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"Ich muss Ihnen gestehen, die Liebe zum Kino ist mir wichtiger als jede Moral." (Alfred Hitchcock)
"Ich muss Ihnen gestehen, die Liebe zum Kino ist mir wichtiger als jede Moral." (Alfred Hitchcock)
Ein Hang zu menschlichen Abgründen
Themen, Motive und Musik in Hitchcocks Filmen
Der Name Alfred Hitchcock ist bis heute ein Synonym für Spannung und Unterhaltung, seine Filme sind Kult. Wie kein Zweiter beherrschte der britische Regisseur das Spiel mit menschlichen Abgründen und Ängsten. Um sie für das Publikum in Szene zu setzen, engagierte er herausragende Schauspieler und bediente sich nicht nur besonderer Techniken, sondern auch der Musik. - Von Horst Peter Koll, Chefredakteur der Branchenzeitschrift "Filmdienst".
Es gab Zeiten, in denen genügte ein dicklicher Herr von annähernd 70 Jahren, um überzeugend für einen neuen Kinofilm zu werben. Dabei musste dieser Herr im dunklen Straßenanzug gar nicht einmal viel tun. Mit unbewegter Miene schob er lediglich das Drehbuch seines neuesten Films auf den Stapel seiner bisherigen Drehbücher, der bereits größer war als er selbst. Auf den obersten Buchrücken las man: "Vertigo", "North by Northwest", "Psycho", "The Birds" und "Marnie" - und darauf schob Alfred Hitchcock im Jahr 1966 "Torn Curtain", auf Deutsch "Der zerrissene Vorhang", seinen 50. Film.

Wer schafft heutzutage noch ein solch umfangreiches Gesamtwerk? Unter hiesigen Arbeits- und Produktionsbedingungen ist das schier unvorstellbar, und selbst in Hollywood ist es schwer geworden. Eine Ausnahme ist vielleicht Steven Spielberg,der inzwischen selbst auf die 70 zugeht und es bislang auf knapp 40 Filme gebracht hat. Und der bezeichnenderweise nur zu gut verstanden hat, wie Hitchcock "funktioniert": "Alfred Hitchcock hat Spannung zu einer so hohen Kunstform erhoben wie niemand anderes aus seiner oder irgendeiner anderen Generation."

© ZDF/Robert Burks "Das Fenster zum Hof": James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey
"Das Fenster zum Hof": James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey
Zugegeben: Heutzutage ist es längst möglich, von Alfred Hitchcock nicht mehr gefesselt zu sein. Der alte Werbeslogan, der unwidersprochen Thrill, Suspense, Spannung und Entsetzen garantierte, hat Patina angesetzt. Einst hatte Hitchcock selbstbewusst behauptet: "Wenn Sie beim Betrachten von 'Das Fenster zum Hof' nicht entzücktes Entsetzen verspüren, kneifen Sie sich - wahrscheinlich sind Sie bereits tot."

Schon zu Hitchcocks Lebzeiten hatten seine letzten Filme mehr Respekt vor dem Vergangenen als Begeisterung für das Gegenwärtige hervorgerufen. Nach "Der zerrissene Vorhang" drehte der "Master of Suspense" noch drei Filme: "Topas",eine weitere Ost-West-Spionagegeschichte, die heute wie ein tragischer Torso anmutet, "Frenzy" als lustvoll-makabre Rückkehr in ein mörderisches "Swinging London", und schließlich "Familiengrab" als schwebend-leichte Rückschau auf die vielen Themen und Techniken seines Schaffens. Da war Hitchcock 77 Jahre alt.

Magische Klangteppiche
Oft sind schon die Vorspänne zu seinen Filmen kleine Meisterwerke. Besonders jene, die von der dynamisch-plakativen Grafik des Designers Saul Bass und der animierenden Ouvertüren-Musik von Bernard Herrmann leben, schaffen binnen weniger Minuten ein intensives Gefühl für diese besondere Art von "Spiritual Mystery". "Design is thinking made visual", hat Saul Bass einmal definiert, was man auch auf Herrmanns Filmmusik für Alfred Hitchcock übertragen kann: Auch sie "visualisiert" das rein Gedankliche, dringt subtil ins tiefer liegende Eigenleben der Filmfiguren.

