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Trotz aller Repressionen fanden sich immer wieder Mutige, die weitererzählte Witze aufschrieben und sammelten!
Hitlers Angst und Görings Lederhose
Kabarettist Alfred Dorfer erzählt und interpretiert Flüsterwitze aus der Nazizeit
"Ein Volk, ein Reich, ein Führer." Mit gigantischen Massenchoreografien inszenierte die NS-Tyrannei ihren ideologischen Ernst und ihr Machtmonopol. Die öffentliche Selbstdarstellung des Regimes bestand überwiegend aus dem Gestus des Heroischen. Selbsternannte Erlöser lachen nicht oder nur selten. In den Wochenschauaufnahmen sieht man den "arischen Missionar aus Braunau" meist mit bierernster Miene. Alleine das ist schon zum Lachen.
Die Dokumentation "Hitlers Angst und Görings Lederhose - Flüsterwitze im Nationalsozialismus" von Christian Rathner behandelt ein bisher wenig beachtetes Thema der Zeitgeschichte: regimekritische Flüsterwitze, die in der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft kursierten. Erzählt und interpretiert werden sie vom prominenten Kabarettisten Alfred Dorfer, der 2016 mit dem renommierten Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde.

Lebensgefährliches Witze erzählen
Witze zu erzählen, geschweige denn sie aufzuschreiben und zu sammeln konnte während der NS-Diktatur äußerst gefährlich werden, daher der Begriff "Flüsterwitze". Wie strikt Beleidigungen der braunen Eliten geahndet wurden, zeigt folgender Witz: "Was gibt es für einen neuen Witz? Mindestens ein Jahr Dachau." Wer ertappt wurde, wurde nach dem Heimtücke-Gesetz abgeurteilt, musste mit Gefängnis oder Konzentrationslager rechnen, im schlimmsten Fall wegen Wehrkraftzersetzung mit dem Todesurteil. Trotzdem gab es Mutige, die erzählte Witze aufgeschrieben und damit für die Nachwelt erhalten haben.

Witze Tagebücher der NS-Zeit
© ORF/Hubert Mican Kabarettist Alfred Dorfer führt durch die Sendung!
Kabarettist Alfred Dorfer führt durch die Sendung!
Die Flüsterwitze begleiteten das NS-Regime durch alle seine Phasen: vom März 1938 bis zum Kriegsende 1945. Sie schilderten den zunehmend angstbesetzten Alltag in der Diktatur. Etwa der: "Hitler hat nach dem Einmarsch im März 1938 drei neue Feiertage einführt: Maria Denunziata, Maria Haussuchung und Maria Gefängnis." In den Kriegsjahren wurde die Lebensmittelversorgung immer schwieriger, es waren Zeiten zunehmender Mangelwirtschaft. Man hat nicht mehr viel, außer Überlebenswillen, Galgenhumor und Luftschutzkeller. Die beinahe täglichen Bombardements durch Briten und Amerikaner kündeten vom nahenden Untergang des Führerstaates. Daher wurde auch die immer schwierigere Versorgungslage aufs Korn genommen.

Die Witze sind Indikatoren für Stimmungen, gewandelte Begeisterung, Belege für Repression, Verfolgung und Tod, für Kriegsmüdigkeit und Rassenwahn, eine Art begleitendes Meinungsbarometer des Volkes. Sie sind Tagebücher der NS-Zeit. Sie entlarven die Lügen der NS-Propaganda, sie kommentieren gallig den von Hitler entfachten Krieg, der von den propagandistischen Endsieg-Fantasien ins Desaster führte. In Witzform gegossen: "Was ist der kürzeste Witz der Welt? Die Antwort: ,Endsieg'." Die mächtigen Nazi-Herrscher sollen so entzaubert und als Witzfiguren dargestellt werden. Eigentlich sind sie Massenmörder und alles andere als lustig, aber eben auch lächerlich: "Hitler, der Mächtige. Göring, der Prächtige. Goebbels, der Schmächtige."

Zeitzeugen erinnern sich
Alfred Pietsch (91), Zeitzeuge aus Wien auf der Wiener Mariahilferstraße, wo er als „Pimpf“ Hitler vorbeifahren sah.  © ORF Alfred Pietsch (91), Zeitzeuge aus Wien auf der Wiener Mariahilferstraße, wo er als „Pimpf“ Hitler vorbeifahren sah.
Felix Ecke alias Ralph Wiener (92), aus Lutherstadt Eisleben (Deutschland) und Autor des Buches "Als das Lachen tödlich war", hat während des Krieges lange Zeit in Wien gelebt. © ORF Felix Ecke alias Ralph Wiener (92), aus Lutherstadt Eisleben (Deutschland) und Autor des Buches "Als das Lachen tödlich war", hat während des Krieges lange Zeit in Wien gelebt.

