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© berlinale Lupe
Konrad Wolf (Mitte) und Dehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, mit dem er seit seinem Film "Ich war 19" (1968) bis zu seinem Tod 1982 als Partner und Freund zusammen arbeitete. [>> mehr]
Nicht immer linientreu
Konrad Wolf und sein letzter Film "Solo Sunny"
Mit der Parteinahme für eine unbedingte künstlerische Selbstverwirklichung löste sein unterhaltsamer Spielfilm "Solo Sunny" auf den Berliner Filmfestspielen 1980 Begeisterung, bei der Uraufführung in der DDR aber kontroverse Diskussionen aus. - Was bewegte den Regisseur und überzeugten Kommunisten Konrad Wolf?
Mit einem verstimmten Kneipenpiano und einer bissigen Kurzsatire auf die Unterhaltungskunst in der Provinz der real existierenden DDR geht es los. Auf einer namenlosen Bühne begrüßt ein schmieriger Conferencier das Publikum "in diesem doch wirklich sehr hübschen Haus" und verspricht unter dem Motto "Kunterbunt und immer rund" ein Programm von "ausgewogener Qualität". Wie sie da zusammen mit den anderen Kleinkünstlern auf die Bühne gebeten wird, fällt die Hauptfigur Sunny noch kaum auf. Aber dann umso mehr, als sie für ihr Solo allein an die Rampe geht und im hellblauen Hosenanzug mit fast unnatürlich blau blitzenden Augen singt: "Come between the lights, looking at my face, here is your place. Stay in through the night."

© berlinale Lupe
Herstellung der blau blitzenden Augen: Renate Krößner bei den Dreharbeiten zu "Solo Sunny"
Von da an geht dem Zuschauer bis zum Ende des Films diese Sunny nicht mehr aus dem Kopf - verkörpert von Renate Krößner, mit der Gesangsstimme der Jazzsängerin Regine Dobberschütz. In den Soundtrack dieses glamourösen Auftritts wird mit dem Filmtitel hart auf das heruntergekommene Berliner Mietshaus geschnitten, in dem die junge Sängerin Sommer wohnt, die sich Sunny nennt. So inszenieren Regisseur Konrad Wolf und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase gleich am Anfang von "Solo Sunny" das ästhetische und soziale Spannungsfeld, durch das sie uns die nächsten 100 Minuten lang führen. Am Ende hat man einen Film gesehen, der eigentlich von ganz weit her kommt, aus dem authentischen Lokal- und Zeitkolorit der DDR in den 70er Jahren, dessen Figuren uns aber überraschend vertraut und nah sind.

Bei der internationalen Premiere von "Solo Sunny" auf den Berliner Filmfestspielen 1980 war die Wirkung des Films ähnlich, aber noch viel heftiger, elementarer. Ich erinnere mich, dass ich einfach baff war und ebenso begeistert wie sprachlos aus dem Kino kam. Diesen Film hatte tatsächlich der berühmteste Regisseur der DDR gedreht? Der überzeugte Kommunist, dessen Bruder Markus seit den 50er Jahren die Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit der DDR leitete?

Alles unter Kontrolle
Die Kultur in der DDR stand damals, Anfang der 80er Jahre, mit allen ihren Institutionen unter strenger staatlicher Kontrolle und Vormundschaft, bis hinunter zum einfachen Diskjockey, dem "Schallplattenunterhalter", der sich staatlich prüfen lassen musste, um eine "Spielerlaubnis" zu bekommen. Der Begriff "Punk" war wahrscheinlich vor allem Kulturfunktionären als neuestes Dekadenz-Phänomen der kapitalistischen Welt bekannt, das im real existierenden Sozialismus keinen Nährboden finden konnte und durfte. Und von der Existenz kritischer DDR-Spielfilme ahnten oder wussten im Westen, also auch bei uns in West-Berlin, nur DDR-Kulturexperten.

