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Seinen ersten Erfolg feierte er 1996 mit "Pusher": Nicolas Winding Refn
Seinen ersten Erfolg feierte er 1996 mit "Pusher": Nicolas Winding Refn
Durchbruch mit Mitte 20 und rohem Realismus
Der dänische Filmregisseur Nicolas Winding Refn
Früh fing er an, früh kam der Erfolg, später lernte er, auch mit Niederlagen umzugehen: Mit Mitte vierzig hat der Regisseur Nicolas Winding Refn die Höhen und Tiefen des Filmbusiness durchlebt. Heute gilt er als zeitgenössischer Auteur mit einer unverwechselbaren Stilistik, einem gesunden Selbstbewusstsein und einem Auge für große Talente. Sein Erfolgsfilm "Drive" etablierte ihn 2011 schließlich sowohl bei Liebhabern des Arthaus-Kinos als auch im Mainstream.
1970 in Kopenhagen geboren, kam Nicolas Winding Refn durch seine Eltern - der Vater Regisseur, die Mutter Kamerafrau - zwangsläufig schon früh in Berührung mit dem Kino. Im Alter von acht Jahren zog Winding Refn mit seiner Mutter nach New York und verbrachte dort den Großteil seiner Jugend, ging für eine Weile zurück nach Dänemark, um die Schule zu beenden, kehrte danach jedoch umgehend wieder zurück, um sich an der American Academy of Dramatic Arts einzuschreiben - von der er allerdings schon bald wieder flog.

Stattdessen bewarb er sich erfolgreich an der Dänischen Filmhochschule; studiert hat er dort aber letztlich nie. Einer seiner Kurzfilme brachte ihm kurz vor Studienbeginn ein Angebot ein, das er nicht ausschlagen konnte: Er solle sein Gangsterfilmprojekt "Pusher" realisieren, für 3,2 Millionen Kronen. Winding Refn war damals erst Mitte zwanzig und erlebte seinen Durchbruch: Die dänische Kritik, aber auch das Publikum feierten seinen rohen Realismus und den kühlen, wertfreien Blick, den er auf das Drogenmilieu warf. Heute gilt "Pusher" in Dänemark als Kultfilm.

Ständiger Grenzgang zwischen Realität und Fiktion
"Bleeder", dessen Geschichte ebenfalls in der Realität verhaftet ist, bestätigte 1999 die Position, die er sich erarbeitet hatte, feierte gar beim Filmfestival in Venedig seine Premiere. 2003 versuchte er, mit "Fear X" neue Wege einzuschlagen: weg vom Realismus, weg vom Blick auf ein bestimmtes Milieu, hin zu den Vorboten eines sehr eigenen Stils voller Farbkontraste und einem ständigen Grenzgang zwischen Realität und Fiktion. Mit John Turturro ("Barton Fink"; "O Brother, Where Art Thou?") hatte er sogar zum ersten Mal einen etablierten Hollywoodschauspieler besetzt.

© ZDF/Rolf Konow John Turturro in "Fear X"
John Turturro in "Fear X"
Der Film wurde schließlich zu einer Zäsur, ein Wendepunkt, sowohl im Hinblick auf seinen Stil als auch auf seine Karriere: Sein Experiment missglückte, der Film fiel unerwartet durch, weder die Presse noch das Publikum wollte sich so recht begeistern. Winding Refn hatte den Film zum ersten Mal selbst produziert und blieb nach dem fehlenden Erfolg schließlich auf einem Schuldenberg sitzen. Daraufhin kehrte er zum Realismus zurück, drehte die beiden weiteren Teile der "Pusher"-Trilogie und wandte sich dem Fernsehen zu, bis er sich schließlich finanziell erholt hatte. Heute bezeichnet er diesen Absturz als wichtige Lehre. Wirtschaftliche und Systemzwänge sollten seiner Arbeit nicht noch einmal im Weg stehen.

2008 setzte Winding Refn schließlich dort an, wo er mit "Fear X" gründlich gescheitert war: In "Bronson", einem etwas anderen Biopic über Michael Gordon Peterson, aka Charles Bronson, den berühmt-berüchtigten britischen Häftling, setzte er sich noch radikaler mit dem Zusammenspiel aus Realität und Fiktion auseinander. Einige wenige biografische Fakten bildeten den groben Rahmen für die Darstellung einer rätselhaften kriminellen Psyche. Dauerhaft in einer Einzelzelle isoliert, flüchtet Bronson sich zunehmend in seine Fantasie.

"Seltsame Vermählungen von Arthaus und Horror"
Der Kritiker Frank Schnelle bezeichnete in der Zeitschrift "epd Film" "Bronson" als möglichen "Anfangspunkt von Winding Refns Hauptwerk", denn seit "Bronson" seien dessen Filme seltsame Vermählungen von Arthaus und Horror, Splatter und Meditation, Mythos und Barbarei. "Sie spielen in einem brachialen Zwischenreich jenseits aller Konventionen, sind unberechenbar, verstörend, kompromisslos - und dabei von größter künstlerischer Präzision."

