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Lupe
Regisseurin Katharina Copony sieht im Pokerduell ein großes filmisches Moment.
"Eine Brise Misstrauen blieb immer im Spiel"
Interview mit Filmemacherin Katharina Copony
Katharina Copony, geboren 1972 in Graz, hat ihr Studium an der Hochschule für angewandte Kunst Wien sowie an der Hochschule der Künste Berlin absolviert. Stipendien führten sie nach Moriya in Japan, nach Rom, London und Sarajevo. Die Filmemacherin erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den arte-Dokumentarfilmpreis 2006 für "Il Palazzo" und den 3sat-Dokumentarfilmpreis 2009 für "Oceanul Mare". Katharina Copony lebt und arbeitet in Berlin und Wien.

Wie kamen Sie auf das Thema Spieler? Was ist Ihr persönlicher Bezug?

Das "Spielen als Beruf" ist in erster Linie eine Gratwanderung, eine Gratwanderung zwischen dem Willen zur Kontrolle und dem Unkontrollierbaren. Da ich denke, dass das Glück immer unberechenbar bleibt, interessiert mich was passiert, wenn man auf so einen Faktor setzt, ihn zur Grundlage macht. Vor allem wenn man nicht nur "spielt", sondern daraus einen Beruf macht. Dabei verschwindet das "Spielerische" ja auch und tritt immer mehr in den Hintergrund.

Wenn man dauernd riskiert und gleichzeitig versucht, diese Risiken zu minimieren, dann ergibt sich ein recht ungewöhnlicher Berufsalltag. Es ging mir also nicht darum Poker zu erklären oder das Spiel moralisch zu bewerten, sondern um eine allgemeinere Symptomatik.

Ein junger Mann steht da in einem extremen Spannungsfeld zwischen Selbstanalyse, Selbstkontrolle und einer Art totalem Ausgeliefertsein. Es gibt außergewöhnliche Aufstiegschancen, aber eben auch die permanente Gefahr, ins Nichts abzurutschen.

Bereits mein letzter, in Bukarest gedrehter Film "Oceanul Mare" eröffnet mit Einstellungen im Casino, und einer der Protagonisten ist ehemaliger Spieler. Besonders in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist die Sehnsucht nach dem großen Gewinn, der Wunsch nach einer plötzlichen Veränderung der Lebenssiutation, sehr groß.

Als in meiner unmittelbaren Umgebung in Berlin-Neukölln die Spielcasinos in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, begann ich dann ausführlicher zum Thema Glücksspiel zu recherchieren. Anfangs war es dabei überraschend, dass es so viele Online-Pokerspieler gibt. Meistens junge Männer um die zwanzig. Nicht wenige bestreiten davon ihren Lebensunterhalt; zumindest eine Zeit lang. Aber auch in meinem eigenen Umfeld stieß ich auf viele, die online pokerten, ohne dass ich das vorher gewusst hatte.

Pokern ist eben deshalb am spannendsten, weil es kein reines Glücksspiel ist und es zu einer komplexen Interaktion zwischen den Spielern kommt. In den Jahren 2008 bis 2010 war ich häufiger in Los Angeles und bin dort auch ins Casino oder in Cardclubs gegangen. Diese Atmosphäre hat mich schon damals fasziniert.

Die Tatsache, dass dort Menschen jeden Alters, aus allen gesellschaftlichen Milieus und mit ihren unterschiedlichen Lebensgeschichten stundenlang miteinander am Tisch sitzen und nicht weg können - das ist schon einzigartig. Eine Art Kammerspiel, das sich ganz auf Gesichter, Gesten und Blicke konzentriert. Gesprochen wird da wenig. Ein verbissener Kampf, wo jeder versucht seine Gesten zu kontrollieren, gleichzeitig alle mathematischen Wahrscheinlichkeiten kalkuliert und seine Gegner psychologisch manipulieren will. Das ist ein großes filmisches Moment.

Pokern taucht ja nicht umsonst in der Filmgeschichte häufig auf, wobei sich das mit dem Online-Spielen stark verändert hat. Das Spiel ist dadurch in gewisser Weise "unfilmischer" geworden. Beim Online-Spielen sitzen vereinzelte Menschen stundenlang in ihren Höhlen vor dem Bildschirm. Das ist ziemlich monoton und einsam. Ein direktes Gegenüber gibt es hier nicht mehr. Aber genau diese Schnittstelle zwischen Online und Offline hat mich dann am meisten interessiert.