© ZDF/Dieter Lück Lupe
Kalte Schulter: Sunnys (Renate Krößner) widersteht dem Werben von Taxifahrer Harry (Dieter Montag).
In dieser Zeit erschien Konrad Wolfs Film, der die innere Unabhängigkeit des Künstlers und des Menschen überhaupt und das Recht auf Unangepasstheit feiert, wie eine politische Provokation. Allerdings eine vom bekannten DDR-Jazzmusiker Günther Fischer musikalisch äußerst charmant verpackte und von tollen Schauspielern hervorragend gespielte Provokation. Der leger-konservativ im Sakko auf dem Podium sitzende 55-jährige Regisseur, wie immer mit gekräuselter Kurzhaarfrisur und großer dunkler Hornbrille, konnte oder wollte dazu offenbar keine weiteren Auskünfte geben. Mit leicht ironischem Lächeln beantwortete er die Journalistenfragen und stellte den Film als ganz normales Porträt einer unangepassten Künstlerin dar, wie es sie in der DDR eben wie überall auf der Welt gebe.

Rückkehr mit der Roten Armee
Gerade mal drei Jahre nach der Ausbürgerung des kritischen Liedermachers Wolf Biermann konnte sich Konrad Wolf eine so entspannte Haltung wohl nur deshalb erlauben, weil er eine ganz besondere Position in der DDR hatte. Seine kommunistische Gesinnung konnte niemand in Frage stellen: Wolf war mit seinen Eltern während der Nazizeit in die Sowjetunion emigriert, sein Vater war der anerkannte kommunistische Dramatiker Friedrich Wolf. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Konrad Wolf als Soldat der Roten Armee nach Deutschland zurück, was er 1968 in seinem autobiografischen Spielfilm "Ich war 19" verarbeitete. Später studierte er an der Moskauer Filmhochschule und schrieb mit DEFA-Spielfilmen wie "Der geteilte Himmel" (nach Christa Wolfs Roman) deutsche Filmgeschichte. Gleichzeitig diente Wolf seinem Staat jahrelang als Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst, als Präsident der Akademie der Künste und schließlich sogar im Zentralkomitee der SED.

© ZDF/Dieter Lück Lupe
Schwerer Anfang im Bett: Ihr Philosoph Ralph (Alexander Lang) hilft Sunny (Renate Krößner) auch nicht weiter bei der Lebenssinnsuche.
So wurden ihm Abweichungen von der Parteilinie verziehen, für die andere (wie etwa Jürgen Böttcher mit "Jahrgang 45") wahrscheinlich lebenslanges Berufsverbot bekommen hätten: Konrad Wolfs "Sonnensucher", gedreht 1958, kam wegen seiner kritischen Darstellung des realen Uranbergbaus in der DDR erst 14 Jahre später in die DDR-Kinos, und in seinem großen Künstlerfilm "Goya – oder der arge Weg der Erkenntnis" (1971) ging es um das heikle Thema Unabhängigkeit der Kunst von staatlicher Bevormundung.

1980, als "Solo Sunny" Renate Krößner zur Freude aller Journalisten auf der Berlinale ihren Silbernen Bären als beste Darstellerin gewann, war Konrad Wolfs Film ein großer Ausnahme- und Glücksfall des DDR-Kinos. An einen Fall der Mauer glaubte damals noch kein vernünftiger Mensch. Aber in einem Staat, der einen solchen Film produziert und freigibt, schien sich ja doch eine Menge zu bewegen. Das widerständige DDR-Kino vor "Solo Sunny" entdeckten wir Journalisten und die Öffentlichkeit erst, als vor der deutschen Vereinigung die verbotenen "Regalfilme" aus der DDR und der Sowjetunion in die Kinos kamen."Solo Sunny" blieb Konrad Wolfs letzter Spielfilm. Seiner politischen Überzeugung blieb er bis zum Schluss treu: Als Wolf zwei Jahre später starb, arbeitete er gerade an einem sechsteiligen Dokumentarfilm über den kommunistischen Sänger Ernst Busch ("Busch singt").

Filmreihe
© ZDF Dieter Lück70 Jahre DEFA
10. bis 16. Februar 2016
Spielfilmreihe
© ZDF Michael BallhausBärenstarkes Kino
zur 66. Berlinale 2016
10. bis 21. Februar
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