© Sebastian Engbrocks
Jens Schanze bei seiner Filmarbeit im kolumbianischen Urwald. Schanze, geboren 1971 in Bonn, ist Absolvent der HFF München und Professor an der Technischen Hochschule in Deggendorf. Er lebt und arbeitet in München.
Jens Schanze bei seiner Filmarbeit im kolumbianischen Urwald. Schanze, geboren 1971 in Bonn, ist Absolvent der HFF München und Professor an der Technischen Hochschule in Deggendorf. Er lebt und arbeitet in München.
"Der Rassismus in der postkolonialen Gesellschaft Kolumbiens"
Interview mit Filmemacher Jens Schanze

Was hat dich veranlasst, einen Film über die Umsiedlung eines Dorfs in Kolumbien zu machen?

Nachdem ich bereits zwei Filme im rheinischen Braunkohlerevier gedreht hatte, wollte ich - ehrlich gesagt - nicht noch einen weiteren Umsiedelungsfilm machen. Letztlich ist es auch keiner geworden. Der Film erzählt eine besonders perfide Geschichte des Neokolonialismus in Südamerika: Menschen, die ohne Stromversorgung glücklich leben, müssen ihr traditionelles Leben aufgeben, damit in den Industrieländern das Licht nicht ausgeht. Mitte 2011 wurde ich auf die Kohleimporte aus Kolumbien aufmerksam. Die Schweizer Nichtregierungsorganisation "Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien" plante gerade eine Recherchereise in die Bergbaugebiete. Kurz entschlossen bin ich mitgefahren. Wir haben während dieser Reise in den Nordosten Kolumbiens etwa fünfzehn Dörfer besucht, die alle vom Kohlebergbau betroffen sind. Und überall war sowohl die physische als auch die psychische Verfassung der Menschen katastrophal, die Dorfgemeinschaften waren bereits durch die systematischen Intrigen der Konzerne zerstört worden.

Nicht so in Tamaquito. Ich habe die Dorfgemeinschaft und Jairo Fuentes, ihren Anführer, als unwahrscheinlich gut organisiert empfunden. Die Menschen dort traten geschlossen auf, hatten ein klares Ziel vor Augen und konnten sehr selbstbewusst mit den Konzernvertretern verhandeln. Und das hat mich interessiert. Was macht diese Menschen so stark? Für mich war nach dieser Reise klar, dass ich genau dort, in Tamaquito, einen Film machen möchte, ohne bereits genau zu wissen, wie dieser aussehen könnte.

Wie funktionierte die Kommunikation mit den Dorfbewohnern von Tamaquito?

Ich habe 1994 ein Jahr lang in Bolivien gelebt. Deswegen komme ich mit Spanisch ganz gut durch. Aber es gibt ja eine Sprachebene, die uns vollkommen verschlossen geblieben ist: das Wayuunaiki, die ursprüngliche Sprache der im Norden Kolumbiens lebenden Wayuu. Wenn die Wayuu nicht möchten, dass Fremde sie verstehen, wechseln sie übergangslos ins Wayuunaiki. Das muss man einfach akzeptieren. Zum Glück hatte unsere kolumbianische Produktionsleiterin sehr viel Erfahrung mit indigenen Gemeinschaften in Kolumbien. Sie war in der gesamten Kommunikation eine Schlüsselfigur und hat unser Team auf den richtigen Weg gebracht, wenn es darum ging, die nonverbalen Codes der Leute im Dorf zu verstehen. Natürlich gab es trotzdem jede Menge Missverständnisse. Wir konnten im Dorf in einem leer stehenden Lehmhaus wohnen, dadurch hatten wir sehr engen Kontakt zu den Menschen. Im Laufe der Zeit ist ein Vertrauen entstanden, das letztlich die Basis für die Entstehung des Films war.

Wie kam der Kontakt mit den Betreibern der Mine zustande?

