© Markus Hirner
zoomzoom
RP Kahl im Jahr 2013 im Garten der Villa Aurora in Los Angeles bei ersten Testdrehs für den späteren Film
"Man hat in der Wüste einen ganz anderen Blick auf sich selbst"
Interview mit dem Regisseur und Schauspieler RP Kahl
Viele große europäische Autorenfilmer, darunter unter anderem Michelangelo Antonioni, Wim Wenders und Bruno Dumont, zog es ins Death Valley beziehungsweise die Wüste, um abseits der Traumfabrik Hollywoods den American Dream mit eigenen filmischen Visionen zu reflektieren. In "A Thought of Ecastsy" wandelst du auf den Spuren dieser Filmemacher, zitierst ihre Werke und hast an Originalschauplätzen gedreht, an denen auch "Zabriskie Point" und "Twentynine Palms" entstanden sind. Welche Intention hast du damit verfolgt? Und wie ist am Ende ein erotisches Neo-Noir-Roadmovie daraus geworden?

Ich fange mal mit der letzten Frage an: Den Neo Noir gibt es ja als Genre nicht wirklich, sozusagen als weitergeführte Form des Film Noir; trotzdem gibt es einige Vertreterfilme dafür, die mich inspiriert haben: zum Beispiel Paul Schraders "The Canyons" von 2013, der das eigentlich Düstere des Genres in ein gleißend überstrahltes Sonnenlicht eintauscht. Das macht für mich aber total Sinn - für Kalifornien oder unsere westliche Welt: dass hinter diesem angeblichen Hyper-Glanz eigentlich die große Dunkelheit ist! Oder dass das eigentlich dasselbe ist.

Dass deutschsprachige Filmemacher irgendwie das Düstere aus Deutschland oder Mitteleuropa nach Hollywood mitbringen, scheint ja auch irgendwie Tradition zu sein: Billy Wilders "Double Indemnity" oder auch "Sunset Boulevard" mit einem Toten als Erzähler - narrated by a dead person - waren da für mich natürlich total wichtig auf meiner filmischen Reise. Da muss man sogar klauen, so gut ist das.

"A Thought of Ecstasy" - ein Neo Noir aus LA, directed von einem Deutschen. Dass dieser Film dann einen gewissen erotischen Touch bekommen hat, weist wohl darauf hin, dass ich mit diesem Thema bei meinem vorherigen Spielfilm "Bedways" noch nicht durch war. Und am Ende kommt dann noch das Roadmovie hinzu. Die Bewegung - ohne wirklich voranzukommen, bei gleichzeitiger totaler körperlicher Anstrengung - ist ein wichtiges Bild für den Film. Daher musste es eben auch ein Roadmovie sein.

Und dass ich schon einmal in meinem Leben Antonioni oder Wenders gesehen habe, kann ich nach diesem Film wohl nicht abstreiten. Wenders "Paris, Texas" ist in meinem Filmgedächtnis extrem früh abgespeichert. Die Szene mit Nastassja Kinski hinter der Milchglasscheibe könnte man in das Curriculum für das Filmregie-Studium einbringen, so gültig ist die. Und Antonioni ist sowieso der Größte. "Zabriskie Point", der Film von ihm, den du ansprichst, ist auch wirklich im Death Valley entstanden, wo ich auch gedreht habe. Natürlich ist die Location an einer anderen Stelle; zwar in der Nähe, aber nicht an dem touristischen Spot. Ich glaube, selbst Antonioni hat nicht direkt dort gedreht. Wenders hat ja die texanische Wüste genutzt, und Bruno Dumonts Film spielt im Joshua Tree, wo auch Teile meines Films spielen.

Warum diese Wüste als Plattform der Geschichte? Ich glaube, das Fokussierte, ohne Ablenkung; was die Figuren, die Körper, die Seelen hier erleben und durchmachen, das alles ist ein perfektes filmisches Bild und wie eine Theaterbühne, nur eben in realen Settings. Daher auch die langen Szenen in der Wüste. Damit der Zuschauer in diesen Moment hineingehen kann, selbst wenn er selber nie dort gewesen ist. Man hat auf jeden Fall durch die Größe, die Weite, das Archaische und die sengende Hitze einen ganz anderen Blick auf sich selbst, wenn man dort ist. Die Wüste verändert: das Nichts sehen und fühlen und sein.

Für mich war das Death Valley auch daher der perfekte Hauptdrehort, da mich diese Gegend in irgendeiner Form an meine alte Heimat im Erzgebirge erinnert hat. Da schließt sich also in der totalen Ferne und Fremde wieder ein Kreis an Erzählung und Erinnerung.

Und um noch einmal auf den Anfang deiner Frage zurückzukommen: Ich finde es extrem wichtig und richtig, zu wissen, was es vor einem gab als künstlerische Äußerungen, hier eben konkret im Film. Das zu zitieren und aufzunehmen, ist in anderen Kunstgattungen ganz normal und eine Voraussetzung, um überhaupt anfangen zu dürfen.

