© ORF/Walter Reichl Film/Walter Reichl
Video online ab 13.10.2018, 10.05 UhrVideo online ab 13.10.2018, 10.05 Uhr
André Heller und seine Mutter Elisabeth im 98. Lebensjahr
Die Jahrhundertfrau - Elisabeth Heller
Als die "beste Gelassenheitslehrerin der Welt" bezeichnete sie ihr Sohn André Heller in einer Weihnachtskarte. Die 98-jährige Elisabeth Heller besticht durch eine pragmatische Weltsicht, die ihm so ganz und gar zu fehlen scheint.
Am 7. August 2018, zwei Tage vor ihrem 104. Geburtstag, ist Elisabeth Heller gestorben - 3sat zeigt das Porträt einer Jahrhundertfrau, das anlässlich ihres 98. Geburtstages gestaltet worden war.
Folgende wahre Anekdote ist typisch für das aktuelle Leben der reisefreudigen Elisabeth Heller: Als sie gerade wieder einmal unterwegs war, in Dubai, wurde sie auf dem Flughafen festgehalten. Der Vorwurf: ein gefälschter Pass. Dass eine überaus gut aussehende, schlanke Dame ohne Stock und Brille behaupte, sie sei im Jahr 1914 geboren, das glaubte ihr niemand. Doch bis zu diesem unabhängigen Leben war es ein langer Weg.

Elisabeth wächst in einem großbürgerlichen Haus auf. In der elterlichen Villa in Wien-Hietzing geht die Künstler-Bohème ein und aus: Karl Kraus, Peter Altenberg, Hermann Bahr, Alma Mahler. Ihre Mutter Lotte führte ein unstetes, aufregendes Leben. Elisabeth hat größte finanzielle, kaum aber emotionale Sicherheit. Sie hat wechselnde Väter, wenig Nähe zur Mutter.

© ORF/Walter Reichl Film/Walter Reichl Fritz Heller vor einer Ansicht der Heller Fabrik
Fritz Heller vor einer Ansicht der Heller Fabrik
Mit 19 heiratet die betörende Schönheit Elisabeth einen doppelt so alten Mann. Mit ihm wiederholt sie ihre Kindheitstraumata. "Eine Heller arbeitet nicht", antwortet der Zuckerlfabrikant seiner Gattin, als diese einen Beruf ergreifen will. Sie fügt sich, bekommt einen Sohn - Fritz. Wieder lebt sie in Reichtum mit Personal. Wieder hat sie eine starke Persönlichkeit an ihrer Seite, für ihre Individualität ist in den vielen Zimmern der Wohnung kein Platz. Ihr Mann bleibt ihr fremd: Er ist jüdischer Herkunft und glühender Katholik, er ist gebildet und Austrofaschist. Wie schon als Kind flüchtet sie in die Welt der Geschichten, ins Theater und in die Literatur. Noch heute liest Elisabeth Heller jeden Tag; sie ist die älteste Burgtheater-Abonnentin. Ihre musikalischen Vorlieben sind breitgefächert: von Richard Strauss bis Michael Jackson. "Na und die Beatles und die Stones", ergänzt die 98-Jährige im Interview.

Eine Heller arbeitet nicht - oder doch?
© ORF/Walter Reichl Film/privat André Heller mit seiner Mutter
André Heller mit seiner Mutter
1938 werden die Zuckerlfabrik und das gesamte Privatvermögen der Hellers beschlagnahmt. Mit Hilfe Mussolinis flieht Elisabeths Mann nach London. "Dass wir vielleicht mitkommen, davon war nie die Red'", regt sie sich noch heute auf. Elisabeth bleibt mit Sohn Fritz in Österreich. Sie ist Sekretärin für Hitlers Armee, später arbeitet sie in einem Lazarett für Gehirnverletzte.

1945 kehrt ihr Mann als Offizier mit der amerikanischen Befreiungsarmee zurück. Bald wird ihr Jüngster, Franz André, geboren. Doch die Ehe geht endgültig in die Brüche. Ihr Mann führt ein zweites Leben in Paris und ist nur drei Wochen im Jahr in Wien. Mit fast 50 probt Elisabeth Heller den Aufstand. Sie hat einen Geliebten und geht arbeiten: im noblen Modeatelier der Höchsmanns. Mit 80 verpfändet sie ihr Haus und ihren Schmuck, denn Sohn Franz André hat eine gute Idee, die er auf die Bühne bringen will. Sie fiebert mit jedem seiner Projekte mit und reist zu allen Premieren.

Immer wieder kehrt der Film zu einem aufschlussreichen, bürgerlichen Ritual zurück, einer "Familienaufstellung" zu einem gemeinsamen Foto. Elisabeths Söhne und Enkelkinder gruppieren sich um die Mutter und Großmutter. Wer nimmt welchen Platz ein, wer drängt nach vorn, wer hält sich im Hintergrund? Fritz Heller, der älteste Sohn, eröffnet unerwartete Einblicke in das Familienleben. Als Unternehmer hat er die Geschäfte der Zuckerlfabrik noch geführt. Er hat auch den Krieg und die Verfolgung seines Vaters erlebt. Seine tiefe Liebe zur Mutter ist spürbar. Aber ebenso einiger Sprengstoff in der "Familien-Chemie". Während André Heller den Tod seines Vaters wie "das Verschwinden eines Albs" erlebte, war Fritz "erschüttert. Ich war wohl der Einzige in der Familie, der wirklich um ihn getrauert hat." Über die Beziehung zu seiner Mutter und zu seinem Bruder sagt Fritz Heller offen: "Es geht nur um ihn. Für mich hat sie sich nie so interessiert." Elisabeth Heller, eine Jahrhundertfrau, streitbare Persönlichkeit, bewunderte Grande Dame und Mutter, wich derart heftigen Konflikten bis zu ihrem Tod kurz vor ihrem 104. Geburtstag nicht aus.

Sendedaten
Samstag, 13. Oktober 2018
um 10.05 Uhr
Stereo, 16:9, Videotext-UT
Credits
Eine Dokumentation von Beate Thalberg, Österreich 2012
Interviews: Isolde von Mersi (mit Elisabeth Heller, Fritz Heller, André Heller, Albina Bauer, Gert Voss und Michael Haneke)
Moderation: Peter Schneeberger