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Tahsin findet in seinem erlernten Beruf keine Festanstellung. Eine Zeitarbeitsfirma hat ihm einen Job als Staplerfahrer vermittelt.
Arm trotz Arbeit
Wenn ein Job nicht reicht
"37°" begleitet Menschen, die mehr als einen Job brauchen, um finanziell über die Runden zu kommen. Die Bundesagentur für Arbeit registrierte 2017 3,26 Millionen Mehrfachbeschäftigte.
Die Zahl der Berufstätigen, die unter die Schwelle der Armutsgefährdung fallen, hat sich zwischen 2004 und 2014 verdoppelt. Damit ist die Erwerbsarmut in der Bundesrepublik stärker gestiegen als in jedem anderen EU-Land.

Jeder Cent wird dringend gebraucht
Manuela und Tahsin haben zwei gemeinsame Söhne und mehrere Jobs. "Manchmal denke ich, die Kinder hören von uns immer nur 'Arbeit'", so der Familienvater. Tagsüber arbeitet Tahsin als Staplerfahrer, abends fährt er Pizza aus. Der 42-Jährige ist gelernte Fachkraft für Metalltechnik, doch seit Jahren findet er in seinem erlernten Beruf keine Festanstellung. Selbst das Arbeitsamt kann ihm nur Aushilfsstellen über Zeitarbeitsfirmen vermitteln. "Die einzige Chance, aus dieser Situation herauszukommen, wäre eine Umschulung oder eine Zusatzqualifikation. Aber das kostet Zeit und Geld, was ich beides nicht habe", so der Familienvater. Denn jeder Cent, den Manuela und Tahsin verdienen, wird dringend gebraucht.

Tahsins Lebensgefährtin Manuela kümmert sich um die zwei kleinen Kinder und hat zwei Putzstellen. Da beide im sogenannten Niedriglohnsektor arbeiten - das heißt, sie verdienen kaum mehr als den Mindestlohn -, bleiben der Familie trotz der vielen Jobs nur 300 Euro im Monat zum Leben. Möglichkeiten, für das Alter zu sparen, haben sie dadurch auch nicht. Manuela versucht, zu sparen, wo sie nur kann, und geht regelmäßig zur Kleiderkammer. Trotzdem fehlt oft das Geld für Rechnungen. "Dafür, dass wir so viel arbeiten, sind wir arm."

Trotz guter Ausbildung keine Chance auf eine Vollzeitstelle
Monika wurde nach ihrer Scheidung zur Multijobberin. Die 58-Jährige füllt eine befristete Teilzeitstelle mit verschiedenen Jobs auf. Um diese Stellen konkurriert sie mit Studenten. "Eins muss man sich auch vor Augen halten: Ich bin fast 60. Irgendwann ist ein Zeitlimit erreicht, dass man sagt: Jetzt ist gut, jetzt sieht es albern aus, wenn die ältere Dame da irgendetwas macht." Aber Monika ist auf die Einkünfte ihrer Nebentätigkeiten angewiesen. Trotz guter Ausbildung, mehrerer Qualifikationen und ständigen Bewerbungen findet sie keine Festanstellung. "Bei mir ist einfach das Alter das Problem, ich bin gut ausgebildet, ich habe vernünftige Umgangsformen, das ist dann schon nicht zu verstehen, warum ich keinen Arbeitsplatz kriege."

Kaum Zeit für die Familie
Sabine ist alleinerziehende Mutter eines elfjährigen Sohnes und hat zwei Jobs. Eine volle Stelle bei der Stadt in Essen füllt die 41-Jährige mit einem Minijob am Wochenende auf. Ein schlechtes Gewissen ist Sabines ständiger Begleiter. "Wenn ich meinen Sohn so anschaue, denke ich: Ist schon doof, aber was ist das Perfekte? Ich mach' das, damit mein Sohn nicht das Gefühl hat, dass wir am Limit leben."

Wie fühlt es sich für einen Menschen an, wenn die Arbeitskraft so wenig wert ist, dass eine Arbeitsstelle nicht zum Leben reicht? Wenn man keine Chance hat, trotz Ausbildung und Qualifikationen eine unbefristete Vollzeitstelle zu bekommen? Wenn das eigene Kind darunter leidet, weil man so viel arbeiten muss? "37°" geht diesen Fragen nach und lernt dabei Menschen kennen, die nur selten Zeit für sich und ihre Familien haben.

Sendedaten
17. September 2018, 23.55 Uhr
Information zur Sendung
Länge: 30 Minuten
Dokumentationsreihe, Deutschland
Info
Film von Nathalie Suthor
(Erstsendung: 11.09.2018)
Info
LupeManuela und Tahsin haben zwei gemeinsame Söhne und mehrere Jobs. Sie sagen von sich, dass sie arm sind.
Info
LupeTrotz guter Ausbildung arbeitet Monika als Multijobberin.
Info
LupeMorgens am Frühstückstisch: Sabine geht mit ihrem elfjährigen Sohn Sam den Tag durch. Die Multijobberin plagt ständig ein schlechtes Gewissen ihrem Sohn gegenüber.