Die Mehrzahl der jungen Pokerspieler beginnt heute online und sie "materialisieren" sich dann an den Live-Tischen in den Casinos. Es ist eine Bewegung aus dem virtuellen Raum heraus, in die verrauchten Hinterzimmer und die Casinos hinein, an die Tische des Turnierpokers. Die Spieler suchen die Bühne, nicht zuletzt zur Selbstdarstellung. Aber ohne eine solche geht es auch gar nicht - kein Sponsorenvertrag und kein Erfolg in der Welt des Sportpokerns ohne das dazugehörende Gesicht.

Aber mein erstes Interesse fürs Kartenspiel wurde wohl schon viel früher geweckt. Am Küchentisch oder im Wirtshaus, beim Schnapsen mit meinen Großeltern. Damals war ich sechs oder sieben.

Wie umfangreich sah Ihre Recherche nach dem Protagonisten aus? Wie sind Sie auf Rustem gestoßen? Kannten Sie sich bereits? Hatte er Skrupel, oder war er sofort mit an Bord? Wie viel war er bereit preiszugeben? War viel Überredungskunst vonnöten?

Ich habe für diesen Film lange recherchiert, Rustem jedoch gleich bei meinem ersten Besuch eines großen Live-Turniers in Berlin, bei der European Poker Tour, kennengelernt. Das war - nebenbei bemerkt - jenes Turnier, das dann durch den bewaffneten Raubüberfall in den Medien sehr präsent war. Während der Recherche habe ich Rustem zu einigen Turnieren begleitet und dabei bereits Material gesammelt, das dann teilweise auch in den Film eingeflossen ist. Bis dieser schließlich finanziert war und die eigentlichen Dreharbeiten beginnen konnten, vergingen zwei Jahre.

Rustem und ich kannten einander also schon ziemlich lange. Das war auch wichtig, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Pokern ist ein einsames Spiel. Jeder gegen jeden. Man darf niemandem trauen. Das ist ein entscheidender Aspekt. Deshalb blieb eine Brise Misstrauen auch immer im Spiel. Im Unterschied zu meinen bisherigen Arbeiten war das ein neuer und auch schwieriger Umstand, mit dem wir uns alle - Rustem, mein Team und ich - arrangieren mussten.

Im Zuge der langen Vorbereitungszeit hat sich auch Rustems Lebenssituation verändert, weshalb der Film letztendlich anders wurde als geplant. Zuerst hatte ich als Protagonisten ein junges Paar angedacht. Nämlich Rustem und seine Freundin. Diese Beziehungskonstellation hätte dem Spielen und dem Glück noch eine ganz andere Perspektive verliehen. Dann gab es da die Idee, Rustem als jungen Online-Spieler mit einem älteren Live-Spieler zu kontrastieren. Doch der ältere Spieler ist mir mehr und mehr entschwunden, tatsächlich ist er ganz buchstäblich abgetaucht. Und das junge Paar war zu Beginn der Dreharbeiten auch kein Paar mehr.

Im Film kommen auch Spielerinnen vor. War eine Frau für das Projekt zu gewinnen, prinzipiell angedacht? Hätte sich eine dazu bereiterklärt?

Tatsächlich war meine erster Gedanke, eine junge Spielerin zu finden. Da mir allerdings der Aspekt des Berufsspielens wichtig war, begegnete ich keiner passenden Protagonistin. Die wenigen Profispielerinnen, die es gibt, sind bereits bekannt und in den Medien als Werbeträgerinnen sehr präsent. Ich aber wollte den Weg eines noch unbekannten Spielers zeigen. Das Pokern ist eindeutig eine männlich bestimmte Domäne, was ja auch durch seine Ikonologie mehr als deutlich wird. Im Unterschied zu manchen Pokerspielern denke ich nicht, dass sich das so schnell ändern wird.

Woraus generieren sich die Textpassagen aus dem Off?

Ich habe mit Rustem und zahlreichen anderen Profilspielern viele Interviews geführt. Ausschnitte daraus - teilweise verdichtet und abgeändert - sind in die Textspur eingeflossen. Aber auch Zitate aus Büchern und Filmen. Es ist eine Collage aus unterschiedlichen Quellen. Diese Off-Stimme zoomt in gewisser Weise an Rustem heran und dann wieder fort. Sie umkreist ihn, wird persönlich und konkret.

