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Video online ab 24.10.2018, 21.05 UhrVideo online ab 24.10.2018, 21.05 Uhr
Franz Karl von Coudenhove war Herr auf Ronsperg (Böhmen) und Ottensheim und wurde 1881 Mitglied des Herrenhauses, des Oberhauses des österreichischen Reichsrates.
Die Coudenhove-Kalergis: Europa im Herzen, zuhause in der Welt
Die Coudenhove-Kalergis sind eine außergewöhnliche Familie. Deutschböhmischer Hochadel, ursprünglich aus den Niederlanden, reicht ihr Stammbaum ins 13. Jahrhundert zurück. Eine europäische Familie mit vielen ungewöhnlichen Lebensgeschichten: Verschiedene Sprachen, Länder und Religionen prägen die Familie, der Nationalismus ebenso fremd ist wie Standesdünkel.
Einige haben große politische Karrieren gemacht, wie Richard Coudenhove-Kalergi, Gründer der Paneuropa-Bewegung und Vordenker der Europäischen Union. Andere wurden Weltenwanderer, Aussteiger, Bohemiens, Künstler, Schriftsteller, Journalisten und erfolgreiche Unternehmer. Zum Mythos, besonders in Japan, wurde die Mutter von Richard und Großmutter von Barbara Coudenhove-Kalergi, Mitsuko Aoyama, eine der ersten Japanerinnen, die in Europa lebten.

Jede Familie ist ein Roman
© ORF/Langbein & Partner Media GmbH & Co KG Schloss Breznitz
Schloss Breznitz
"Jede Familie", sagt Barbara Coudenhove-Kalergi, "ist ein Roman. Ich glaube, in jeder Familie gibt es Spinner und Träumer und mehr oder weniger exzentrische Figuren. Bei uns haben sie sich vielleicht ein bisschen versammelt."

Die Familie lebt heute in Washington, New York, London, Tokio und Wien und hält engen Kontakt untereinander. Für Helene Maimanns Film trafen sich die Coudenhove-Kalergis in Wien, um den Familienroman vor der Kamera zu erzählen. Die heutigen Coudenhove-Kalergis stammen alle von den Eltern Barbaras und ihren drei Brüdern Hans Heinrich, Jakob und Michael ab: Ein Sohn von den sieben Kindern von Mitsuko und Heinrich Coudenhove-Kalergi, Gerolf, heiratete - als einziger standesgemäß - die junge Gräfin Sophie Pálffy nad Erdöd auf Schloss Breznitz, von dessen Kapelle Barbara sagt: "Die Breznitzer Schlosskapelle mal unendlich, so habe ich mir als Kind den Himmel vorgestellt." Die Coudenhoves sind heute also auch Palffys.

Das ist der Lauf der Geschichte
© ORF/Langbein & Partner Media GmbH & Co KG/Helmut Wimmer  Die Coudenhove-Kalergis versammelt um die alten Familienfotos!
Die Coudenhove-Kalergis versammelt um die alten Familienfotos!
Barbara und ihr Bruder Michael, ihre Nichten und Neffen Clemens, Sophia, Katharina und Lorenz und vier der jüngsten Generation, Lukas, Max, Camillo und Mia Coudenhove-Kalergi begleiten das Filmteam durch die Geschichte und durch Wien, quer durch Böhmen bis nach Prag, um sich zu erinnern und Neues zu entdecken.
Sie steigen tief ins Depot des Wiener Burgtheaters hinunter, um sich das Gemälde von Ida Roland anzusehen, der Frau von Richard Coudenhove-Kalergi. Sie spazieren quer durch den Stadtpark und führen durch das Theresianum, die ehemalige Kaderschmiede der Monarchie. Sie suchen in drei böhmischen Schlössern nach den Spuren ihrer Vorfahren, um schließlich in Prag die dramatischen Kapitel der jüngsten Geschichte Europas und der eigenen Familie zu erzählen. Sie endete, wie für drei Millionen andere Deutschböhmen, 1945 mit ihrer Vertreibung, buchstäblich von einem Tag auf den anderen, mit nichts als dem, was sie am Leib trugen. "Das ist der Lauf der Geschichte", erklärte der Vater der dreizehnjährigen Barbara, bevor er sich mit den Seinen auf den langen Fußmarsch durch Böhmen und Bayern nach Österreich machte. "Durch die Geschichte sind wir in dieses Land herein gekommen, und durch die Geschichte müssen wir wieder hinaus."

Starke Verbundenheit zu Böhmen
Das änderte nichts daran, dass die Familie sich weiterhin dem Land ihrer Vorfahren verbunden fühlt. "Diese Landschaft", sagt Katharina Coudenhove-Kalergi, "hat so viel Tiefe und gibt mir so viel - das ist ganz einfach mein Böhmen, mein Tschechien, wunderschön." Für Barbara Coudenhove-Kalergi, die wie ihre Geschwister in Prag geboren wurde, ist das die schönste Stadt nördlich der Alpen, "ein Paradies des Barock und für mich nach wie vor ein sehr geliebter und wichtiger Ort."
Die Grande Dame des österreichischen Journalismus war lange Jahre Berichterstatterin des ORF aus Osteuropa, 1989 wurde sie Chefin des ORF-Büros in Prag. Sie war es, die Österreich über die Demokratiebewegungen in Osteuropa und über das Ende der kommunistischen Regime informierte.