Ich hatte natürlich großartige Schauspielerinnen, um die Idee des Neo Noir perfekt umsetzen zu können. Ava Verne und Lena Morris standen als Nina und Marie/Maries Double zum ersten Mal in Hauptrollen für einen Kinofilm vor der Kamera, bekamen vor allem auf den internationalen Festivals für ihre Performances großes Lob. Es war ein große Freude, mit Deborah Kara Unger - für die Figur der Liz Archer - zusammenarbeiten zu können, die ich natürlich seit Filmen wie "Crash" von David Cronenberg absolut toll finde. Deborah hat den Film stark mitgeprägt und ist auch Executive Producer. In der TV-Fassung wird sie von der Schauspielerin Claudia Hübschmann gesprochen. Wir haben hier versucht, keine klassische Synchronisation zu machen, sondern eine eigene Interpretation für die deutsche Version zu finden.

Frank, die Hauptfigur des Filmes, wird von seiner Vergangenheit heimgesucht, beginnt seine totgeglaubte Geliebte in Amerika zu suchen, gerät dabei in ein Netz von Intrigen, Sex, Gewalt und Tod und wird zum Spielball einer Femme fatale - fast wie im klassischen Film Noir. Du gibst "A Thought of Ecstasy" jedoch durch den Rekurs auf Jean Baudrillard und Georges Bataille einen anderen Referenzrahmen, der über die Konventionen und Konstruktionen des "Genres" hinausweist. Wieso war dir das wichtig?

Das eine ist die Handlung, die Form, in der der Film verhandelt wird. Das andere ist die Frage: Worum geht es eigentlich, was interessiert mich daran wirklich? Diese Antwort ist immer schwieriger, und man sollte sich als Filmemacher diese Antwort auch nicht zu einfach machen. Soziologen, die mit einer gewissen philosophischen Ebene Gedankenstrukturen bilden können, helfen mir bei meinen Filmen ungemein als Weg und Orientierung. Bei "Bedways" waren das Niklas Luhmann und Michel Foucault. Baudrillards Essay "Amerika" war ein wichtiges Buch auf dem Weg von "A Thought of Ecstasy". Seine These in "Amerika" ist, dass das Land eigentlich nur die Vision von Amerika und sich selbst ist: Amerika als Fiktion.

Batailles' Ideen zur "Verschwendung" begleiten mich schon lange. Bald ist er auch schon siebzig Jahre tot, dann kann man seine Bücher auch verfilmen, ohne bei seinen Erben um die Rechte anzufragen. Mal sehen ... vielleicht bin ich noch nicht fertig mit der Beschäftigung mit Bataille. Er hat mir sozusagen für "A Thought of Ecstasy" eine Art Glaubensbekenntnis vorgegeben. Die Todessehnsucht, die in Batailles "Verschwendungs-Theorie" auch steckt, war in der Geschichte und in der Inszenierung aber von Anfang an angelegt. Manchmal ist also nicht klar, was welchem Vorbild folgt oder eben auch "vorbestimmt" ist.

Eine der wesentlichen Qualitäten des Filmes ist die ungewöhnliche Kameraarbeit von Markus Hirner, die zwischen extremer Stilisierung und einem fast schon dokumentarischen Duktus oszilliert. War die Spannung zwischen diesen Extremen von Beginn an Teil des ästhetischen Konzeptes?

Ich habe dieses Mal ohne jegliche Kamera-Ausspielung am Set gearbeitet. Auch ganz wenig durch die Kamera geschaut. Oft stand ich ja auch vor der Kamera, dass dies auch technisch gar nicht möglich war. Es musste also jemand sein, dem ich vollkommen vertrauen kann in der Gestaltung des Bildes. Sein Bild musste intuitiv auch mein Bild sein. Mit Markus habe ich bereits einige Projekte gemacht, die aber eher in Richtung Videokunst und Performance, Fotografie gehen. Markus ist auch hauptsächlich Fotograf, es ist sein erster Spielfilm an der Kamera. Aber genau seinen Blick als Fotograf suchte ich: das Porträt, das Plateau! Die Bewegung findet im Auto statt, das sich durch die Ebene bewegt. Und die Bewegung der Einstellungen fand im Schnitt im Anschluss statt, als ich in langer Zusammenarbeit mit den Editoren Angelo Wemmje und Diana Zolotarova die Bilder dann in eine filmische Abfolge brachte.

Für mich war von Anfang klar, dass Markus die Kamera macht. Er war auch schon mitgekommen, als ich zwei Jahre vor dem eigentlichen Dreh einen Test in Los Angeles gedreht hatte, der noch in eine etwas andere Richtung ging: Damals probierte ich gemeinsam mit Julia Hummer etwas vor der Kamera in der Sonne Kaliforniens aus, was dann in Deutschland weitergehen sollte. Teile dieses kleinen Testfilms gibt es bisher nur im Schneideraum. Vielleicht muss ich das auch mal vorzeigen. Mal sehen.

