© Isabelle Casez, Credo Film
Simon  Brückner, geboren 1978, arbeitet freiberuflich als Filmemacher, Journalist,  Dramaturg  und  Dozent.  "Aus dem Abseits" ist sein zweiter abendfüllender Dokumentarfilm.
Simon Brückner, geboren 1978, arbeitet freiberuflich als Filmemacher, Journalist, Dramaturg und Dozent. "Aus dem Abseits" ist sein zweiter abendfüllender Dokumentarfilm.
"Die Trennung von Seele und Gesellschaft ist eine Illusion"
Interview mit Filmemacher Simon Brückner
Peter Brückner war eine der charismatischsten, aber auch rätselhaftesten Figuren der oppositionellen politischen Öffentlichkeit der "alten" Bundesrepublik; ein Querdenker, dessen Leben von historischen wie privaten Brüchen geprägt war. Im Interview spricht Regisseur Simon Brückner über die Entstehung seines Dokumentarfilms über seinen Vater.

Peter Brückner starb 1982. Damals warst du, sein letztgeborener Sohn, gerade vier Jahre alt. Wieso mussten über dreißig Jahre vergehen, bis du dich entschieden hast, dich seiner Lebensgeschichte in Form eines Films anzunehmen?

Gerade weil ich damals so jung war, wusste ich lange nicht, welche Fragen ich eigentlich stellen sollte. Vielleicht habe ich auch nicht daran rühren wollen. Meine Mutter zog nach Peters Tod mit mir nach Berlin, und wir haben unser Leben vorwärts gelebt. Auch wenn ich wusste, dass mein Vater mal eine öffentliche Figur war und eine spannende Biographie hatte, so ließ ich ihn doch das sein, was er für mich persönlich war: eine kleine Anekdotensammlung und ein Knäul namenloser Gefühle. Mit Ende zwanzig war für mich die Zeit gekommen, noch einmal an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Meine Recherchen zeigten mir dann, dass dort eine Geschichte verborgen liegt, die auch für andere interessant sein könnte.

Im Film kommen Weggefährten und Verwandte zu Wort. Bist du auf Aufgeschlossenheit und Entgegenkommen gestoßen, dass Peter Brückner durch dein Bemühen dem Vergessen entrissen wird, oder gab es Vorbehalte deiner Gesprächspartner?

Fast alle hatten Vorbehalte. Es gab die Sorge, ich, der Spätgeborene, könnte die politischen Fragen und Kämpfe, die Peters Leben bestimmten, nicht mehr verstehen oder würde mich gar nicht erst für sie interessieren. Es gab wohl auch die Angst davor, sich mit der eigenen Trauer, den enttäuschten Hoffnungen oder der Wut erneut konfrontieren zu müssen, die mit meinem Vater oder seinem Tod verbunden waren. Viele hatten jedenfalls ganz genaue Vorstellungen davon, wie ein Film über Peter Brückner aussehen müsste und wie er auf keinen Fall aussehen dürfte. Meine Aufgabe war es, mir all das mit großer Empathie anzuhören, aber dann konsequent meinen eigenen Weg zu gehen. Dabei haben mich am Ende doch alle meine Protagonisten mit großem Vertrauen und viel Kraft und Hingabe unterstützt.

Dein Film ist Familiengeschichte und Zeitgeschichte in einem. War das von vornherein so angelegt, oder ließen sich die beiden Ebenen in der Beschäftigung mit dem Leben deines Vaters nicht trennen?

Es war eine meiner ersten Entscheidungen als Regisseur und zugleich eine Annäherung an das Wesen meines Vaters, dass der Film beides zugleich beleuchten muss: das Private und das Politische. Peters persönliche Geschichte genau wie seine Forschungen zeigen ja gerade, wie politische und historische Kräfte bis in die intimsten Winkel des Lebens hineinwirken. Und auch umgekehrt, wie irrational und emotional politische Herrschaft funktioniert. Das ist der Punkt, wo ich mit meinem Film ein Erbe angetreten bin: spürbar zu machen, dass die Trennung von Seele und Gesellschaft eine Illusion ist. In Wirklichkeit gibt es nur eine Existenz, ein Dasein mit starken sozialen Dimensionen. In meiner Beschäftigung mit meinem Vater bekam unsere Familiengeschichte für mich einen historischen Unterbau und die politischen Kämpfe eine sehr private Seite. Für den Film bedeutete das, sehr viel disparaten Stoff in kurzer Zeit verdichten und dokumentarische Genregrenzen verwischen zu müssen.

Für den Film hast du dich intensiv mit den Schriften deines Vaters befasst. Was ist aus deiner Sicht für heutige Zuschauer und Leser der Anknüpfungspunkt an sein Denken?

Das verbreitete Unbehagen mit der Politik der "Alternativlosigkeit", einer Ideologie, die uns einreden will, Wirtschaftswachstum und politische Mäßigung seien das Einzige und Beste, was wir für unsere Gesellschaften tun könnten. Peter hat ähnliche Tendenzen mit Blick auf die fünfziger und beginnenden achtziger Jahren analysiert und immer wieder gefragt: Warum lassen sich großen Mehrheiten gegen ihre eigenen Interessen beherrschen? Warum entpolitisiert die moderne Demokratie ihre Bevölkerungen? Was können wir dem entgegensetzen? Er hat aber auch die linke Bewegung mit Kritik nicht verschont und deren eigenen Konformismus, ihre Staats- und Autoritätshörigkeit oder auch die Tendenzen zur Selbstghettoisierung von sozialen Bewegungen schonungslos hinterfragt. Das immer dramatischere Scheitern der europäischen Linken während der letzten zwanzig Jahre beschäftigt mich sehr, ich habe in Gedanken mit meinem Vater oft darüber gesprochen.

Du hast bei vielen Vorführungen mit dem Publikum diskutiert. Wie war die Reaktion auf deinen Film, besonders unter jüngeren Zuschauern?

Es war schön zu spüren, dass der Film auch Menschen erreicht hat, die vorher nicht wussten, wer Peter Brückner war. Jüngere Zuschauer haben oft mit einer gewissen Fassungslosigkeit auf den Grad der Politisierung währender siebziger Jahre reagiert, auf das freie Leben an der Universität und die theoretische Höhe der Diskurse. Und sie haben sehr genau wahrgenommen, wie Themen aus Peters Leben während der dreißiger und vierziger Jahre, historische und persönliche Erfahrungen, später wiederkehrten und weiter wirkten – bis hinein ins Leben seiner Kinder. Das filmische Zusammenführen von Zeitgeschichte und persönlicher Identitätssuche hat großen Gesprächsbedarf ausgelöst. Viele Zuschauer haben mir nach den Vorführungen auch aus ihrem eigenen Leben erzählt oder versucht, die Themen des Films in die Gegenwart weiterzudenken. Mehr hätte ich mir nicht wünschen können.

Die Fragen stellte Udo Bremer, Filmredaktion 3sat.


Dokumentarfilm - TV-Premiere
© Isabelle Casez, Credo FilmAus dem Abseits
Montag, 29. August 2016, 22.25 Uhr