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Bei Dreharbeiten 1961: Ingmar Bergman (r.)
Bei Dreharbeiten 1961: Ingmar Bergman (r.)
Auf Du und Du mit den Dämonen
Ein Ingmar-Bergman-Porträt von Journalist und Filmkritiker Peter Luley
Er war ein besessener Erzähler und in seiner Kunst gnadenlos ehrlich: Am 14. Juli wäreIngmar Bergman 100 Jahre alt geworden. 3sat erinnert an den großen schwedischen Regisseur, der in seinen Filmen existenzielle Themen in eine formstrenge Bildsprache fasste.
Über 40 Filme, unzählige Theaterproduktionen, drei Oscars (die er nicht abholte), Ehrung in Cannes als bester Filmregisseuraller Zeiten, Präsenz in allen Bestenlisten des Kinos - wo soll man anfangen, wenn es gilt, einen wie Ingmar Bergman(1918-2007) zu würdigen? Zumal in jenen Bestenlisten nicht etwa immer dieselben zwei, drei Filme, sondern - je nachBlickwinkel - lauter unterschiedliche Werke genannt werden: "Das siebente Siegel", "Wilde Erdbeeren", "Das Schweigen","Persona", "Szenen einer Ehe", "Fanny und Alexander" ...

© ap Ingmar Bergman in einer Aufnahme von 1963
Ingmar Bergman in einer Aufnahme von 1963
Die 3sat-Dokumentation "Ingmar Bergman - Herr der Dämonen" hat einen schlüssigen, zum Jubilar passenden Weg gefunden, die Materialfülle zu bändigen. Sie ist in Kapitel gegliedert, die für das Bergmansche Schaffen prägende Begriffe als Überschriften tragen: "Dämonen", "Lüge", "Leidenschaft", "Glaube", "Exil" und "Tod". Zu diesen Leitmotiven hat Autorin Henrike Sandner Wegbegleiter und Experten befragt, prägnante Filmausschnitte zusammengestellt, die die jeweiligenThesen illustrieren, und Bergman-Interviews aus den Archiven gesammelt. Die titelgebenden Dämonen tauchen gleich mehrfach auf: Sowohl die Schauspielerin Liv Ullmann als auch Bergman-Biograf Mikael Timm erinnern sich an Äußerungen des Meisters über die Quälgeister, die ihn nachts bedrängten. Und Bergman selbst zieht in einem Interview mit der Journalistin Marie Nyreröd gar einen Notizzettel mit einer Rangliste hervor, auf Platz eins: der Katastrophen-Dämon, gefolgt vom Dämon der Angst, der Wut, der Pedanterie ...

Aus vielen Puzzleteilen entsteht das Bild einer gepeinigten Seele, die von existenziellen Ängsten heimgesucht wurde und rastlos arbeiten und erzählen musste, um ihrer Herr zu werden - und die bis ins hohe Alter nie die Verbindung zur Kindheitverlor. Schon als zwölfjähriger Junge entdeckte Bergman, der zu unbedingter Wahrheitsliebe erzogene Pfarrerssohn aus Uppsala, das Theater als für ihn sicheren Ort. Weil er dort Geschichten erfinden konnte, ohne bestraft zu werden. In einemselbst gebauten Puppentheater begann er, Stücke von Strindberg aufzuführen. Aber auch ein Kinematograf gehörte schonzur Kinderzimmerausstattung des kleinen Ingmar.

Nach einem abgebrochenen Studium der Literaturgeschichte und ersten Erfolgen als Drehbuchautor und Regisseur ("Abendder Gaukler", "Die Zeit mit Monika", "Das Lächeln einer Sommernacht") nahm er 1960 seine Tätigkeit als Regisseur amKöniglichen Dramatischen Theater in Stockholm auf, dessen Intendant er drei Jahre später wurde. Zeitlebens blieben ihmbeide Disziplinen wichtig: Das Theater sei seine Ehefrau, der Film seine Geliebte, lautet ein berühmtes Bergman-Zitat.

