gibt nur wenige deutsche Kliniken, die es geschafft haben, das umzusetzen. Der Standard ist aber immer noch eine Neonatologie, in der die Babys hauptsächlich vom Klinikpersonal versorgt werden und die Eltern nur zu Besuch kommen dürfen. Dies hat häufig Bindungsstörungen zur Folge, die ein ganzes Leben lang nachwirken können.

Ich wollte mit meinem Film zeigen, wie wichtig diese Bindung direkt nach der Geburt ist. Aber ich wollte keine wertende Gegenüberstellung von unterschiedlichen Konzepten machen, wie man sie vielleicht in einem journalistischen Magazin zu diesem Thema erwartet hätte, keine Blaulichtreportage oder Medizindokumentation, in denen wissenschaftliche oder ethische Fragen im Vordergrund stehen. Mir ging es um die universelle Erfahrung des Elternwerdens, die ich in dieser Grenzsituation als so tiefgreifend und schützenswert empfunden habe. Und so verstehe ich meinen Film auch als ein ganz persönliches Plädoyer für eine humane Frühgeborenen-Medizin.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film? Haben die Mütter und Väter der frühgeborenen Babys und die Ärzte und das Pflegepersonal den Film schon gesehen?

Wir haben den Film den Familien gezeigt. Es war uns wichtig, dass sie sich respektiert fühlten und mit allen Aufnahmen einverstanden waren. Es gab von keiner Seite einen Einwand. Alle mochten den Film und waren sehr berührt davon, diese intime existenzielle Erfahrung in dem Film festgehalten zu sehen. Bei der Premiere beim Achtung-Berlin-Festival waren einige Vertreter des St.-Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof anwesend. Sie waren sehr begeistert und meinten, der Film werde helfen, ihr Konzept bekannter zu machen, so dass sich hoffentlich weltweit immer mehr Kliniken trauen, Rooming-in auch in der Frühgeborenen-Station umzusetzen.

Interview: Margrit Schreiber

Link
Plötzlich ist die Welt ganz klein
50-minütiges Radiofeature für den Deutschlandfunk, zu hören bei Soundcloud.com