Tom Hardy in "Bronson"
Tom Hardy in "Bronson"
Winding Refns künstlerische Präzision ist dabei jedoch nie en détail geplant. Es gibt ein grobes Drehbuch, das vielmehr ein Ideengerüst ist, anstatt jeden Schritt des Arbeitsprozesses am Film vorwegzunehmen. Winding Refn arbeitet chronologisch, aber nie ist irgendetwas in Stein gemeißelt, nie ist die Handlung oder der Protagonist von vornherein determiniert. Alles ergibt sich im künstlerischen Schaffensprozess. Es wird gefilmt, was gefällt und fasziniert, was verstört und herausfordert. Ein Aufeinandertreffen zwischen Kunst und Betrachter ist für Winding Refn ein sinnlicher, wenn nicht gar sexueller Akt. Die Kunst muss den Zuschauer penetrieren und eine Reaktion provozieren – es muss ein Austausch entstehen. Wenn die Kunst keine Interaktion heraufbeschwören kann, dann ist sie schlicht langweilig, die Einseitigkeit der Kommunikation unbefriedigend.

Die Ästhetisierung und Fetischisierung von Gewalt, die in seinem Werk allgegenwärtig ist, tut genau dieses. Sie appelliert an den Animus des domestizierten Menschen und bietet die sinnliche Befriedigung unserer archaischen Triebe, eben besonders der Lust an Gewalt, die heute in der Kunst eines ihrer wenigen legalen Ventile findet. Dafür steht er häufig in der Kritik, er würde Gewalt künstlerisch überhöhen und glorifizieren, heißt es; dabei wird die Gewalt nie künstlich von ihren weniger glorreichen Konsequenzen des Verfalls und der Zerstörung getrennt.

Tom Hardy, Mads Mikkelsen, Ryan Gosling
Die Motivation der Protagonisten für die Ausübung von Gewalt wird bei allem nie offenbart. Stattdessen bleiben sie oft sehr wortkarge, wenn nicht sogar stumme, enigmatische Schablonen, die sich durch ihr Handeln definieren und nicht über artikulierte Werte, Wünsche und Motivationen. Winding Refn verhalf den Hauptdarstellern, die diese Schablonen so stimmig auszufüllen wussten, dabei mehrmals zu großen Durchbrüchen: Tom Hardy bekam nach "Bronson" Rollen in großen Blockbusterproduktionen wie Christopher Nolans "Inception" oder "The Dark Knight Rises".

© ZDF/Morten Soborg Mads Mikkelsen (2.v.r.) in "Walhalla Rising"
Mads Mikkelsen (2.v.r.) in "Walhalla Rising"
Mads Mikkelsen gab in "Pusher" sein Debüt, spielte später den Bond-Bösewicht "Le Chiffre" in "Casino Royale" und ist spätestens seither aus dem internationalen Filmbetrieb nicht mehr wegzudenken. 2009 arbeitete er nach der künstlerischen Neuausrichtung Winding Refns erneut mit ihm zusammen und übernahm die Rolle des einäugigen Wikingersklaven in "Valhalla Rising", der stumm und animalisch seine gladiatorenhaften Ringkämpfe bestreitet, sich befreit und sich schließlich auf eine rauschhafte Reise irgendwo zwischen dem Diesseits und dem Jenseits begibt.

Auch Ryan Gosling wird als Entdeckung Winding Refns gefeiert. Zwar war er schon vorher präsent und machte mit Filmen wie "Stay" von Marc Forster oder Derek Cianfrances "Blue Valentine" auf sich aufmerksam. Doch Winding Refns "Drive" (2011), der mit exzessiver Gewalt, einer - trotz der Farbenblindheit des Regisseurs - farbenfrohen, kontrastreichen Bildsprache und einem eindringlichen 80er-Jahre-Synthiepop-Soundtrack Kritik und Publikum begeisterte, katapultierte ihn und den Regisseur selbst in das Blickfeld der Allgemeinheit. Für "Drive" erhielt Winding Refn schließlich auch die bislang wichtigste Auszeichnung seiner Karriere, den Preis für die Beste Regie beim Filmfestival in Cannes.

Mit Applaus bedacht und ausgebuht
Nach dem Erfolg von "Drive" arbeiteten die beiden ebenso an Winding Refns letztem Projekt zusammen, "Only God Forgives" (2013), der wiederum in Cannes gezeigt wurde. Zu der einhelligen Begeisterung - wie sie noch zwei Jahre zuvor anzutreffen war - kam es dabei jedoch nicht noch einmal. Der Film wurde kontrovers aufgenommen, wurde gefeiert und verrissen, mit Applaus bedacht und ausgebuht.

Doch statt sich daran zu stören, fühlt sich Winding Refn nur in seiner Auffassung von Kunst bestätigt: "Darum geht es doch in unserer Wahrnehmung von jeglicher Kunst", sagt er im Interview mit Patrick Heidmann von "epd Film", "dass man sie entweder liebt oder hasst. Nur dann sprechen wir darüber, tauschen uns darüber aus, werden zum Nachdenken angeregt. Jedes Kunstwerk, das weder die eine noch die andere Emotion auslöst, ist eigentlich egal und hat seinen Sinn verfehlt."

Spielfilm
Walhalla Rising
Samstag, 9. Dezember 2017, 3.50 Uhr
(Nacht Sa/So)
Mediathek
VideoInterview mit Nicolas Winding Refn
(2014)