"Wenn er dich anstarrt, starre zurück"
Sandners Dokumentation verschweigt nicht, dass der besessene Erzähler auch ein kompromissloser Kontrollfanatiker undim Umgang nicht immer leicht war. So berichtet die Produzentin Katinka Faragó, wie man sie auf ihre erste Zusammenarbeitmit Bergman vorbereitet habe: "Wenn er dich anstarrt, starre zurück. Und wenn er dich anspuckt, spucke zurück." Gleichzeitig zeugt die Tatsache, dass Bergman - ähnlich wie Fassbinder - eine regelrechte Schauspielerfamilie um sich geschart hatte, mit der er immer wieder zusammenarbeitete, vom unwiderstehlichen Charisma dieser Künstlerpersönlichkeit.

Arbeit und Privatleben, Kunst und Leidenschaft waren dabei nicht zu trennen: Bergman ("Die Filmarbeit ist ein stark erotisches Handwerk"), der fünfmal verheiratet war und mit sechs Frauen neun Kinder hatte, verliebte sich immer wieder in seine Schauspielerinnen - schaffte es aber stets, ihnen auch nach der Trennung verbunden zu bleiben und weiter mit ihnen arbeiten zu können. Ein Beispiel dafür ist seine Beziehung zu Liv Ullmann. Im Sommer 1966 drehte er mit ihr und seinerEx-Partnerin Bibi Andersson auf der Insel Fårö den Schlüsselfilm "Persona". In der Doku erzählt Ullmann, wie er sie beieinem Strandspaziergang ansprach: "Liv, ich habe letzte Nacht geträumt, dass wir auf schmerzhafte Weise miteinander verbunden sind." Die beiden wurden ein Paar, und sie zog vorübergehend mit ihm auf das Ostsee-Eiland, auf dem ersich so geborgen fühlte, dass er sich dort ein Haus baute.

© ap Ingmar Bergman und Liv Ullmann 1968
Ingmar Bergman und Liv Ullmann 1968
Welche Bedeutung "Persona" darüber hinaus hatte, wird schon anhand der gezeigten Ausschnitte deutlich: Die berühmteAnfangssequenz, die langen, unerbittlichen Nahaufnahmen, die spezielle Lichtsetzung, die Bergman mit seinem Stammkameramann Sven Nykvist entwickelt hatte - all das wirkt noch heute grandios avantgardistisch, experimentell, geradezu stylish. Das formstrenge Schwarz-Weiß-Psychogramm zweier Frauen, deren Identitäten zu verschmelzen scheinen, half Bergman nicht nur über eine krankheitsbedingte Krise hinweg, es sicherte ihm auch seinen Platz in der Liga von Luis Buñuel, Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, Alfred Hitchcock und Akira Kurosawa.

Nicht ganz so losgelöst von ihrem Entstehungsjahr kommen dagegen die "Szenen einer Ehe" daher. Wer das Mammutwerkvon 1973, das zunächst in einer sechsteiligen Fernsehfassung erschien, heute in der zweieinhalbstündigen Kinofassung anschaut, sieht vielmehr auch ein Zeitdokument. Schon in der ersten Szene, wenn die beiden Protagonisten Johan (ErlandJosephson) und Marianne (Liv Ullmann) zu Hause für eine Zeitschriftenstory posieren, erstehen die 1970er-Jahre wiederauf - in der Kleidung, der Einrichtung, aber auch im herrschenden Rollenverständnis.

Da schämt sich Johan, der außerordentlicher Professor am Psychotechnischen Institut ist und wie selbstverständlich immerzuerst spricht, nicht, sich der Reporterin als "ungewöhnlich intelligent, jugendlich, erfolgreich, ausgewogen, sexy, Mannmit Weltgewissen, kultiviert, belesen, ein guter, brillanter Gesellschafter" vorzustellen. Gattin Marianne fällt dagegenerst mal nicht viel mehr ein, als dass sie mit Johan verheiratet sei und zwei Töchter habe - obwohl sie als Scheidungsanwältin durchaus eine eigene Karriere hat.

