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Die beiden Berliner Filmemacher Stefan Kolbe (links) und Chris Wright haben schon einmal einen Dokumentarfilm gedreht, in dem Sarah auftritt, die Protagonistin ihres neuen Films "Mutterglück".
Die beiden Berliner Filmemacher Stefan Kolbe (links) und Chris Wright haben schon einmal einen Dokumentarfilm gedreht, in dem Sarah auftritt, die Protagonistin ihres neuen Films "Mutterglück".
"Stark, wie Sarahs Gefühle in ihrem Gesicht erkennbar werden"
Interview mit Stefan Kolbe und Chris Wright

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, einen Film über Sarah als junge Mutter zu machen?

Sarah haben wir ursprünglich 2008 kennengelernt, als sie zwölf Jahre alt war. Wir haben in ihrem Kinderheim in der Magdeburger Börde gedreht, für unseren Film "Kleinstheim". Sarah wurde zum eigentlichen Star des Films - es baute sich eine Nähe auf, die für uns, wie für sie, prägend war. In den Jahren danach haben wir Kontakt gehalten, mal intensiver, mal lockerer. Wir waren natürlich gespannt, wie es mit ihr weitergeht, und da lag es ja auch nahe, ihre Weiterentwicklung filmisch zu dokumentieren. So haben wir mit ihr nochmal gedreht, als sie fünfzehn war. Da war Sarahs Schwester schwanger geworden, und wir wollten Sarahs Stimmung festhalten, kurz vor diesem Wendepunkt in ihrer Familiegeschichte. - Ausschnitte aus diesem Material sind auch in "Mutterglück" zu sehen. - Als wir dann Ende letzten Jahres hörten, dass auch Sarah schwanger sei, war sofort der Gedanke da - jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, einen neuen Film mit ihr zu machen.

Schon bei "Kleinstheim" war ein Hauptthema, wie Entscheidungen von Eltern sich auf ihre Kinder auswirken. Und jetzt sollte Sarah gewissermaßen die Seite wechseln - von der des Kindes zu der des Elternteils. Sie sollte Mutter werden - die, die selbst ohne Mutter aufgewachsen war. Dass Daniel, der Vater ihres Kindes, auch ohne seine Eltern aufgewachsen ist, verstärkte dieses Gefühl, dass der Stoff für einen neuen Film da wäre.

War es schwer, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen?

Zu Sarah hatten wir schon ein Vertrauensverhältnis, das war nicht das Problem. Aber am Anfang war sie schon skeptisch einem neuen Film gegenüber. Wir waren auch keineswegs sicher, dass sich Daniel drehen lässt. Er hat viele schlechte Erfahrungen gemacht mit Autoritätspersonen, und natürlich fielen wir für ihn aufgrund unseres Alters und unseres Berufes eher in diese Kategorie. Aber das sind Bedenken, auf die man nicht einreden kann; wichtig war einfach, viel Zeit mit den beiden zu verbringen. Als sie merkten, dass unser Interesse echt war, ging das ganz schnell. Das Material zu den ersten zehn Minuten des Films entstand alles an einem Abend - direkt nachdem sie gesagt hatten, dass wir drehen dürften. Danach gab es eigentlich keine Diskussionen. Es fühlte sich genau so an, wie das Drehen mit der zwölfjährigen Sarah, so viele Jahre vorher.

Was gefällt Euch an Sarah?

Ich finde unglaublich stark, wie Sarahs Gefühle in ihrem Gesicht erkennbar werden. Es ist wie kein Filter davor. Sarah ist immer etwas unberechenbar gewesen - vor ein paar Jahren hat sie die Diagnose von Borderline bekommen. Sie findet es manchmal schwer, sich auf Situationen einzulassen und driftet weg. Sie kann auch sehr schroff sein. Aber in ihrem Gesicht merkt man, was in ihr los ist - oft viel mehr, als sie selber in Worte packen könnte. Und so spürt man ihre Wärme. Diese Blicke, wie sie ihr neues Kind anschaut! Da ist so viel Widersprüchliches drin. Es war uns sehr wichtig, in unserem Film Zeit zu lassen für diese Blicke. Denn genau dort steckt vielleicht Hoffnung. Ich erkenne darin Sarahs Liebe für ihr Kind - auch wenn sie sie vielleicht sonst schwer ausdrücken kann. Sarah ist, glaube ich, eine Person mit viel Liebe - und Humor! - in sich, die aber nicht weiß, wie sie sie zeigen soll.

Hat die Geschichte, die Ihr im Film beschreibt, etwas mit Ostdeutschland zu tun?

Im Film geht es auch darum, wie Kommunikations- und Verhaltensmuster sich in den Generationen fortsetzen. Wenn ich als Kind angeschrieen wurde, schreie ich später wahrscheinlich selbst mein Kind an. Diese Muster sind ja überall zu finden. Aber natürlich sind ihre Ausdrucksformen regional verschieden. Die Welt, in der wir uns im Film befinden, ist sehr von der Arbeits- und Perspektivlosigkeit geprägt, die man in weiten Teilen von "Ostdeutschland" immer noch vorfindet. Mehr als ALG II (Hartz IV) erwarte ich vom Leben sowieso nicht. Ein weiterer regionaler Ausdruck davon ist oft eine Rechtslastigkeit. Das große Tattoo auf Daniels Oberarm, das wir in einer Szene verpixeln mussten, ist ja ein Hakenkreuz.

Wie wird es weitergehen mit der jungen Familie?

Am Schluss des Films steht die Tafel: "Sarah möchte bald ein zweites Kind." Da hat das Leben mal wieder die Fernsehwirklichkeit überholt. Im Februar nächsten Jahres soll Sarah zum zweiten Mal Mutter werden.

Interview: Nicole Baum, Filmredaktion 3sat


Übersicht
Dokumentarfilmreihe Ab 18!
17. und 24. Oktober 2016
Dokumentarfilmreihe Ab 18!
Ab 18! - Mutterglück
Montag, 24. Oktober 2016, 23.05 Uhr
Erstausstrahlung