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"Hinter die Schlagzeilen sehen"
Alison Klayman über "Ai Weiwei - Never Sorry"
Alison Klayman wurde 1984 in Philadelphia geboren. 2006 schloss sie ihr Geschichtsstudium mit Auszeichnung ab und reiste im selben Jahr für fünf Monate nach China. Dort begann sie Mandarin zu lernen und beschloss, in Beijing zu bleiben. 2008 wurde sie als Journalistin zugelassen und produzierte von da an Fernseh- und Radiobeiträge. Zeitgleich begann sie mit den Dreharbeiten für ihren Film "Ai Weiwei - Never Sorry", über den sie hier berichtet.
Ich wollte diesen Film über Ai Weiwei machen, weil ich einen Film über einen charakterstarken Künstler drehen wollte, der dazu bereit ist ein Risiko einzugehen, um die Gesellschaft auf ihre eigenen Missstände aufmerksam zu machen. Ai Weiwei ist eine charismatische Persönlichkeit, die mit ihrer Dynamik die Vielfalt der Erfahrungen und Realitäten in China verkörpert, Zeichen dafür, wie China sich verändert hat und dass es noch sehr viele weitere Veränderungen geben wird. Das ist der Grund, warum mir so vieles im Kopf herumging, als Weiwei letzten April, nach mehr als zwei Jahren Dreharbeiten und mehreren Monaten Postproduktion, in Polizeigewahrsam genommen wurde, ohne formelle Anklage oder einen Hinweis darauf, wann er wieder freikommen würde.

Wochenlang bin ich in New York bis spät in die Nacht aufgeblieben, damit ich zum Sonnenaufgang in Beijing wach war. Immer wieder kamen Journalistenanfragen. Ich habe jede Entwicklung beobachtet, war über Skype fast immer erreichbar und habe keine Twittermeldung verpasst. Weiweis 81-tägige Haft hat ihn nicht nur noch mehr zum Symbol werden lassen, sondern auch das Interesse der Presse verstärkt. Über seine Freilassung wurde in aller Welt berichtet und plötzlich konnten auch diejenigen, die vorher nichts über ihn wussten, mit seinem Namen ein Gesicht und eine Geschichte verbinden.

Weiwei hatte noch nie einen Computer benutzt
Der Mann und seine Geschichte dahinter bilden den Fokus von "Ai Weiwei - Never Sorry". Die Dreharbeiten zum Film begannen im Jahr 2008, kurz nachdem er durch seine Arbeit an dem Olympiastadion "Bird's Nest" und seiner Abwesenheit bei den olympischen Spielen, die er als Propagandaaktion der Regierung bezeichnete, internationale Bekanntheit erlangt hatte. Seitdem hatte sich einiges verändert. Weiwei hatte noch nie einen Computer benutzt, 2005 begann er dann mit seinem Blog, der sich durch seine offenen und politisch aneckenden Meinungen auszeichnet.

2009 wurde der Blog von der Regierung gesperrt, aber da hatte Weiwei sich schon zum Symbol der Webgemeinschaft entwickelt - eine Rolle, die er trotz allem dank Twitter weiterführen konnte. Im selben Jahr eröffnete Weiwei seine größte Solo-Ausstellung in München "So Sorry" und wurde, obwohl er niemals Kinder wollte, Vater eines Sohnes. Und dann gab es natürlich die Verhaftung im Jahr 2011.

Diese Jahre waren sehr prägend für einen Mann, der schon verschiedenste einschneidende Epochen in seinem Leben durchlaufen hatte. Nach Weiweis Freilassung habe ich ihn in Beijing besucht, auch um ihm den fertigen Film zu präsentieren. Er fand, dass der Film sehr eindringlich und treffend zeigt, worum er sich in den letzten Jahren bemüht hat. Ich traf auf einen Mann, der nach seiner Haft sagt, er müsse einen neuen Weg finden, um das Spiel zu spielen und zu gewinnen. Seitdem hat er gezeigt, dass er weiterhin an seiner Überzeugung festhält und sich nicht unterkriegen lässt.

Erfolgreiches Zeichen gegen die Überwachung
Im November 2011 erhielt er durch eine spontane Spendenaktion seiner Fans mehrere Millionen Dollar, die es ihm ermöglichten, Teile der ihm zu unrecht vorgeworfenen Steuerschulden zu begleichen. Ein Jahr nach seiner Haftentlassung installierte er im April 2012 vier Kameras in seinem Haus und ließ dadurch die ganze Welt online an seinem Leben teilhaben. Obwohl die Regierung die Weiweicam innerhalb von 46 Stunden abschalten ließ, war es ein erfolgreiches Zeichen gegen die Überwachung der Regierung und gleichzeitig auch eine Unterstützung seiner Kampagne für mehr Transparenz in der chinesischen Gesellschaft und Regierung. Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt hören von Ai Weiwei durch das große mediale Interesse, durch das Internet oder durch Kunstausstellungen.

"Ai Weiwei - Never Sorry" bietet zusätzlich die Möglichkeit, hinter die Schlagzeilen zu sehen und wirklich Zeit mit Weiwei zu verbringen, seine Stimme und seine Meinungen zu hören, seine Stärken und Schwächen zu sehen und verschiedenste Bereiche seines Lebens kennenzulernen. Der Film gibt den Zuschauern außerdem die Chance, sich eine Meinung über Weiweis Entscheidungen zu bilden und, das hoffe ich zumindest, sich von seinem Mut und seiner Menschlichkeit inspirieren zu lassen.

Aber in "Ai Weiwei - Never Sorry" geht es nicht nur um Weiwei oder um China. Ich wünsche mir, dass der Film die Zuschauer dazu bringen wird, sich selbst zu fragen: Wie stelle ich mir eine bessere Zukunft vor? Wie viel würde ich riskieren, um meine Meinung zu vertreten? Die größte Wirkung, die dieser Film erzielen kann, wäre eine neue Gruppe Künstler, Aktivisten und Bürger entstehen zu lassen, die kein Blatt vor den Mund nehmen und die Zukunft ihrer Gesellschaft mit einer starken Vision verbessern wollen.

Dokumentarfilm
Ai Weiwei - Never Sorry
Sonntag, 31. Januar 2016, 22.15 Uhr
Erstausstrahlung