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Heinrich Böll, Ansichten eines Anarchisten
Mithilfe von bisher unveröffentlichten Auszügen aus Kriegstagebüchern und Briefen Bölls geht der Film der Frage nach, was der große Mahner mit der Baskenkappe uns heute noch zu sagen hat. Dabei erlebt der Zuschauer einen erstaunlich modernen Dichter und Denker.
Die 3sat Dokumentation von 2017 sucht zu Bölls hundertstem Geburtstag in seinen Kriegs- Tagebüchern nach Antworten, die Dokumente sind in jenem Jahr erstmals zugänglich. Eine kleine Sensation. Heinrich Böll wollte sie zeitlebens unter Verschluss halten. Warum nur, denn nur ein paar Zeilen darin zu lesen reicht, dann ereignet sich etwas, was Generationen zuvor fasziniert haben muss, was man nicht groß erklären braucht: Bölls einzigartige Sprache. Und sofort wird der vor dreißig Jahren verstorbene Autor wieder aktuell: Wie übersteht man psychisch einen Krieg, wenn man ihn überlebt hat? In Anbetracht so vieler Kriege weltweit, eine ganz wichtige Frage. Eine, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Tagebücher Heinrich Bölls aus den letzten Jahren des Krieges zeigen, was den jungen Soldaten beschäftigte. "Ich habe Angst vor dem Leben und stelle fest, dass ich die Menschen hasse! 155 Tage Hölle." Böll, der zu keinem Zeitpunkt ein Anhänger Hitlers war, gab dort stichwortartig Soldatenalltag zu Protokoll. Seelenkritzel, die ihn aus dem dunklen Labyrinth des Krieges führten. "Durch den Krieg wurde ich zum Verächter der Männlichkeit", gibt Böll später in einem Interview zu. Auch die 2001 veröffentlichten "Briefe aus dem Krieg" an seine Frau Annemarie dokumentieren eindrucksvoll, wie sehr aus einem naiven Mitläufer ein überzeugter Kriegsgegner wurde.

Lebenslauf

1917 Heinrich Böll wurde am 21. Dezember 1917 in Köln geboren
1939 – 1945 Infanterist im Zweiten Weltkrieg
1942 Eheschließung mit Annemarie Čech aus Pilsen
1945 nach amerikanischer und englischer Kriegsgefangenschaft Rückkehr nach Köln
1946 Fortsetzung des Studiums der Germanistik
1947 Erste Erzählungen und Hörspiele wurden veröffentlicht
1949 Erste Publikation in Buchform: »Der Zug war pünktlich« (Erzählung)
Niederschrift des Romans »Der Engel schwieg«, der erst 1992 veröffentlicht wurde
1953 Roman "Und sagte kein einziges Wort".
1963 Veröffentlichung der "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral", in der Böll die Werte des deutschen "Wirtschaftswunders" ironisierte
1964 Poetik-Vorlesungen an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main
1970 – 1972 Präsident des PEN-Clubs Deutschland;
1971 – 1974 zudem Präsident des internationalen PEN
1972 Nobelpreis für Literatur
1976 Austritt aus der Katholischen Kirche
1980 Unterzeichnung des »Krefelder Appells« gegen den NATO-Doppelbeschluss
1981 Teilnahme an der Bonner Friedensdemonstration am 10. Oktober
1983 Teilnahme an der Sitzblockade des US-Militärstützpunkts Mutlangen gegen die Pershing-2-Raketen
1985 Tod am 16. Juli 1985

"Neben Thomas Mann war der Nobelpreisträger Heinrich Böll der geistige Repräsentant des 20. Jahrhundert", so sein Biograf Ralf Schnell. Bis heute steht er emblematisch für den "guten Deutschen", den "linken Protest"; und den "politischen Dichter". Doch so einfach einem diese Zuschreibungen einfallen, bei genauerer Betrachtung verdecken sie den anderen Böll, den, der sich in den Tagebüchern und den Briefen an seine Frau lange versteckt hielt und nur selten so offen über seine tiefen Überzeugungen sprach. Man konnte es aber ahnen, aus welcher Quelle Böll schöpfte, wenn er sich mit Konrad Adenauer auseinander setzte, dem politischen Protagonisten der jungen Bonner Republik - und eine Art Gegenfigur zu Böll, dann zeigte sich nämlich sein ganz persönliches christliches Glaubensverständnis. Ein Glaube, der sich an dem Urchristentum orientierte und manchmal fast konservative Züge trug.

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Sonntag, 16. Dezember 2018,12.10 Uhr
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