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Die Grand Place ist Ausgangspunkt von Robert Menasses Wanderung durch "sein" Brüssel!
Robert Menasse - Mein Brüssel
Der Schriftsteller Robert Menasse präsentiert "sein" Brüssel, führt an die Schauplätze seines mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Erfolgsromans "Die Hauptstadt" und trifft auf Künstler, Politiker und Historikerinnen.
Vom prachtvollen Hauptplatz, der Grand Place, ins belebte Vergnügungsviertel Matonge und in die Büros der EU-Institutionen: Menasse, selbst ein glühender Europäer und gleichzeitig ein Kritiker der heutigen EU, zeigt Brüssels Vielfalt und macht sich Gedanken über Europas Zukunft.

"Brüssel ist der Ort, wo Politik gemacht wird, die auch in mein Leben in Wien hineinregiert. Es hat mich beschämt, obwohl ich glaube, ein aufgeweckter Zeitgenosse zu sein, dass ich nicht gewusst habe, wie die EU wirklich funktioniert oder warum vieles nicht funktioniert. Ich habe mir gedacht, ich muss nach Brüssel, in den Maschinenraum, in dem meine Lebensbedingungen produziert werden", gibt der österreichische Schriftsteller Robert Menasse zu. Im Frühjahr 2010 zieht er nach Brüssel und wohnt dort mit Unterbrechungen bis 2016, um seinen Roman "Die Hauptstadt" zu schreiben. 2017 wird er dafür mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Das Werk gilt als erster Schlüsselroman über das europäische Einigungsprojekt und die Institutionen der EU.

Inoffizielle Hauptstadt der Europäischen Union
© ORF/Günter Schilhan Das EU-Parlament
Das EU-Parlament
Robert Menasse führt in der Dokumentation zu den Schauplätzen seines Romans und gibt Einblicke in die wichtigsten EU-Institutionen, die in Brüssel ihren Sitz haben.
Brüssel gilt als "Hauptstadt der Europäischen Union, darf diesen Titel aber nicht offiziell führen. Die Stadt mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern ist verwaltungstechnisch eigentlich eine von drei belgischen Regionen - neben Flandern und der Wallonischen Region - und besteht aus 19 verschiedenen Städten mit eigenen Bürgermeistern. Brüssel ist neben den EU-Institutionen auch Sitz der NATO. Brüssel ist eine reiche Stadt, und dennoch lebt ein Drittel der Einwohner unter der Armutsgrenze. Keine andere Großstadt Europas hat einen so hohen Ausländeranteil wie Brüssel. 55% der Bewohner wurden im Ausland geboren. Die meisten Immigranten kommen aus Frankreich, Marokko und Rumänien. 104 Sprachen werden hier gesprochen.

Brüssels prächtige Altstadt ... © ORF/Günter Schilhan Brüssels prächtige Altstadt ...
...das afrikanische Stadtviertel Matonge... © ORF/Günter Schilhan ...das afrikanische Stadtviertel Matonge...
... und der Stadtteil Molenbeek © ORF/Günter Schilhan ... und der Stadtteil Molenbeek

Menasse gibt zu, auf Grund von Medienberichten mit gewissen Vorurteilen vor allem gegenüber dem Beamtenapparat nach Brüssel gekommen zu sein. Doch das Bild hat sich im Laufe der Recherchen gewandelt: "Er ist erstaunlich, welches Misstrauen gegenüber den europäischen Beamten von den Bürgern in den verschiedenen Ländern gepflegt wird. Die Europäische Kommission hat zur Verwaltung eines ganzen Kontinentes weniger Beamte als die Städte Wien, München oder Paris zur Verfügung. Man kann hier keinen Job bekommen, weil man den Schwager eines Tennisclub-Freundes kennt. Man muss ein strenges Auswahlverfahren absolvieren, den "Concours", zu dem jährlich 30.000 Menschen antreten, und nur 100 bis 150 bekommen einen Job. Die meisten sprechen fünf Sprachen und haben Top-Universitäten absolviert. Ich habe große Hochachtung vor diesen Menschen."
Robert Menasse ist vom Grundgedanken des europäischen Einigungsprozesses überzeugt. Er kritisiert jedoch scharf, dass es bis heute nicht gelungen sei, nationale Interessen für ein europäisches Gemeinschaftsprojekt hintanzustellen.