Ich habe 2011 während der Recherchereise mit der NGO "Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien" einige Konzernvertreter in Kolumbien kennengelernt. Ein halbes Jahr später habe ich sie erstmals angeschrieben. Man wollte zunächst meine früheren Filme zum Thema Umsiedlung sehen und wir wurden gebeten, ausführliche Informationen zum Konzept und zur Finanzierung des geplanten Filmprojekts zu schicken. Sechs Monate ging das hin und her, schließlich fand das erste Treffen in der Konzernzentrale von "Cerrejón" in Bogotá statt. Vom Leiter der Abteilung "Internationale Beziehungen und Soziale Standards" brauchten wir das Okay für die Dreharbeiten während der Verhandlungen. Der Mann war zuvor Menschenrechtsbeauftragter in der Regierung von Ex-Präsident Alvaro Uribe, die nicht gerade für ihre Liebe zu den Menschenrechten bekannt war. Warum er uns die Erlaubnis gegeben hat? Unser Konzept sah keine Interviews mit "Betroffenen" und keinen Off-Kommentar vor; ich glaube, das hat ihn beruhigt. So absurd sich das im Nachhinein anhört: Er hatte die Erwartung, dass der Film das Dokument einer vorbildlichen, menschenwürdigen Umsiedlung würde.

Gab es Schwierigkeiten, eine Drehgenehmigung zu erhalten?

Der Cerrejón-Konzern hat zwar grundsätzlich den Dreharbeiten zugestimmt, aber immer wenn es konkret wurde, gab es unwahrscheinlich viele Hindernisse. Eine der schwierigsten Einstellungen war die Sprengung im Kohletagebau. Jeden Tag um zwölf Uhr fünfundvierzig wird eine Fläche von zwei bis drei Hektar in einer der vier Kohlegruben von "Cerrejón" gesprengt. Eine riesige Staubwolke erhebt sich danach und verteilt sich je nach Wind in der Umgebung. Der Staub verursacht eine massive Beeinträchtigung der Lebensqualität der Menschen, die in Grubennähe leben. Ernteausfälle sowie Haut- und Atemwegserkrankungen sind die Folgen. Daher wollten wir ein Bild dieser physischen Gewalt, die dem Land und den Menschen Tag für Tag wiederfährt, für den Film aufnehmen.

Da jeden Tag woanders gesprengt wird, konnten wir uns nur auf gut Glück postieren. Wie viele Versuche wir auch unternahmen, wir waren immer am falschen Ort. Schließlich fragten wir beim Präsidenten von Cerrejón persönlich an, ob man uns informieren könne, wann und wo gesprengt würde. Die Sprengungen zu filmen sei zu gefährlich, war die Antwort, obwohl wir von einem Standpunkt außerhalb des Werksgeländes drehen wollten, der gut zwei Kilometer Luftlinie von der Explosion entfernt lag. Schlimmer noch: Nachdem der Konzern nun wusste, dass wir auf der Jagd nach einem Bild der Sprengung waren, wurden die Uhrzeiten variiert. Jahrelang hat die Sprengung täglich um zwölf Uhr fünfundvierzig stattgefunden. Plötzlich sprengten sie um sechzehn Uhr, um achtzehn Uhr, um zwölf Uhr fünfzehn ... Es begann ein Katz- und Mausspiel, das wir schließlich beenden konnten, indem wir den Kontakt zu einem Mitarbeiter im Tagebau herstellten. Wir wurden morgens in einer verschlüsselten Botschaft telefonisch informiert, wo und wann heute gesprengt würde.

Unter welchen Bedingungen fanden die Dreharbeiten statt?

Wir wussten vorher, dass das Land noch im Bürgerkrieg steckt. Es kommt drauf an, möglichst sorgfältige Vorkehrungen zu treffen. Wir hatten zwei kolumbianische Teammitglieder, die mit Dreharbeiten in ländlichen Gegenden Kolumbiens vertraut waren. Es gab Drehphasen, in denen wir nachts regelmäßig Granateneinschläge gehört haben. Die kolumbianische Armee beschoss aus ihren Stellungen im Kohletagebau heraus die Camps der Farc-Guerilla, die Granaten flogen über Tamaquito hinweg. Es stellte sich außerdem heraus, dass eine Schmugglerroute, insbesondere für Treibstoff, aus Venezuela direkt am Dorf vorbeiführte. Wir haben unser Verhalten dem der Dorfbewohner angepasst und uns strikt an die Sicherheitsvorkehrungen der Dorfgemeinschaft gehalten; Dank ihrer Umsicht haben wir eigentlich nie wirklich prekäre Situationen erlebt. Selbst die Flugaufnahmen waren schließlich kein Problem, obwohl der Luftraum im gesamten Departamento La Guajira wegen des Krieges für zivile Flüge gesperrt war. Es gab nur ein privates Unternehmen, das die Erlaubnis für Helikopterflüge hatte. Zum Tagebaurand musste der Hubschrauber laut Vorschrift zwei Kilometer Abstand halten. Das wurde in jeder E-Mail und jedem Telefonat vorab betont. Als wir dann in der Luft waren, fragte uns der Pilot, wo wir fliegen wollen. "Über den Tagebau, bitte", sagten wir. "Wie oft?", fragte er.