Darf man über dieses Terrorregime überhaupt lachen?
Die Flüsterwitze der NS-Zeit entstanden selten an der Front, noch viel weniger im KZ. Sie wurden überwiegend an der sogenannten "Heimatfront" erfunden, weitererzählt und gesammelt. Der Vernichtungskrieg mit seinen massiven Kriegsverbrechen, mit Folter, Vertreibung und Erschießung von Zivilisten, mit Pogromen und Ghettos bleibt überwiegend ausgespart. Für den Holocaust, den Massenmord in den Vernichtungslagern, für die Tötung "lebensunwerten Lebens" und viele andere Massenverbrechen gibt es mit guten Gründen keine Pointen. Ein Witz hat es allerdings aus dem KZ in die Witzesammlungen geschafft: Dort erkennt ein Jude das Glasauge eines SS-Mannes daran, dass es so menschlich aussieht ... Die sogenannten Arier hatten die Wahl zwischen Mitmachen, Anpassung, Aufstieg oder innerer Emigration, die Juden letztlich nur die Wahl zwischen Leben und Tod. Eben daraus destilliert die Dokumentation auch die grundsätzliche Frage: Darf man über dieses Terrorregime überhaupt lachen?

Flüsterwitze sind Waffen des Geistes wider das System, sie waren Subversion, aber auch eine Form des Widerstandes. Diese heiteren Miniaturen haben einen erhellenden Informationswert in Bezug auf die psychologische Auswirkung von Propaganda und Terror auf das Individuum. Die Naziherrschaft haben sie selbstverständlich ebenso wenig wie der politisch-militärische Widerstand zu Fall gebracht. Sie dienten überwiegend als Ventile. Trotz der vielen, auch immer subversiveren bis Kriegsende kursierenden "Führer-Witzen" kann nicht automatisch auf eine Distanzierung des Volkes von Adolf Hitler geschlossen werden. Loyalität und Solidarität sollten Konstanten bis zum Ende bleiben.

Witze oder Wortspiele, die gleich zu Anfang der neu proklamierten Zweiten Republik entstehen und nun nicht mehr mit dem Tod sanktioniert werden, machen deutlich, dass die sogenannte Opferthese nicht nur einer Lebenslüge im staatspolitischen Identitätskatalog der Zweiten Republik gleichkam, sondern der Wahrnehmung der überwiegenden Mehrheit der Österreicher entsprach: "Wer hat uns verführt? Der Hitler. Wer hat uns beherrscht? Der Hitler? Wo ist er jetzt? Tot. Gott sei Dank, wir leben noch." Die Schuld an Rassenwahn, Krieg und Zerstörung wird primär auf die NS-Führung fokussiert. In Witze verpackte Selbstkritik oder Reflexionen über die eigene Mitverantwortung gibt es nicht. Die Eliten haben die Massen verführt: "Warum muss man die Bäume schonen? Damit man die Nazibonzen daran aufhängen kann."

In Christian Rathners Dokumentation "Hitlers Angst und Görings Lederhose" erzählt und interpretiert Kabarettist Alfred Dorfer Flüsterwitze aus der Nazizeit. Zeitzeugen steuern Erinnerungen bei. Brigitte Bailer, ehemals Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands, erläutert die zunehmend verschärften juristischen Sanktionen gegen die Witze-Erzähler, und der Wiener Schriftsteller Doron Rabinovici beleuchtet den jüdischen Witz im Angesicht des Grauens.

Sendedaten
Dienstag, 20. Februar 2018
um 22.25 Uhr
Stereo, 16:9, Videotext-UT
Credits
Dokumentation von Christian Rathner, Österreich 2016
Zitate
"Hitler hat jetzt die Sahara gekauft, was glaubst du warum? Um den deutschen Volksgenossen noch mehr Sand über den Endsieg in die Augen streuen zu können."

"Hitler, Göring, Himmler und Goebbels sitzen im Luftschutzbunker. Ein Volltreffer. Wer überlebt? Na wir!"
Info
Reinhard Müller (Hrsg.)
Auf Lachen steht der Tod!
Österreichische Flüsterwitze im Dritten Reich

Hanna Dauberger und Minni Schwarz schufen 1946/47 mit der Veröffentlichung ihrer Sammlungen die wichtigste Quelle zum Flüsterwitz in Österreich während des Dritten Reiches.
Studienverlag
ISBN: 978-3-7065-4719-2

Ralph Wiener
Als das Lachen tödlich war
Erinnerungen und Fakten 1933 - 1945

Greifenverlag 1988
ISBN-13: 978-3735201140
Sendung zum Thema
Was ist schöner: Sex oder Sozialismus? - Flüsterwitze im Kommunismus
Diese Frage, was nun schöner sei - "Sex oder Sozialismus?" - wird im zweiten Teil des Zweiteilers über Witze in totalitären Systemen selbstverständlich beantwortet, und zwar von keinem Geringeren als dem bekannten Kabarettisten Alfred Dorfer, der auch durch die Dokumentation über "Flüsterwitze im Kommunismus" führen wird.

Dienstag, 20. Februar 2018, 23.14 Uhr
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