Von Brüssel hat man kein Bild
© ORF/Günter Schilhan Das kennt man von Brüssel: das Atomium
Das kennt man von Brüssel: das Atomium
Der österreichische Schriftsteller hat sich im Lauf der Jahre in die belgische Hauptstadt verliebt, obwohl oder gerade weil man diese Stadt zu wenig kennt und ein falsches oder gar kein Bild von ihr hat: "Wenn man an London, Paris oder Wien denkt, hat man Bilder vor Augen. Von Brüssel hat man kein Bild. Das Atomium oder Manneken Pis sind keine Stadtbilder, sie spielen auch im Alltag keine Rolle. Ich kam zum ersten Mal in meinem Leben in eine Stadt, von der ich nichts wusste, kein Bild hatte und es daher nie ein Déjà-vu gab. Heute liebe ich diese Stadt. Hier verdichten sich in unzähligen Details die Grundwidersprüche unserer Epoche: der Glanz der Grand Place, die großen sozialen Widersprüche, die Gegensätze zwischen Arm und Reich, den Krisengewinnlern und jenen, die zurückbleiben. Das Gefühl, was es heißt Europäer zu sein, empfindet man hier deutlicher als anderswo."

Für den Film unternimmt Robert Menasse einen Streifzug durch die belgische Hauptstadt. Er führt die Zuseher zur Place Sainte-Catherine, wo der Roman "Die Hauptstadt" seinen Anfang nimmt und der Autor seine erste Wohnung hatte, in das EU-Viertel, in das kürzlich eröffnete Haus der Europäischen Geschichte, auf die prachtvolle Grand Place, den Hauptplatz von Brüssel, in das afrikanische Viertel Matonge oder auch nach Molenbeek, wo die Drahtzieher der Terroranschläge von Paris und Brüssel lebten und wo die Bewohner heute gegen das Image eines "Terrornestes" ankämpfen. Menasse trifft für den Film auch interessante Gesprächspartner, wie die EU-Parlamentarier Guy Verhofstadt, Othmar Karas und Elmar Brok, den EU-Kommissar Johannes Hahn, den Sozialarbeiter Johan Leman oder den Künstler Kurt Ryslavy.

Sendedaten
Samstag, 10. November 2018
um 12.05 Uhr
Stereo, 16:9
Credits
Dokumentation von Günter Schilhan, Österreich 2018
Zitat
"Die Europäische Kommission ist die supranationale Institution, die die Gemeinschaftsverträge hütet und die Aufgabe hat, die Gemeinschaftspolitik zu machen. Dennoch wird die höchste Ebene national beschickt, jede Nation hat einen eigenen Kommissar. Das EU-Parlament ist zwar das erste nachnationale Parlament in der Geschichte der Demokratie, aber die Abgeordneten dürfen wir nur über nationale Listen wählen. Im Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs findet sich garantiert immer einer, der aus nationalem Eigensinn oder aus Verteidigung fiktionaler nationaler Interessen ein Veto einlegt. Alle Krisen, die wir heute erleben, gehen letztendlich auf diese unproduktiven Widersprüche zurück. Ich bin ein Künstler, und ich darf träumen. Nach aller Logik ist der Europäischen Rat für ein gedeihliches Weiterwachsen der europäischen Gemeinschaft eigentlich nicht mehr notwendig. Man könnte ihn streichen. Das wird nicht geschehen, das weiß ich schon, aber es wäre schon viel gewonnen, wenn seine Macht zurückgedrängt werden würde."
(Robert Menasse)
Auszeichnung
Robert Menasse erhält Carl-Zuckmayer-Medaille
Robert Menasse wird für seine Verdienste um die deutsche Sprache mit der Carl-Zuckmayer-Medaille 2019 ausgezeichnet.
"Robert Menasse vermittelt in kriitsch-ironischer Weise einen Blick auf politisch und weltgeschichtliche Zusammenhänge. Er schafft dadurch nicht nur unterhaltsame Literatur, sondern regt auch zum Nachdenken an", so dei Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer.
Buchmesse Frankfurt 2017
Menasse gewinnt Deutschen Buchpreis 2017
Der Deutsche Buchpreis 2017 geht an Robert Menasse. Sein Roman "Die Hauptstadt", für den der Österreicher Brüssel und die EU-Bürokratie als Thema wählte, mache "unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können", so die Jury.
Rezension
"Brüssel"
"Vom Dieselskandal der Autoindustrie bis zur Kontroverse um Monsantos Glyphosat - oft bringen erst Skandale ans Licht, in welchem Umfang große Unternehmen mit Hilfe von Lobbyisten versuchen, die EU-Politik zu ihrem Vorteil zu beeinflussen."