© Andreas Bergmann
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Frühchen Jonas beim Baden
Plötzlich ist die Welt ganz klein
Leben auf der Frühchenstation
Die Autorin Maja Classen kehrt mit der Kamera zurück in die Klinik, in der sie vier Jahre zuvor selbst Mutter von frühgeborenen Zwillingen wurde. Hautnah begleitet sie drei Familien während ihrer emotionalen Achterbahnfahrt durch die ersten Lebenswochen ihrer Babys.
Die Frühgeburt erwischt die meisten Familien eiskalt. Aus großer Vorfreude wird große Angst. Und dann wird die Welt plötzlich ganz klein. Schläuche und Gepiepse. Alles dreht sich um den Winzling im Inkubator. Es ist eine Gratwanderung zwischen Leben und Überleben.

Das St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof ist eines der wenigen Krankenhäuser Deutschlands, das es den Eltern ermöglicht, auf der Intensivstation zu wohnen und in speziellen Familienzimmern ihre Babys rund um die Uhr zu begleiten. Inmitten der hochtechnisierten Apparatemedizin sind die ersten "Rooming-in"-Nächte ein Horror für Mütter und Väter: dauernd schlägt der EKG-Alarm, geschlafen wird kaum, offene Türen, keine Privatsphäre.

© Katharina Herrmann
Maja Classen während der Dreharbeiten im Krankenhaus St. Joseph in Berlin-Tempelhof
Nur langsam wachsen die Familien in ihre neuen Rollen hinein: Muttermilch abpumpen, Füttern per Magensonde, erste Stillversuche, Waschen, Wickeln, Visite. Für Kinder und Eltern gilt es, überleben zu lernen. Auch wenn die kleinen Herzen vergessen zu schlagen. Und trotzdem zu kuscheln und eine emotionale Bindung aufzubauen.

Ohne Kommentar fängt die Autorin mit ihrer sensiblen Kameraführung und teilnehmenden Beobachtung das Geschehen ein. Als "Ein-Frau-Team" filmt sie ausschließlich aus den Perspektiven der Eltern oder der Babys, wodurch sie eine große Nähe zu den Protagonisten herstellt. Maja Classens Erzählweise vermittelt atmosphärisch dichte Impressionen vom Alltag auf der Frühgeborenen-Station und beschreibt zugleich auf einer abstrakten Ebene das surreale Gefühl in Grenzsituationen menschlichen Lebens. Der Fokus liegt nicht auf dem Spektakulären der Frühgeburt, sondern auf dem Wunder des Lebens an sich, das auch in einem hochtechnisierten Umfeld eine grundlegende menschliche Erfahrung bleibt, die tiefer geht als alles.

Aysun, Melek und Stefanie - die Protagonistinnen des Films

Aysuns Tochter Elif ist bei der Geburt nur so schwer wie ein Becher Joghurt, sagt die Schwester, als sie der Mutter das Kind nach dem Kaiserschnitt auf die Brust legt. Bis zum Schluss ist unklar, ob Elif überlebt. Sie ist unterversorgt und nur halb so klein wie ihre beiden Schwestern. Um Elifs Leben zu retten, müssen auch ihre Schwestern drei Monate zu früh auf die Welt kommen.

Sobald ihre Kaiserschnittnarbe verheilt ist, zieht Aysun zu ihren Drillingen auf die Frühgeborenen-Intensivstation und lernt, die Babys per Magensonde zu füttern, sie zu wickeln und zu waschen. Sie lernt, dass ihre Babys Atempausen haben dürfen und auch Herzfrequenzabfälle, weil ihre Gehirne noch unreif sind. Sie lernt, die Kinder zu stimulieren, damit sie sich wieder Luft holen. Und so viel wie möglich mit ihnen Hautkontakt zu haben - wie im "Känguruhing".

Melek kommt im siebten Schwangerschaftsmonat mit einem Blasensprung ins Krankenhaus. Sie hat Angst vor der Frühgeburt. Doch nach vier Wochen auf der gynäkologischen Station hat sich Meleks Blasensprung unerwartet wieder geschlossen. Sie wird entlassen und schafft es, ihr Baby fast bis zum errechneten Termin im Bauch zu behalten. In der 38. Woche bringt sie einen zarten, aber gesunden Sohn zur Welt. Er wiegt 2700 Gramm.