Hattest du den Eindruck, dass die Verhandlungen zwischen den Dorfbewohnern von Tamaquito und den Vertretern der Mine "El Cerrejón" auf Augenhöhe geführt wurden?

Der Rassismus in der postkolonialen Gesellschaft Kolumbiens ist derart tief verankert, dass - nach meiner Einschätzung - eine Kommunikation auf Augenhöhe nahezu ausgeschlossen ist. Die Konzernvertreter sind weiß, die Dorfbewohner gehören zur indigenen Minderheit der Wayúu. Auch die Machtverhältnisse sind von vornherein so ungleich, dass wohl nirgendwo auf der Welt die Kommunikation zwischen Großkonzernen und Bürgern auf Augenhöhe stattfindet. In der Kultur der Wayuu ist die offene und direkte Kommunikation tief verwurzelt. Taktieren und täuschen gehört nicht zum Repertoire. "Bei uns zählt das Wort", sagt Jairo Fuentes während der Verhandlung zu den Konzernvertretern. Diese Kultur wird von der Gegenseite nicht erwidert, das schließt die Augenhöhe aus.

Was hat Jairo Fuentes, der Anführer der Wayúu-Siedlung, erreicht?

Sein wichtigster Verdienst ist, dass die Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft, die aus zweiunddreißig Familien, zirka hundertachtzig Personen, besteht, bis heute stabil geblieben ist. Die Dorfgemeinschaft spricht mit einer Stimme und tritt gegenüber dem Konzern geschlossen auf. Das ist absolut einzigartig. Er hat in dem über zehnjährigen Verhandlungsprozess sowohl die Farc-Guerilla als auch die kolumbianische Armee und die Paramilitärs auf Abstand gehalten und so die Unabhängigkeit Tamaquitos gewahrt. Weder Drohungen noch Bestechungsversuche haben ihn von seinem Weg abgebracht. Er hat gegenüber dem Konzern durchgesetzt, dass Tamaquito am neuen Standort die Besitzurkunde für das Land erhält, auf dem die neue Siedlung errichtet wurde. Diese Urkunde ermöglicht es der Dorfgemeinschaft, nun von der kolumbianischen Regierung offiziell als indigene Gemeinschaft anerkannt zu werden und die entsprechende finanzielle Unterstützung zu erhalten. Am alten Standort hatte die Dorfgemeinschaft keinen Besitztitel. Die Umsiedlung von Tamaquito war innerhalb von sechs Tagen abgeschlossen. In allen andern mir bekannten Fällen zieht sich der Prozess über Jahre hinweg, weil die Konzerne mit jeder Familie separat verhandeln und individuelle Verträge abschließen. Die sozialen Bindungen werden dadurch oft zerstört. In Tamaquito gab es nur einen einzigen Vertrag.

Was hat die in Kolumbien geförderte Kohle mit uns in Deutschland und Europa zu tun?

Kolumbien ist einer der wichtigsten Steinkohlelieferanten deutscher Stromkonzerne. Seit Jahren geraten deutsche Kohleimporteure wie RWE, E.on, STEAG, Trianel oder EnBW immer wieder in den Fokus von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Ihre kolumbianischen Lieferanten, unter anderem "Cerrejón", werden immer wieder mit schweren Menschenrechtsverletzungen, skrupelloser Umweltzerstörung und der Nähe zu rechten paramilitärischen Gruppierungen in Verbindung gebracht. Außerdem zählen deutsche Banken wie Deutsche Bank, Commerzbank, Hypovereinsbank, aber auch die Volks- und Raiffeisenbanken und die Stadtsparkassen über die ihnen angeschlossenen Finanzinstitute zu den größten Kreditgebern der internationalen Kohleindustrie. Sowohl Bergbauvorhaben als auch der Bau neuer Kohlekraftwerke werden so finanziert. Wer also konventionellen Strom verbraucht und sein Konto beziehungsweise seine Geldanlage nicht bei einem alternativen Finanzinstitut hat, der trägt zu dramatischen Entwicklungen wie der in Tamaquito bei.

Wie haben die Dorfgemeinschaft und die Konzernvertreter in Kolumbien auf deinen Film reagiert?