Die Stimme aus dem Off ist eine weibliche - wie kam es zu der Entscheidung, dafür eine Frau zu wählen?

Ich wollte Rustem eine weibliche, geschwisterliche Begleiterin zur Seite stellen. Wie es ja auch von Beginn an geplant war. Die Zuseher sollen eine weibliche Erzählerin hören und gleichzeitig in eine stark männlich geprägte Welt blicken. Dieser Kontrast war mir wichtig.

Selbstverständlich spielt es dabei eine große Rolle, dass ich eine Frau bin und diesen Film gemacht habe. Er ist durch meinen Blick geprägt, aber die Off-Stimme verkörpert keine konkrete Person, sondern ist ein Spektrum innerer und äußerer Stimmen. An mancher Stelle ist sie beinahe ein innerer Monolog Rustems oder aber spricht im Vertrauen zu ihm, spricht ihn an, um sich dann wieder von ihm fort zu bewegen und allgemeiner, anekdotischer zu werden.

Wichtig war mir in jedem Fall, dass das, was die Stimme sagt, genauso vielschichtig, mehrdeutig und widersprüchlich ist wie das Spiel selbst.

Wie auch in "Spieler" gaben Sie bereits in "Kanegra" und "Oceanul Mare" sehr persönliche, konzentrierte Einblicke in den Alltag Ihrer Protagonisten. Was fasziniert Sie an Alltagsbeobachtungen? Was ist Ihnen wichtig?

Ich wollte mit diesem Film den ungewöhnlichen Arbeitsalltag eines jungen Pokerspielers im 21. Jahrhundert beschreiben und eben nicht nur die spannendsten Momente daraus. Ein Alltag, der größtenteils alleine zu Hause vor dem Monitor stattfindet. Dabei interessiert mich die Spannung zwischen dem virtuellen Raum und dem tatsächlich gelebten Alltag. Auch die Träume meines Protagonisten bleiben im Film ja virtuell: Die Weltmeisterschaften in Las Vegas zum Beispiel erlebt er auf Youtube am Laptop und fährt nicht etwa hin.

Pokern lebt vom Traum, dass jeder die gleichen Aufstiegschancen hat, wenn er sich bemüht und fleißig ist. "Vom Tellerwäscher zum Millionär", jeder kann es schaffen. Außerhalb der Welt des Pokerns scheint ein solcher Traum längst ausgeträumt, für das Spiel selbst aber bleibt er weiterhin verlockender Antrieb.

Rustems Ziel ist es, nur noch "offline" zu spielen, im Film sieht er sich Pokerturniere aus Vegas an, steht bereits bei einem kanadischen Sponsor unter Vertrag. Wissen Sie, wie nah Rustem seinem Ziel derzeit ist?

Rustem ist noch jung, und das war mir bei der Wahl des Protagonisten auch wichtig. Es bleibt offen, wohin und wie er sich entwickelt. Das gilt für den Zeitraum, den der Film umfasst, aber auch für die Zeit nach den Dreharbeiten. Im Moment lebt er gerade wieder in Russland.

Doch zu der Frage nach dem Ziel: Ich denke, ein wichtiger Aspekt beim Pokern ist ja gerade, dass es kein klar definiertes Ziel gibt, beziehungsweise was passiert eigentlich, wenn man ein persönlich gesetztes Ziel erreicht hat? Was stellt man mit dem gewonnen Geld an? Riskiert man den ganzen Gewinn wieder? Verliert man alles oder akkumuliert man immer größere Summen? Gibt es ein Genießen außerhalb des Spiels?

Ist ein Spiel zu Ende, beginnt das nächste. Das Pokern ist sicher von einer gewissen Endlosigkeit und Ziellosigkeit geprägt. Es gibt da ein Zitat von Roger Caillois, das mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheint: "Eine Epoche kann durch die ihr eigenen Spiele charakterisiert werden. Es erscheint uns nicht unsinnig, die Diagnose einer Zivilisation so zu beginnen, dass wir fragen, welche Spiele in dieser Zivilisation besonders prosperieren."

Die Fragen stellte Malin Koch.


Schwerpunkt
Dokumentarfilmreihe Ab 18!
5. bis 7. Oktober 2014
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Ab 18! - Spieler
Sonntag, 5. Oktober, 22.15 Uhr
Erstausstrahlung