Ronsperg: bis 1945  Familiensitz - heute schwer sanierungsbedürftig. © ORF/Langbein & Partner Media GmbH & Co KG Ronsperg: bis 1945 Familiensitz - heute schwer sanierungsbedürftig.
Barbara Coudenhove-Kalergi, Matriarchin der Familie © ORF/Langbein & Partner Media GmbH & Co KG/Helmut Wimmer Barbara Coudenhove-Kalergi, Matriarchin der Familie
Clemens Coudenhove betrachtet in Schloss Bischofteinitz alte Familienfotos © ORF/Langbein & Partner Media GmbH & Co KG/Philip Grandits Clemens Coudenhove betrachtet in Schloss Bischofteinitz alte Familienfotos

Familienporträt und zugleich Geschichte Europas im 20. Jahrhundert
So wird das Familienporträt eine Erzählung der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert: Erinnert wird an den letzten Glanz der k. u. k. Monarchie, an den Ersten Weltkrieg, der aus der Familie loyale tschechische Staatsbürger machte, an das traditionelle Schlossleben in der Zwischenkriegszeit, das, wie Barbara Coudenhove sagt, "so verschwunden ist wie die Steinzeit". Die Familie erzählt von den Spuren, die Nationalismus und Faschismus bis heute hinter sich ziehen, vom Zweiten Weltkrieg, von den Vertreibungen der Deutschen, egal ob sie Nazis gewesen waren oder nicht, und der Nachkriegszeit in Österreich, für Barbara Coudenhove-Kalergi eine sehr spannende Zeit und keineswegs langweilig. Auch für Michael Coudenhove-Kalergi, Barbaras jüngsten Bruder, schon längst ein anerkannter Künstler, waren diese Jahre, in denen er nachts in einer umgebauten Waschküche und tagsüber im Café Hawelka wohnte und sich von Fischkonserven, Punschkrapferl und Wodka ernährte, "nicht die schlechteste Zeit."

Für das Fernsehpublikum, das Barbara Coudenhove-Kalergi als sachliche Korrespondentin in Erinnerung hat und sonst wenig über sie und die Familie weiß, werden diese sehr persönlichen, bewegenden und heiteren Erzählungen ohne jede Nostalgie aus fünf Generationen, in denen auch über große Lebenslieben und große Verluste berichtet wird, eine Reise durch ein ebenso großartiges wie schreckliches Jahrhundert. Und sie bleiben fest in der heutigen turbulenten Zeit verankert.

Regisseurin Helene Maimann über ihren Film:
2016 habe ich die Erinnerungen von Barbara Coudenhove-Kalergi gelesen und dann jene ihrer beiden Onkel Richard und Karl Heinrich, genannt Ery. 'Im Atlas' schrieb dieser Onkel Ery, 'habe ich einmal eine Linie gezogen, quer durch Europa nach Asien, von Holland (der Heimat der Coudenhove) bis nach Japan (woher meine Mutter kommt). Und eine zweite von Norden nach Süden, von Skandinavien (der Heimat meiner Ururgroßmutter) bis tief ins Mittelmeer, nach Kreta, woher die Kalergis stammen. Diese Linien kreuzen sich in Westböhmen, in der kleinen Stadt Ronsperg, nicht weit von Pilsen, wo ich geboren wurde.'
Was für eine großartige Familie! dachte ich. Der Tradition und ihrer Herkunft verhaftet und dennoch Neuerer ohne jedes Ressentiment und Nonkonformisten! Sie repräsentieren nicht nur sich selbst, sondern auch Europa, sie sind Europa. Konnte daraus ein Film werden? Es konnte - dank der Coudenhove-Kalergis, die wirklich alle mitgemacht haben.

Sendedaten
Mittwoch, 24. Oktober 2018
um 21.05 Uhr
Wiederholung:
Freitag, 26. Oktober 2018
um 12.05 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Dokumentation von Helene Maimann, Österreich 2018
Buchtipp
Zuhause ist überall
Barbara Coudenhove-Kalergi
Erinnerungen
Zsolnay-Verlag, 2013
ISBN-13: 978-3552056015
Dokumentation
Wilhelm von Habsburg - Der König der Ukraine
Im ersten Weltkrieg kämpfte er als k.u.k. Offizier an der Ostfront, im Gebiet der heutigen Ukraine. Erzherzog Wilhelm entwickelte eine geradezu romantische Zuneigung für dieses Grenzland und wollte es als Monarch in die Selbstständigkeit führen.

Mittwoch, 24. Oktober 2018
um 20.15 Uhr
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