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Video online ab 18.10.2018, 6.00 UhrVideo online ab 18.10.2018, 6.00 Uhr
Eigentlich ist die Drau ein italienischer Fluss, sie entspringt in Südtirol und fließt als einer der wenigen italienischen Flüsse nicht Richtung Adria, sondern mündet in die Donau und somit im Schwarzen Meer.
Drau - Ein Fluss zwischen Krieg und Frieden
Die Drau ist einer der größten Tieflandflüsse Mitteleuropas, doch von dem einst frei mäandrierenden Wildfluss ist kaum mehr etwas übrig geblieben. Weite Strecken des Flusslaufes sind begradigt, 22 Wasserkraftwerke ringen dem Strom Energie ab und an seinen Ufern wurde allein im 20. Jahrhundert dreimal Krieg geführt. Nur der Drau-Unterlauf an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien, der jahrzehntelang durch den Eisernen Vorhang abgeschirmt war, ist völlig unberührt.
Im Norden Italiens, in den Sextener Dolomiten, knapp vor der Grenze zu Österreich, entspringt einer der mächtigsten Flüsse Europas - die Drau. Sie durchzieht bis zu ihrer Mündung in die Donau fünf Länder und hat über Jahrtausende die Landschaft und das Leben der Menschen an ihren Ufern geprägt. Die Drau ist mit fast 750 Kilometer Länge einer der größten Tieflandflüsse Mitteleuropas, doch von dem einst frei mäandrierenden Wildfluss ist kaum mehr etwas übrig geblieben. Weite Strecken des Flusslaufes sind heute begradigt, Überschwemmungsgebiete wurden trockengelegt, 22 Wasserkraftwerke ringen dem Strom Energie ab, und an seinen Ufern wurde allein im 20. Jahrhundert dreimal Krieg geführt. Karl Königsbergers "Universum"-Dokumentation "Drau - Ein Fluss zwischen Krieg und Frieden" gibt Einblick in die faszinierende Tierwelt dieses einzigartigen Flusses.

Die Regulierungen fügten der Natur schwere Schäden zu, doch Ende des 20. Jahrhunderts hat man es sich in Österreich zum Ziel gesetzt, den Oberlauf der Drau zu renaturieren. Auf einer Länge von insgesamt 60 Flusskilometern wird rückgebaut, was zuvor begradigt wurde. An solchen naturnahen Abschnitten hat Königsberger Bitterlinge und Huchen bei ihrem Paarungsritual beobachtet. Bitterlinge etwa brauchen langsam fließende Flussabschnitte zur Fortpflanzung, die sie in der begradigten, schnell fließenden Drau nur an wenigen Flecken finden. Huchen, so genannte Donaulachse, leben nur in der Donau und ihren Nebenflüssen und zählen heute zu den seltensten Fischarten der Drau. Denn die Fische müssen im Frühjahr stromaufwärts ziehen, um auf seichten, gut durchströmten Kiesbänken zu laichen. Heute versperren ihnen jedoch Staustufen den Weg auf ihrer Laichwanderung.

Eisvogel © ORF/GOESS FILM Eisvogel
Schwarzstorch © ORF/GOESS FILM Schwarzstorch

Doch immer wieder finden sich an den Ufern der Drau noch völlig ursprüngliche, friedliche Plätze. Der Drauunterlauf an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien etwa war jahrzehntelang durch den Eisernen Vorhang geschützt. Niemand durfte auf einer Strecke von rund 150 Kilometern die Drauufer betreten oder den Fluss mit dem Boot befahren. So blieben in dem damaligen militärischen Sperrgebiet ausgedehnte Auwälder erhalten. Hier brüten Schwarzstörche in der Abgeschiedenheit des Waldes, Seeadler fischen in den Seitenarmen des Flusses, und unzählige Uferschwalben nisten an den Steilufern der Drau. Auf den Sandbänken und Kiesinseln, die aus dem Fluss ragen, brüten Flussregenpfeifer, Fluss-Seeschwalben und die seltenen Zwergseeschwalben.

© ORF/GOESS FILM An den Steilufern der Drau nisten unzählige Uferschwalben.
An den Steilufern der Drau nisten unzählige Uferschwalben.
Weiter stromabwärts bei Osijek wendet sich das Blatt wieder. Hier war es nicht immer so friedlich an den Ufern der Drau. 1991 verlief die Frontlinie im Krieg zwischen Kroatien und Jugoslawien direkt an der Drau. Die Bilder des Balkankrieges sind noch in guter Erinnerung und haben nichts an Aktualität eingebüßt. Tausende Menschen verloren hier Anfang der neunziger Jahre ihr Leben, Abertausende ihre Heimat. Nur mehr ein Viertel der Bevölkerung lebt heute etwa in der zerbombten Stadt Vukovar nahe der Drau. Die Ruinenstadt gleicht einer gespenstischen Filmkulisse. Die Kriegsjahre verlangten auch der Natur einiges ab. Auch die Überschwemmungsebene zwischen Donau und Drau, das Kopacki Rit, war heiß umkämpft. Vor dem Krieg lebten hier rund 6.000 Hirsche, nun schätzt man den Bestand auf kaum ein Zehntel. Und bis heute detonieren hier noch immer Minen, denn der Krieg hat dem Kopacki Rit ein Vermächtnis für Jahrzehnte hinterlassen. Die serbisch-jugoslawischen Truppen und auch die kroatischen verminten weite Teile des Gebiets. Da genaue Aufzeichnungen über die Position der Minen fehlen, weiß niemand, wie viele Sprengkörper noch im Naturpark Kopacki Rit verborgen sind.