© ZDF/Robert Coburn "Vertigo": Kim Novak, James Stewart
"Vertigo": Kim Novak, James Stewart
Wie Hitchcock nach dem fulminanten Vorspann dann in die Geschichte einsteigt, ist sehr unterschiedlich, aber fast immer eng mit Musik verknüpft. Bei "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" stürzt er den Zuschauer in eine dramatische Verfolgungsjagd über den Dächern von San Francisco, während andere Filme weit alltäglicher, fast schon dokumentarisch beginnen. Mal turbulent-humorvoll in den belebten Straßen New Yorks wie in "Der unsichtbare Dritte", mal sachlich schwarzweiß und protokollarisch wie in "Psycho", wenn die Kamera in einer Totalen übers Stadtpanorama schwenkt und zum Voyeur wird, der durch ein Fenster in ein abgedunkeltes Zimmer kriecht, in dem eine Frau und ein Mann eben miteinander geschlafen haben.

Dazu hört man elegische Geigenklänge, die erst im Zimmer verstummen - Hitchcock weiß nicht nur, wie man Filmmusik erzählen lässt, er weiß auch um die Wirkung, die man erzielt, wenn sie fehlt. Erst später, wenn die Frau, Marion Crane (Janet Leigh), zur Diebin wird und ihre Flucht aus der Stadt vorbereitet, setzen die Geigen wieder ein - traurig und wissend, dass der Blick auf Marions Kleidung, die sie einpackt, bereits ein Blick des Abschieds ist.

© ZDF/Léo L. Fuchs "Marnie": Tippi Hedren
"Marnie": Tippi Hedren
"Marnie" wiederum beginnt stumm. Die Kamera beobachtet von hinten eine Frau mit schwarzen Haaren auf einem Bahnsteig. Die Musik setzt erst später ein, wenn die Kamera, auch hier, die Vorbereitung einer Flucht registriert. Die eleganten, brandneuen Kleidungsstücke der Frau werden im Koffer verstaut, und man versteht: Hier wird eine Identität ausgetauscht, jemand nimmt eine andere Rolle an. Die Musik "erzählt" gänzlich anders als in "Psycho": Sie steigert sich regelrecht ins Hymnische, während die Frau das falsche Schwarz aus ihren Haaren spült, endlich ihr Gesicht erkennbar wird und Marnie (Tippi Hedren) lächelnd ihr nasses, nun blondes Haar nach hinten wirft.

Bernard Herrmann zelebriert in diesem Moment förmlich ihre strahlende Schönheit - und macht doch auch das Trügerische, Abgründige hinter dem schönen Schein spürbar. "Marnie" gehört zu den großen Meisterwerken Herrmanns, verbindet tragisch-traumatische Romantik mit der obsessiven Spannung im Charakter der getriebenen, unerlösten Heldin. Die Musik fördert nicht nur die mysteriöse Stimmung des Films, sie erschafft diese erst.

Hitchcock war sich der herausragenden Fähigkeiten "seines" Komponisten bewusst. Er vertraute Herrmann vorbehaltlos - und doch endete die Zusammenarbeit im Desaster, als Hitchcock Herrmanns Musik zum Film "Der zerrissene Vorhang", ein anspruchsvolles, ausschließlich mit Bläsern und tiefen Streichern bestücktes Ensemblewerk rigoros ablehnte. Nach zehn fruchtbaren Jahren kam es zum irreparablen Bruch. Hitchcock suchte sich eilig einen neuen Komponisten, fand eine "Notlösung" in John Addison (der nach Herrmanns Meinung für den Film einen "Pop-Score" mit eingängigen Melodien und übersichtlicher Leitthemenstruktur schrieb) - und sprach fortan nie wieder ein Wort mit Herrmann.

