VideoVideo
Christof B. (48) unterrichtet an der Gertrud-Bäumer-Realschule in Dortmund. Er will Wissen vermitteln und muss ständig Ruhe und Disziplin herstellen.
Lehrer am Limit
Kurz vor Burnout im Bildungssystem
Sie wollen Wissen vermitteln, haben studiert, Erfahrungen und Ideale. Doch vieles ist anders geworden im Schulalltag: Lehrer sind im Dauerstress.
Die Bildung bleibt auf der Strecke
Immer mehr Lehrer klagen: Sie reiben sich auf - zwischen Integration, Inklusion und zunehmender Bürokratie, dazu sind sie auch Sozialarbeiter, Event-Manager und Rechtsexperten. Die Bildung bleibt auf der Strecke. Warum ist der Schulalltag so stressig geworden?

Lehrer arbeiten nur halbtags und machen ständig Ferien - so ist das Klischee. Doch diese Zeiten sind lange vorbei, mit dem gesellschaftlichen Wandel sind die Anforderungen massiv gestiegen. Die Hauptaufgabe, die Bildung, bleibt auf der Strecke, denn es gibt zu wenig Personal für zu viele umfassende Aufgaben. Abhängig vom Bundesland, dem Schulsystem und der Fächerkombination, ist der Arbeitsalltag vieler Lehrer weitaus herausfordernder geworden, als er es früher einmal war. In der Realität haben viele Lehrer kaum Pausen. Neben dem Unterricht sollen sie noch die Erziehung der Kinder übernehmen und dazu die Bürokratie bewältigen.

Viele Lehrer sind kurz vor dem Burn-out
Zahlreiche Studien bestätigen die Dauerbelastung: Lärm, Disziplinlosigkeit, Kinder mit Konzentrationsproblemen, unterschiedliche Sprach- und Lernniveaus, die zum Teil unorganisierte Inklusion, desinteressierte Eltern oder anstrengende Helikopter-Eltern. Das Resultat: Lehrer sind im Vergleich mit anderen Berufsgruppen überdurchschnittlich belastet, sie arbeiten weitaus mehr als 40 Stunden, Pausen und Erholungszeiten während der Schulwochen sind so gut wie nicht vorhanden, dazu kommt Wochenendarbeit. Laut einer Forsa-Umfrage kämpfen viele Lehrer mit psychischen und psychosomatischen Beschwerden wie chronischer Erschöpfung, sind kurz vor dem Burn-out. Die Quote ist schon seit Jahren doppelt so hoch wie in anderen Berufsgruppen.

"Das hat hier manchmal 'Fack Ju Göhte'- Niveau", erzählt Julia W., 42, Lehrerin an einer Gesamtschule in Kassel. Sie unterrichtet unter anderem 23 Schüler in Englisch und Politikwissenschaft in ihrer 8. Hauptschulklasse, sechs davon sind Integrations- oder Inklusionskinder. Um Lehrstoff zu vermitteln, muss Julia erstmal für Ruhe sorgen. Ob von dem vermittelten Wissen etwas hängenbleibt, ist sehr unklar. Entsprechend sind die Noten und die Perspektiven. Zum Schuljahresende haben fünf von 133 Kindern, die einen Abschluss an der Gesamtschule machen, eine Lehrstelle.

Früher Berufung, heute Frust
Zum Unterricht kommen Zusatzprojekte wie das Theaterprojekt in einer Gymnasialklasse. "Wilhelm Tell", ganz zeitgemäß. Und hier kämpft Julia, die studierte Theaterpädagogin, gegen kulturelle Vorurteile, Machismo und pubertäres Verhalten. "Ich bin hier Sonderpädagogin, Rechtsexpertin, Reisekauffrau und vor allem Psychologin", sagt die alleinerziehende Mutter dreier Kinder frustriert über ihren Beruf, der einmal Berufung war. Trotzdem gibt sie jeden Tag alles für ihre Schüler. "Manchmal denke ich, da wird eine ganze Generation an die Wand gefahren."

Christof B. (48, verheiratet, eine Tochter) ist seit 20 Jahren Lehrer. Er unterrichtet an einer Realschule in Dortmund-Nord und behält inzwischen meistens die Nerven, obwohl es um ihn herum im Mathe-Unterricht laut ist, manche Schüler sogar herumlaufen und der Respekt Lehrern gegenüber sehr nachgelassen hat. Viele Schüler haben einen Migrationshintergrund. In seiner eigenen 6. Klasse gibt es vier Inklusionskinder. Während er mathematisch "Winkel" mit den anderen berechnet, spielen sie teilweise Karten oder Mikado im gleichen Klassenraum. Zwei Schüler sind stark verhaltensauffällig, stören ständig laut den Unterricht.

Die Schüler werden ihren Weg gehen
Bei einem weiteren Schüler hat Christof schon jetzt Bedenken, dass er sich später radikalisiert. Da kann Christof auch mal ganz streng und etwas lauter werden: "Wenn die Eltern das nicht hinkriegen, muss ich als Lehrer auch mal ein klares Wort zu den Kindern sagen!" Verhaltensauffällig, schlechte Noten und keinen "Bock auf Schule", doch Christof glaubt trotzdem fest daran, dass seine Schüler ihren Weg gehen werden, und erkennt an, dass sie in ihrem schwierigem Alltag und Umfeld überhaupt einen Abschluss machen. So richtig genervt ist der Mathe- und Kunstlehrer allerdings davon, dass seine Schüler immer weniger Wissen behalten - sich eher bei YouTube-Stars auskennen als in Erdkunde oder Mathe. "Die halten Luther für den FDP-Chef oder die Bretagne für die Hauptstadt von London."

Sendedaten
24. September 2018, 23.50 Uhr
Information zur Sendung
Länge: 30 Minuten
Dokumentationsreihe, Deutschland
Info
Film von Daniela Agostini
(Erstsendung: 18.09.2018)
Info
Wie sieht der Alltag von Lehrern wirklich aus? Diese "37°"-Reportage begleitet zwei leidenschaftliche Lehrer, die ihren Beruf zwar lieben, der sie aber auch an ihre Grenzen bringt.
Info
LupeKlassenfoto mit zwei Inklusionslehrern. Christof B. mit seiner Klasse der Gertrud-Bäumer-Realschule.
Info
LupeChristof B. (48), ist verheiratet und hat ein Kind. Er unterrichtet Politik, Kunst und Mathematik und hat selbst Schulbücher geschrieben.
Info
LupeJulia W. (42, alleinerziehende Mutter von drei Kindern), lädt die Schüler ihrer Hauptschulklasse gerne zur Gruppendiskussion ein.
Info
LupeJulia W. (42) hat erst als Sozialpädagogin gearbeitet und sich dann mit einem Zusatzstudium zur Lehrerin qualifiziert.