Ebenfalls nicht unwesentlich für den Film ist der atmosphärisch stark verdichtende Soundtrack, der pulsierend-flächige Tracks aus dem Hause Monkeytown Records - unter anderem Moderat, Modeselektor - mit avantgardistisch-brachialen Gitarrensounds von Caspar Brötzmann kontrastiert, an exponierter Stelle den existentiellen Indie-Blues "Immortality" von Hugo Race und Catherine Graindorge setzt und sogar eine elektronische Neubearbeitung von Gustav Mahlers 1. Sinfonie bietet. Wie war das bei einen gering budgetierten Projekt wie "A Thought of Ecstasy" überhaupt möglich?

Auf einer Fahrt bei der Location-Suche im Death Valley lief eine CD von Anstam - Monkeytown Records - im Autoradio. Da verband sich die Erfahrung und Empfindung von Landschaft und Musik perfekt. Das war der Beginn, dass der Soundtrack stark von elektronischer Musik aus Berlin geprägt sein sollte. Und irgendwie passt Kalifornien und elektronische Musik einfach perfekt zusammen. Wenn man derzeit an elektronische Musik aus Deutschland denkt, die international überaus erfolgreich ist, dann landet man unweigerlich bei Monkeytown Records aus Berlin.

Szary von Moderat und Modeselektor übernahm gemeinsam mit Gajek das Kuratieren der Musik für Monkeytown. Da ich schon in einem meiner vorherigen Filme Musik von Gustav Mahler hatte und ich diese für absolut szenisch halte, nahm Gajek die großartige Challenge auf, die Komposition der 1. Sinfonie Mahlers elektronisch neu zu interpretieren. Das bildet die Grundlage des Soundtracks. Mein Freund Francois Pavan, der mit seiner Pariser Band MyPark schon bei "Bedways" einige der Musiken beigesteuert hat, komponierte exklusiv den Song zu einer der Hauptszenen: als Marie vor Frank tanzt. Ein magischer Moment für mich, als ich den fertigen Song zum ersten Mal unter die Szene legte.

Eine weitere CD im Autoradio spielte eine Rolle: Deborah Kara Unger hörte ein neues Album, an dem ein Freund von ihr beteiligt war, dann wurde "Immortality" gespielt, und der Text des Songs passte so perfekt in den Film, dass Deborah mich sofort anrief.

Die Titel von Alex Stolze am Ende des Filmes und Caspar Brötzmann im ersten Teil verbinden sich perfekt mit der Atmosphäre der Wüste und der Figur Franks. Die Gitarre bei Caspar und die Violine bei Alex werden von beiden eigenhändig und virtuos gespielt! Damit ist das Gesamtkonzept der Musik eigentlich umrissen. Ergänzt ist das Ganze dann noch um traditionelle Musik aus dem Erzgebirge.

Das alles geht nur durch eine sehr persönliche Beziehung zu den Musikern und dass sie wissen und merken, mich interessiert Musik wirklich als eigenständiger Part im Film und nicht nur als "Verstärker" oder Klangteppich. Das macht wahnsinnig Spaß, meist ist immer nur zu wenig Zeit am Ende der Postproduktion. So dieses Mal auch, wir hatten schon die Einladung zum Festival und mussten fertig werden.

Wie interpretierst du den Titel des Films "A Thought of Ecstasy"?

Das ist eine Frage an Torsten Neumann, mit dem ich gemeinsam das Buch geschrieben habe. Uns verbindet schon eine ganze lange Reihe von Filmen, die wir gemeinsam gemacht haben. Von Torsten kommt die Idee zum Filmtitel, der Arbeitstitel war noch "Desert LA". Aber eigentlich ist es wohl am besten, jeder bildet sich seine eigene persönliche Antwort darauf, was mit dem Titel gemeint ist oder eben auch nicht ... also eine Aufforderung, den Film anzuschauen!

Aber vielleicht noch zwei Zitate zum Ende unseres Gespräches für das allgemeine Verständnis des Filmes: "Die mythische Kraft Kaliforniens entspringt diesem Gemisch aus extremer Freisetzung und schwindelerregender Mobilität, in hyperreale Szenarien aus Wüste, freeways, Ozean und Sonne gebannt. Nirgends sonst existiert diese überwältigende Verbindung von radikaler Unkultur mit Naturschönem, von natürlichem Wunder und absolutem Simulakrum" (Jean Baudrillard, "Amerika", Berlin 2004).

Und zum Abschluss dies: "BBC-Fernsehen 1972. Ein zerknittertes Archivband, der Ton kratzt: 'That's Los Angeles (Airport). You can always recognize it by the (palm trees). And that's me, Reyner Banham, crossing the road. I'm professor of the history of architecture at University College London. And you might wonder what I am doing in Los Angeles, which makes nonsense of history and breaks all the rules. Well, I love the place with a passion that goes beyond sense or reason'" (Kevin Vennemann, "Sunset Boulevard", Berlin 2012).

Interview: Daniel Schössler

Spielfilm - TV-Premiere
© ZDF, Markus HirnerA Thought of Ecstasy
Donnerstag, 10. Januar 2019, 22.45 Uhr