Umso bemerkenswerter, dass das Schicksal dieses von sich selbst eingenommenen vermeintlichen Mustergatten, der wenigspäter mit einer Studentin durchbrennt, auch den heutigen Zuschauer noch in den Bann schlägt. Und das führt danndoch wieder zu den zeitlosen Qualitäten Bergmans: gnadenlose Ehrlichkeit, Furchtlosigkeit gegenüber Peinlichkeiten und einreicher emotionaler Erfahrungsschatz. Je weiter die minimalistisch inszenierte, auf jegliche musikalische Untermalung verzichtende Vivisektion einer Beziehung voranschreitet, desto unglaublicher erscheint es, dass Bergman all diese Charakterfacetten und Entwicklungen in dreimonatiger Schreibarbeit aus sich selbst geschöpft und auf die beiden Hauptfiguren verteilt hat. Zum Ende hin entfaltet "Szenen einer Ehe" sogar noch einen versöhnlichen Charme. Nicht nur, weil Liv Ullmanns Marianne immer selbstbewusster wird, sondern vor allem, weil hier zwar die Institution Ehe scheitert, nicht aberder Glaube an die Liebe verloren geht - und sei es eben eine unvollkommene Liebe.

Wenn Kino eine Religion wäre ...
Für Bergman selbst folgte Ende der 1970er-Jahre jenes unerfreuliche Kapitel, das in der Dokumentation mit "Exil" überschrieben ist: Nachdem er in Schweden wegen Steuerhinterziehung angeklagt, während einer Theaterprobe verhaftet und mehrere Stunden lang verhört worden war, zog der gekränkte Regisseur nach Deutschland; das Münchner Residenztheaterhatte ihn eingeladen, dort auf unbestimmte Zeit zu arbeiten. Es entstanden elf Inszenierungen, darunter Ibsens "Nora oderEin Puppenheim" mit Rita Russek. Doch die Kritik belauerte den Stargast, "da war viel Druck drauf", erinnert sich dieSchauspielerin. "Schaun mer mal, was das Genie so macht", sei die herrschende Grundstimmung gewesen. Nach der Premiere von Strindbergs "Traumspiel" war von "verblassenden Bildern und stumpfen Passagen" die Rede.

Bereits 1981 begann Bergman, wieder in seiner Heimat zu drehen, wo die Steueranklage inzwischen fallengelassen wordenwar. Mit seinem letzten Kinofilm "Fanny und Alexander", der großen Chronik (s)einer Kindheit, legte er sein filmischesVermächtnis vor. Es folgten nur noch einige Fernseharbeiten, darunter als Finale "Sarabande" (2003), die Wiederaufnahmevon "Szenen einer Ehe" mit demselben Hauptdarstellerduo.

Welche Bedeutung das cineastische OEuvre Bergmans hat, lässt sich auch daran ablesen, wie sehr seine Berufskollegenihn verehren. Längst hat sich sein Domizil auf Fårö zu einer Art Pilgerstätte entwickelt. Im Dokumentarfilm "TrespassingBergman" (2013) reisen Regisseure wie Michael Haneke, Claire Denis und Alejandro González Iñárritu dorthin. "WennKino eine Religion wäre", sagt Iñárritu, "dann wäre dies Mekka oder der Vatikan." Zu den weiteren Interviewten, die denEinfluss Bergmans diskutieren, gehören Woody Allen und Martin Scorsese, Zhang Yimou und Alexander Payne, IsabellaRossellini (deren Mutter Ingrid Bergman ihren letzten Film "Herbstsonate" mit ihm drehte) und Ang Lee sowie Lars von Trier, der pflichtschuldig ein paar Provokationen beisteuert.

Wie den Herzog Prospero aus Shakespeares "Der Sturm" sieht die Dokumentation "Herr der Dämonen" den späten Bergmanauf seiner Insel - als Zauberer, der tun konnte, was immer er wollte. Am Ende, heißt es, habe er sogar den Trick mit denDämonen rausgehabt: Wenn sie nachts kämen, müsse man sie eben einladen, an der Bettkante Platz zu nehmen, und freundlich mit ihnen sprechen. Dann würden sie auch wieder gehen.

Peter Luley

Dokumentation
Ingmar Bergman - Herr der Dämonen
Samstag, 14. Juli 2018, 20.15 Uhr
Erstausstrahlung
Spielfilm
Szenen einer Ehe
Samstag, 14. Juli 2018, 21.15 Uhr