Die Welturaufführung des Films fand in Tamaquito statt. Es wurde währenddessen viel gelacht und geweint, danach waren alle sehr schweigsam. Nur Ingris, die weibliche Hauptperson, sagte: "So war es." Jairo und Ingris haben inzwischen einige Vorführungen des Films in Kolumbien begleitet und die Publikumsgespräche geführt. Im Februar 2017 sind Vorführungen in etwa zehn Dörfern der Abbauregion geplant, die Jairo und ich gemeinsam begleiten werden. Der Konzern hat sich zurückgehalten. Wir haben alle Mitwirkenden zur Premiere beim Filmfestival in Cartagena eingeladen. Maria Teresa Romero, die Umsiedlungsbeauftragte des Konzerns, war dort. Ich habe sie nach der Vorführung zufällig auf der Straße getroffen. Sie konnte kaum sprechen vor Ärger oder Wut. Die PR-Leute von Cerrejón wollten dann mit Jairo Fuentes über den Film sprechen, was denn da schief gelaufen sei et cetera. Klug wie Jairo ist, hat er sie an uns verwiesen. Außer einer Anfrage, DVDs oder einen Sichtungslinks für das Management zu schicken, kam keine Reaktion. Wir haben eine DVD mit Begleitbrief an Ivan Glasenberg, den CEO von Glencore plc in der Schweiz geschickt, bisher ohne Resonanz. Viele Zuschauerreaktionen aus Deutschland und der Schweiz haben uns erreicht. Manche haben Solidaritätsbotschaften direkt an Jairo und die Dorfgemeinschaft geschickt, manche haben berichtet, dass sie ihren Stromanbieter oder ihre Bank gewechselt haben.

Wie ist die Lage der Bewohner von "Neu"-Tamaquito nach ihrer Umsiedlung?

Seitdem Jairo Fuentes im Mai 2014 die Hauptversammlung von Glencore plc in der Schweiz besucht hat, sind einige Top-Manager der an der Cerrejón-Mine beteiligten Rohstoffkonzerne in Neu-Tamaquito gewesen. Die Verantwortlichen von Glencore, BHP Billiton und Anglo American haben vor Ort versprochen, das Wasserproblem zeitnah zu lösen. Bis heute hat es allerdings keine Fortschritte gegeben. Aufgrund des andauernden Wassermangels haben die Menschen im zirka dreißig Kilometer vom alten Ort entfernt liegenden Neu-Tamaquito in den mehr als drei Jahren seit ihrer Zwangsumsiedlung keine Ernte einbringen können. Die von Cerrejón angekündigten Projekte, die den Menschen ein Einkommen am neuen Standort ermöglichen sollten, wurden nicht umgesetzt. Die Dorfgemeinschaft verhandelt in regelmäßigen Abständen mit dem Konzern über die Zahlung von Überbrückungsgeldern zur Beschaffung von Nahrung und Trinkwasser. Die ökonomische und gesundheitliche Situation der Menschen ist kritisch. Doch weder die beteiligten Konzerne noch die kolumbianische Regierung lassen erkennen, dass sie sich um eine schnelle und dauerhafte Lösung der katastrophalen Lage in den Umsiedlungsgebieten bemühen.

Trotz aller Rückschläge hat die Wayúu-Gemeinschaft am neuen Ort zu ihrer mentalen Stärke zurückgefunden. Unter der Führung von Jairo Fuentes treten die Menschen weiterhin geschlossen gegenüber dem Konzern auf. Sie haben beim kolumbianischen Staat die Anerkennung von Tamaquito als indigene Schutzzone beantragt. Die als "Resguardo Indígena" anerkannten Gemeinschaften erhalten in Kolumbien jährliche Zahlungen aus öffentlichen Mitteln. In Tamaquito hofft man, mit Hilfe dieser finanziellen Ressourcen die Abhängigkeit von den Kohlekonzernen beenden und eine neue Zukunftsperspektive entwickeln zu können. Ein mögliches Ziel ist, nach Schließung des Kohletagebaus in der waldreichen Bergregion hinter Alt-Tamaquito Land zu kaufen, auf dem eine der Wayúu-Kultur entsprechende Lebensweise möglich ist. Diese Perspektive wird - wenn überhaupt - allerdings erst durch zukünftige Generationen realisierbar sein.

Interview: Margrit Schreiber, 3sat


Dokumentarfilm
La Buena Vida - Das gute Leben
Mittwoch, 15. November 2017, 1.55 Uhr
(Nacht Mi/Do)
Links