Der Mensch hat sich selbst aus diesem Paradies vertrieben. Die Minenfelder werden den Zutritt für viele Jahrzehnte verwehren, die Natur sich selbst überlassen bleiben. Einzig die Wildschweine bewegen sich heute sicher durch das Gelände. Sie machen einen weiten Bogen um die Minen, denn was der Mensch mit keinem Instrument orten kann, spüren sie vermutlich mit ihrem feinen Geruchssinn auf. Für die Vogelwelt ist das Kopacki Rit, unbeeinflusst von den Geschehnissen des Krieges, nach wie vor ein Sammelplatz. Auf der Überschwemmungsfläche des Kopacki Rit konzentrieren sich während der Zugzeit bis zu 1.000 Löffler und 300 Schwarzstörche, 10.000 Blässgänse, 10.000 bis 50.000 Saatgänse, an die 50.000 Enten und 1.000 Silberreiher. Allein die Brutkolonie mit sieben Reiherarten umfasst mehr als tausend Paare, und in keinem Lebensraum Europas leben so viele Seeadler so dicht nebeneinander. Zwanzig Paare sind es, und die Nester sind zum Teil nur einen Kilometer voneinander entfernt. Bislang wurden 275 Vogelarten im Kopacki Rit nachgewiesen. Die Kormorane gehören mit fast 2.000 Brutpaaren zu den am stärksten vertretenen Arten.

Nach 750 Kilometern kann sich die Drau schließlich im Mündungsgebiet zumindest teilweise der Umklammerung durch den Menschen entziehen. Der Mensch hat gegen den Fluss auf seinem Weg durch fünf Staaten viele kleine Kriege geführt. Er hat den Lauf der Drau nach seinen Wünschen gestaltet, ihre Energie genutzt, und ihre Mündung in die Donau ist noch immer gezeichnet vom Vermächtnis des Balkankonflikts. Aber gerade hier hat sich der Mensch selbst in die Schranken verwiesen. Und eines ist gewiss: Die Natur wird ihre Chance nützen.Sieben Jahre lang waren der Schweizer Kameramann Markus Zeugin und der ungarische Ornithologe László Beczy den Seeadlern, Schwarzstörchen, Fluss- und Zwergseeschwalben in den ungarisch-kroatischen Drauauen auf der Spur. Sie brachten Wochen und Monate in der Wildnis zu und näherten sich den scheuen Vögeln in Tarnzelten und mit ferngesteuerten Kameras. Um die Aufzucht der jungen Schwarzstörche und Seeadler zu dokumentieren, wurden in Abwesenheit der Vögel Spezialkameras mit Seilzügen in die Baumkronen gehoben und dort fix montiert. Die Filmaufnahmen entstanden anschließend durch Fernsteuerung, um die Vögel nicht bei ihrem Brutgeschäft zu stören. Die mühevolle Kleinarbeit und das persönliche Engagement der Tierfilmer haben sich bezahlt gemacht. Kaum jemand anderer konnte so viel "hautnahes" Material über diese seltenen Vogelarten sammeln wie der gelernte Optiker Markus Zeugin, den erst die Liebe zur Natur zum Naturfilmer gemacht hatte.

Anfang 1998 stieß der Regisseur Karl Königsberger zu dem schweizerisch-ungarischen Team, um die über Jahre hinweg entstandenen Tieraufnahmen in eine Dokumentation über den gesamten Lauf der Drau einzubauen. Er beobachtete gemeinsam mit dem engagierten österreichischen Amateur-Naturfilmer Gerhard Pock Huchen und Bitterlinge bei der Fortpflanzung, dokumentierte die Geburt von Kreuzottern im Kopacki Rit und drang mit Markus Zeugin ins Innere der Steilwände an der Drau ein, um bei der Fütterung der jungen Uferschwalben mit der Kamera hautnah dabei zu sein. Für die Landschaftsaufnahmen zeichneten die Kameramänner Josef Neuper und Herbert Königsberger verantwortlich.

Sendedaten
18./19. Oktober 2018
um 3.35 Uhr
Stereo, 4:3, Videotext-UT
Credits
Dokumentation von Karl Königsberger, Österreich 1999
Info