Stefanie muss ihre Schwangerschaft wegen der lebensgefährlichen Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) schon im siebten Monat abbrechen und ihren Sohn per Kaiserschnitt zur Welt bringen. Jonas wiegt nur 1140 Gramm. Steffen, der junge Vater, zieht mit zu seiner Familie ins Rooming-in der Neonatologie. Auch er kuschelt, wickelt, sondiert und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, als über Minuten der Monitor Alarm anzeigt, weil Jonas' Herz mit 225 Schlägen pro Minute gefährlich schnell schlägt. Doch dann erlebt er mit, wie auf der Station ein Baby verstirbt und ihm wird wieder klar, wie viel Glück er eigentlich gehabt hat, mit Stefanie und Jonas.

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In Deutschland kommen jährlich rund 63.000 Frühgeborene zur Welt, Tendenz steigend. Auch die Zahl der "Hochrisiko-Kinder" unter 1500 Gramm wächst rasant. Die Gründe für den Zuwachs liegen im medizinischen Fortschritt. Durch künstliche Befruchtung kommen häufiger Mehrlingsschwangerschaften zustande, das Alter der Schwangeren wird höher. Das St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof hat die höchste Geburtenrate Deutschlands und erhielt als weltweit erste Kinderklinik das WHO Zertifikat "babyfreundlich". Das Konzept vom Rooming-in beruht auf dem Grundsatz, Eltern und ihre Babys nicht zu trennen, um von Anfang an die Bindung zu fördern.

Rooming-in wird schon seit Jahren auf normalen Wochenbettstationen praktiziert, ist aber auf Frühgeborenen-Stationen noch großes Neuland. Denn diese Abteilungen sind Intensivstationen mit hohen Hygienestandards und intensivmedizinischen Geräten. Deshalb sehen die meisten Neonatologien noch immer aus wie Technikzentren, in denen die Inkubatoren aufgereiht stehen und die Babys in erster Linie vom medizinischen Personal versorgt werden. Der Kontakt zu den Eltern beschränkt sich auf die Besuchszeiten.

© Maja Classen
Jonas' Vater Steffen bei Alarm am Inkubator
Der neue Ansatz bringt aber nicht nur Vorteile, sondern bedeutet sowohl für die Eltern wie auch für das medizinische Personal hohe Anforderungen und reichlich Konfliktpotenzial. Die Eltern befinden sich quasi dauernd im Ausnahmezustand, zwischen Euphorie und Todesangst, während die Schwestern und Ärzte neben ihrem übervollen Pensum an medizinischer Betreuung auch noch Zeit und Kraft für die emotionale Betreuung der Familien aufbringen müssen.

Maja Classen: "Im Oktober 2011 musste ich plötzlich ins Krankenhaus. Ich war in der 27. Woche schwanger mit Zwillingen, und es ging mir sehr schlecht. Eine Woche später wurden meine Babys per Kaiserschnitt geboren. Sie mussten noch acht Wochen auf der Neonatologie des St.-Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof behandelt werden, und ich durfte die ganze Zeit an ihrer Seite bleiben. Es war die existenziellste Erfahrung meines Lebens. Erst später erfuhr ich, dass das hier praktizierte Konzept des 'Rooming-in' bis heute die absolute Ausnahme in Deutschland darstellt. In den meisten Frühgeborenen-Stationen werden die Babys von Ärzten und Pflegenden versorgt, die Eltern besuchen ihre Kinder nur stundenweise tagsüber. Der Umstand, dass Neugeborene monatelang von ihren Eltern getrennt werden, schockierte mich zutiefst. Deshalb möchte mich dafür einsetzen, dass in Zukunft jede Familie mit Frühgeborenen diese Möglichkeit erhält und mit meinem Film ein Plädoyer für eine menschliche Frühgeborenen-Medizin halten."

Maja Classen, geboren in Heidelberg, aufgewachsen in Hamburg, lebt als freie Regisseurin und Autorin in Berlin.

Sendedaten
Dienstag, 30. Mai 2017, 22.30 Uhr

Erstausstrahlung
Credits
Plötzlich ist die Welt ganz klein
Dokumentarfilm von Maja Classen
Deutschland 2016
82 Minuten
Redaktion: Margrit Schreiber, Katya Mader
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