© ORF/Soleil Film/Filip Antoni Malinowski
Video online ab 30.4.2018, 22.25 UhrVideo online ab 30.4.2018, 22.25 Uhr
Maria
Maria muss packen
"Maria muss packen" ist ein Film über ein altes polnisches Ehepaar und ihren Kampf gegen den drohenden Verlust ihrer Wohnung. Ein Film über Gerechtigkeit und die Bewältigung von Schicksalsschlägen - mit positiver Lebenseinstellung. Eine Parabel über das Altwerden und Jungbleiben.
Der Enkel Filip Antoni Malinowski, polnischstämmiger Regisseur, hat dieses ungewöhnliche polnische Ehepaar über ihr Leben befragt, immer mit dabei die Kamera: Auf der einen Seite Maria (81) mit zeitlos-lebendigem Humor und ungebrochenem Optimismus - auf der anderen ihr Ehemann Tadeusz (80), ein stiller Wissenschaftler und Fatalist. Nachdem die beiden über 66 Jahre in ihrer Wohnung gelebt haben werden sie dazu gezwungen auszuziehen. Für beide gilt es gegen ihre persönliche Katastrophe zu kämpfen, doch kaleidoskopartig bricht längst vergangen Geglaubtes wieder auf.

© ORF/Soleil Film/Filip Antoni Malinowski In dieser Wohnung haben sich unzählige Erinnerungsstücke angesammelt.
In dieser Wohnung haben sich unzählige Erinnerungsstücke angesammelt.
Äußerer Anlass ist das Ansinnen der Hausbesitzerin, dass die beiden alten Leutchen nach 66 Jahren, die sie in ihrer Wohnung in Poznan verbracht haben, ausziehen müssen. Man hält es nicht für möglich, und das tut auch der Anwalt der beiden nicht, aber es geschieht tatsächlich. Die Wohnung, die ihnen einst vom alles ver- und besorgenden Staat zugeteilt wurde, muss geräumt werden. Wie Großvater und Enkel übereinstimmend feststellen, hat das nichts mit Kapitalismus zu tun, sondern mit dem, was Politiker generell so anrichten; und Polen, so diagnostiziert Tadeusz, ehemaliger Universitätsprofessor und ein eher stiller, grüblerischer Mensch, sei ohnehin nie kommunistisch gewesen, sondern immer nur auf dem Weg zum Sozialismus.

Dass die Politik sich in das Leben von Menschen unangenehm einmischt, ist keine Neuigkeit, aber so scharfsinnig beobachtet wie von diesen beiden alten Leuten hat man es nicht oft gesehen und gehört. Das beginnt bei der tristen Zeit, als die Deutschen (und die Österreicher, die "sich immer vor ihrer Schuld gedrückt" haben, so Maria) in Polen eingefallen waren. Tadeusz hat als Kind mitangesehen, wie die Gettos in Lublin und Chlem "bereinigt" wurden. Viel besser ist es nach dem Krieg nicht geworden, nur anders. 50 Jahre habe er fix angestellt gearbeitet, sinniert Tadeusz, und trotzdem habe er sich kaum die bescheidene Wohnung leisten können.

© ORF/Soleil Film/Filip Antoni Malinowski Ein Bild aus dem Familienalbum
Ein Bild aus dem Familienalbum
Trotzdem sind die beiden positive Menschen geblieben, vor allem die Großmutter. Maria, ehemals Archäologin, ist eine charmante, witzige Erzählerin, fährt bei dröhnender Musik Auto, kennt sich in Garten und Küche gleichermaßen aus, kann gut mit dem Computer umgehen und droht dem Enkel schon mal, die Schüssel nach ihm zu werfen, wenn er nicht endlich seine Kamera abdreht.

Landschafts- und Stadtszenen, Blicke aus dem fahrenden Zug, Bilder von Wolken dienen dem Regisseur zwischendurch immer wieder dazu, einen Schritt zurückzutreten und die Worte der Großeltern "sich setzen" zu lassen. Fotos aus dem Familienalbum beschwören keine "bessere" Zeit, sondern ergänzen und illustrieren die Erzählungen der beiden alten Leute, aus denen sich eine private Geschichte des 20. Jahrhunderts schlüssig und beeindruckend ablesen lässt.

Mehrfach ausgezeichnet
Der Dokumentarfilm "Maria muss packen" wurde mehrfach ausgezeichnet, Filip Maliowski darf sich beispielsweise über den Hauptpreis beim DIY Filmfest in Warschau freuen.

Artur Liebhart, Festivaldirektor, Warschau
"In keinem post-sozialistischen Land hat man die Menschen auf so brutale Weise dem Wohnungsmarkt hilflos ausgeliefert wie in Polen. Obwohl der erste polnische Premier Tadeusz Mazowiecki in einem Expose von 1989 sich ausdrücklich für die Fortführung der sozialistischen Verpflichtungen ausgesprochen hat, so herrschte bald danach in Polen ein "Wilder Osten". Die Regierungen in der Tschechischen Republik, Ungarn und im vereinigten Deutschland nahmen hingegen die Mieter in Schutz, da sie genau wussten, dass die Gesellschaft ein Minimum an sozialer und psychologischer Sicherheit in Form der Wohnung haben muss."

Diagonale Graz
"Ein liebevolles Plädoyer dafür, mit den kleinen Dingen glücklich zu sein und das Leben trotz allem zu genießen."

Michał Oleszczyk, Filmkritiker, Warschau
"Gerade eben sah ich Ihren Film und meiner Meinung nach ist er unvergleichbar. Es ist womöglich der beste polnische Dokumentarfilm, den ich in den letzten Jahren gesehen habe. Er ist eindrucksvoll gedreht und konstruiert."

Sendedaten
Montag, 30. April 2018
um 22.25 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Ein Dokumentarfilm von Filip Antoni Malinowski, Österreich/Polen/Schweiz 2012

Deutsche Bearbeitung 2015
Sprecher: Anne Bennent und Florentin Groll
Dokumentarfilmzeit
Montags um 22.25 Uhr
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