© ZDF, 1999 Universal Studios "Der zerrissene Vorhang": Julie Andrews
"Der zerrissene Vorhang": Julie Andrews
So verloren Hitchcocks späte Filme den magischen Klangteppich, auf dem die früheren so souverän dahingeschwebt waren. Auch "Der zerrissene Vorhang" hätte mit Herrmanns Musik gänzlich anders gewirkt, wie man heute weiß. Selbst die unschuldigen Szenen um die frierenden Wissenschaftler auf einem Frachtschiff im Polarmeer laden sich durch Herrmanns Klänge bedeutsam auf, lassen Dinge erahnen, die man gar nicht sieht.

Die eindrucksvollste Szene indes, die quälend lange Tötung des Stasi-Handlangers Gromek (Wolfgang Kieling), bleibt stumm. Sie lebt von der Stille ebenso wie von der Ausstattungskunst des Szenenbildners Hein Heckroth, der ein gänzlich fiktives Bild der DDR zu Zeiten des Kalten Krieges schuf: die Tristesse eines repressiven Staates in sepiabraunen, "schmutzigen" Bildern, mitunter grotesk anmutend, doch stimmig und kompatibel mit vertrauter Hitchcock-Motivik: Das Büro von Stasi-Offizier Heinrich Gerhard (Hansjörg Felmy) zeigt durch große Fenster die Trümmerkulisse Ost-Berlins als Rückprojektion, und die Szene könnte eine Blaupause jener Einstellung aus "Vertigo" sein, in der Scotty (James Stewart) das Büro eines alten Freundes aufsucht und man durch die Fenster die Kräne im Hafen von San Francisco sieht.

Meister der subjektiven Kamera
"Familiengrab", Hitchcocks elegantes Abschiedswerk, spielt einmal mehr mit falschen und echten Blondinen. Es geht um zwei aufeinander zulaufende Paare, gesäumt von Zufällen, Missverständnissen und falschen Erwartungen, und wieder einmal beweist Hitchcock: Timing ist alles. Die Musik stammt nun von John Williams, der damals für Steven Spielberg bereits "Sugarland Express" und "Der weiße Hai" vertont hatte. Unmittelbar nach "Familiengrab" komponierte Williams für Spielberg "Unheimliche Begegnung der dritten Art" - und danach kam "Star Wars", womit Williams eine Renaissance der großen symphonischen Orchester-Filmmusik einleitete. Womöglich lohnt es sich, Williams' Zwischenspiel für "Familiengrab", getragen von einem hübschen Leitmotiv und einem "spiritistischen" Spinett, neu zu hören.

© ZDF/Larry Barbier "Familiengrab": Bruce Dern, Barbara Harris
"Familiengrab": Bruce Dern, Barbara Harris
Heute, fast genau 40 Jahre nach der Premiere, gefällt "Familiengrab" immer noch als tiefenentspanntes Kompendium Hitchcockscher Motive. Wie in "Vertigo" gibt es eine Friedhofszene, in der fließende Kamerafahrten eine Spannung aufbauen, die ins Leere zu greifen scheint und die man vielleicht nur versteht, wenn man "Vertigo" kennt: Wie in "Vertigo" (in McKittricks Hotel) gibt es einen nach oben offenen Raum mit einem Kronleuchter im Zentrum, um den sich eine Treppe windet, und wie in "Der unsichtbare Dritte" gibt es eine gefahrvolle Autofahrt mit manipulierter Mechanik, die weniger spannend als höchst komisch ist. Schließlich: die Frauen. Die Mondäne und die "Handfeste", die doch so abwesend, ja somnambul wirkt. Ganz am Ende blickt sie (Barbara Harris) verschwörerisch direkt den Zuschauer an und kneift ein Auge zu: Der "Triumph des Blicks über das Auge", wie es bei Slavoj Zizek und seinen psychoanalytischen Betrachtungen heißt.

"Uns mit den Augen eines anderen sehen lassen", schrieb die Filmkritikerin Brigitte Desalm, "um dieses Privileg, das uns jenseits des Kinos versagt ist, dreht sich fast alles bei Hitchcock, dem Meister der subjektiven Kamera mit der Affinität zu den Abgründen des Unbewussten und zur Psychoanalyse."

Spielfilmreihe
Alfred Hitchcock
4. bis 18. August 2017