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Ruth Mayenburg nach ihrer Flucht aus Österreich bei der Parade zum Ersten Mai 1934 in Moskau
Blaues Blut und rote Fahnen
Ruth Mayenburg: Lebensgeschichte einer Kommunistin
Es war ein Leben zwischen den Extremen: adelige Herkunft, gutbürgerliche Bildung, kommunistische Überzeugung, lebensgefährliche Kriegserfahrung, künstlerische Karriere: Ruth von Mayenburg wurde 1907 geboren, als adelige Industriellen-Tochter.
Bereits bei der Ausrufung der Republik 1918 verlangte die KPÖ, eine der ältesten kommunistischen Parteien der Welt, die Errichtung einer Räterepublik nach sowjetischem Vorbild. Ein Jahr zuvor war in Russland der Zar gestürzt und unter Lenin eine Diktatur des Proletariats begründet worden.

Hochzeit der Adeligen Ruth von Mayenburg mit dem Schriftsteller und Sozialdemokraten Ernst Fischer in Teplitz-Schönau 1932 © ORF/Historisches Archiv ORF Hochzeit der Adeligen Ruth von Mayenburg mit dem Schriftsteller und Sozialdemokraten Ernst Fischer in Teplitz-Schönau 1932
Rotarmist in Moskau © ORF/Historisches Archiv ORF Rotarmist in Moskau

Ihre Erfahrungen als Studentin im "Roten Wien" machten Ruth Mayenburg zur Sozialdemokratin: "Es war ganz natürlich, dass die jungen Leute nach links rückten!" Wie viele Sozialdemokraten schließt sich Ruth Mayenburg nach der Zerstörung der Demokratie und dem Bürgerkrieg 1934 dem Kommunismus an. Ihre Tochter Marina Fischer-Kowalski erinnert sich: "Für meine Mutter war die Sowjetunion das einzige Land, das dem Faschismus ernsthaft die Stirn bot!"

Sowjetische Spionin gegen Nazi-Deutschland
© ORF/Historisches Archiv ORF Ruth Mayenburg bei Dreharbeiten zum Film "Herr Puntilla und sein Knecht Matti"
Ruth Mayenburg bei Dreharbeiten zum Film "Herr Puntilla und sein Knecht Matti"
Ruth Mayenburg arbeitete in den 1930er Jahren als sowjetische Spionin gegen Nazi-Deutschland, bei Kriegsbeginn als Komintern-Mitarbeiterin in Moskau, dann als Agitatorin in der deutschsprachigen Sektion von Radio Moskau, dann an der Front und in den deutschen Kriegsgefangenenlagern. 1945 kehrte sie mit der Roten Armee nach Österreich zurück und wurde Dramaturgin der Wienfilm in der sowjetischen Besatzungszone.
In den langen und oft blutigen Jahren des Kampfes im Widerstand und im Exil hatten viele Kommunisten auf ein vom Faschismus befreites Österreich gehofft: Die kommunistische Widerstandskämpferin Maria Cäsar erzählt im Film von der Gestapo-Haft: "Ich bin fünfzehneinhalb Monate eingesperrt gewesen im Grazer Landesgericht!"

Österreich ist frei - für die Kommunisten galt das bereits 1945
Lisa Schüller, die spätere Russischlehrerin im ORF, erinnert sich an ihre Jugend im Hotel Lux in Moskau: "1945 war endlich der Krieg vorbei - und wir haben die Hakenkreuzfahnen auf dem Roten Platz verbrannt!" Walter Stern aus einer Wiener jüdischen Familie war britischer Soldat und Dolmetscher in Kriegsverbrecher-Prozessen 1945: "Das Überleben hat sich gelohnt - aber das Österreich nach 1945 war auch nicht so, wie wir es uns gedacht haben." Elfriede Stern erzählt vom Überleben als "halbjüdisches" Kind in Wien und von der Freude der Befreiung 1945: "Österreich ist frei! - Das haben wir Kommunisten nicht erst 1955 gesagt, sondern schon 1945!"

Distanzierung vom Kommunismus sowjetischer Prägung
© ORF/Historisches Archiv ORF Ruth Mayenburg vor ihrem Porträt von Rudolf Hausner
Ruth Mayenburg vor ihrem Porträt von Rudolf Hausner
Es folgten lange Jahre der Diskussionen um das Ausmaß des Massenmords unter Stalin und die Menschenrechtsverletzungen der Sowjetunion bei der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 genauso wie des Prager Frühlings 1968. Ruth Mayenburg distanzierte sich bereits in den 1950er Jahren vom Kommunismus sowjetischer Prägung: "Diese kritische Distanz ist immer größer geworden. Ich bin jetzt eine kritische Linke ohne Partei." Ihr erster Ehemann Ernst Fischer brach 1968 völlig mit der KPÖ. Viele andere verließen die Partei oder wurden ausgeschlossen. Die KPÖ selbst aber blieb Moskau-treu, bis zum Ende der Sowjetunion.

In den 1970er Jahren waren vor allem Studenten wieder fasziniert von den Schriften von Marx und Engels - ohne sich deshalb der Sowjetunion verpflichtet zu fühlen. Klaus Eberhartinger, später Sänger der EAV, wollte der teilweise rechtsradikalen Stimmung, die er während seiner Studentenzeit in Graz erlebte, etwas entgegensetzen. Bereits nach einem ersten Auftritt in der DDR war er dann aber wieder auf Distanz zum Kommunismus gegangen. Wie viele andere sieht er seine jugendliche Überzeugung heute so: "Wer mit 20 nicht Kommunist ist, der hat kein Herz! Aber wer mit 40 immer noch Kommunist ist, der hat kein Hirn!" 1981 zog Ruth Mayenburg dann auch öffentlich eine klare Trennlinie zum Sowjetkommunismus. Bereits schwerkrank erlebte sie noch den Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1989, bevor sie 1993 in Wien starb.

Sendedaten
Samstag, 14. April 2018
um 23.15 Uhr
Stereo, 16:9, Videotext-UT
Credits
Dokumentation von Robert Gokl, Österreich 2017
Themenwoche
Visionäre und Utopien
In über 20 Produktionen widmet sich die Themenwoche visionären Denkern und revolutionären Ideen.

8. bis 14. April 2018
Buchtipp
Hotel Lux - Die Menschenfalle
Ruth von Mayenburg

Eine Reise - ein Film von Heinrich Breloer

Ruth von Mayenburg hat über das Leben und Überleben im Hotel Lux ein Buch geschrieben, das die wahre Geschichte über einen schrecklichen Schauplatz der Weltgeschichte erzählt. Gemeinsam mit Heinrich Breloer ist sie 1991, nach 46 Jahren, zurück an den Ort des Geschehens gereist und hat ihm auf den Fluren des ehemaligen Emigrantenhotels gezeigt und beschrieben, wie das Lux funktionierte. Der Filmemacher Breloer hat diese Reise in seinem Film "Wehner - die unerzählte Geschichte" dokumentiert. In diesem nun vorliegenden Buch werden Breloers Reise- und Drehbuchnotizen erstmals zusammen mit Ruth von Mayenburgs Zeitzeugenbericht publiziert.

Suhrkamp, 2011
ISBN: 978-3-938045-60-2
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