© ave_guenter_merz
Das Berliner Künstler-Kollektiv "Peng!" bei seiner "Preisverleihung"
Das Berliner Künstler-Kollektiv "Peng!" bei seiner "Preisverleihung"
Die Kunst der Provokation
Ein Künstlerkollektiv macht Demokratie
Was kann Kunst leisten in aufwühlenden Zeiten voller gesellschaftlicher Unsicherheiten? Das Berliner Kollektiv "Peng!" hat seine eigene Antwort darauf gefunden. 3sat hat "Peng!" begleitet.
© ave_guenter_merz Ein Preis - "für Sicherheit und Frieden 2017"? Wer soll den denn bekommen?
Ein Preis - "für Sicherheit und Frieden 2017"? Wer soll den denn bekommen?
Dem Berliner Kollektiv aus Künstlern, Handwerkern, Wissenschaftlern und Aktivisten geht es um Aufklärung und darum, gesellschaftliche Debatten anzustoßen, Themen neu und vital zu diskutieren. Die Aktivisten unterwandern mit falschen Identitäten seit 2013 Veranstaltungen: Ihre akribisch vorbereiteten Fake-Inszenierungen haben bereits Energieriesen getroffen und Ölkonzerne, die AfD, Google und einen Esoteriksender. Nun stellen sie sich einem neuen, mächtigen Gegner: der deutschen Waffenindustrie.

Deutschland möchte als friedliebendes Land gelten, ist aber auch auf dem Gebiet der Waffenlieferungen Exportweltmeister. Ein Widerspruch, auf den die Aktivisten von "Peng!" aufmerksam machen möchten. Über Monate haben sie eine koordinierte Aktion gegen unterschiedliche Zulieferer der Waffenindustrie vorbereitet, der Höhepunkt ihrer mehrstufigen Inszenierung: die Verleihung eines Fake-Friedenspreises an einen echten Rüstungskonzern.

Peng!-Aktion: Eskalationsstufen im Protest gegen die Waffenindustrie

27. April 2017 Verleihung des (fiktiven) ersten deutsch-französischen Preises für Frieden an die Waffenindustrie. Im 14. Stock eines Berliner Hotels. Der einzige Vertreter der Waffenindustrie, der der Einladung gefolgt ist, wird misstrauisch und verlässt nach kurzer Zeit die Veranstaltung, ohne den Preis entgegen genommen zu haben.
Eine 50.000 Euro teure Kunstaktion und Höhepunkt monatelanger Arbeit. Gestecktes Ziel der Kunst-Aktivisten: eine Änderung des Kriegswaffenkontrollgesetzes. Die Bundeskulturstiftung finanziert die Aktion als Teil einer auf zwei Jahre angelegten Kooperation mit dem Schauspiel Dortmund mit rund 150 000 Euro. Als Teil von Dutzenden weiteren bundesweiten Kooperationen "unterschiedlichster künstlerischer Ausrichtung", so die Stiftung.

Ende April 2017 Das Künstlerkollektiv Peng! verschickt in die USA im Namen von Heckler & Koch Briefe an Waffenhändler. Darin erklärt ein angeblicher Heckler & Koch-Abteilungsleiter für den transatlantischen Vertrieb die Einstellung von Waffenlieferungen in die USA zum 1. Mai. Gleichzeitig wird eine Rückrufaktion aus moralischen Gründen formuliert: Durch die unberechenbare Außenpolitik unter Präsident Donald Trump sehe man die USA nicht mehr als sicheres Ziel für Waffenexporte an.

2. Mai 2017 Veröffentlichung der Website des gefakten CDU-Ortsverbandes Schwenke. Dessen angebliche Vorsitzende Brigitte Eberbach fordert dort ein Ende der deutschen Exporte von Schusswaffen. Der Hashtag #cdumitgefuehl trendet auf Twitter. Über den Aufruf des Ortsverbandes an die Kanzlerin "im Namen unserer christlichen Werte für den Exportstopp von Kleinwaffen" einzutreten, wird auch international berichtet, u.a. von der Washington Post, Radio Vatikan und der New York Times.

9. Mai 2017 Das Künstlerkollektiv Peng! entert die Aktionärsversammlung des Düsseldorfer Panzerbauers Rheinmetall in Berlin und übergibt dort den Friedenspreis in der Kategorie "Global Franchise".

21. Juni 2017 Gala "Grundgesetz Galore". Im Megastore des Schauspiel Dortmunds berichtet Peng! über die Arbeit des Kollektivs, die Entwicklung der Aktionen und stimmt gemeinsam mit dem Publikum über verschiedene Gesetzesentwürfe zur Rettung des Artikels 26 Kriegswaffenkontrollgesetz ab. Der ARTIKEL 26 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet zum Frieden - und macht Produktion, Transport und Export von kriegsgefährdenden Waffen genehmigungspflichtig. Die Veranstaltung wird live ins Netz übertragen.


3sat hat "Peng!" in den vergangenen Monaten während der Vorbereitung ihrer Aktionen intensiv begleitet und blickt erstmals hinter die Kulissen der Aktivisten, beleuchtet Scheitern und Triumphieren im Kampf für ihre Sache.

Herausgekommen ist nicht nur ein Blick durchs Schlüsselloch, sondern auch ein Porträt zeitgenössischer Aktionskunst. Die Aktivisten von "Peng!" verstehen sich als Teil einer weltweiten Szene, die sich dem zivilen Ungehorsam verschrieben hat. Die Methoden und Techniken der einzelnen Akteure sind dabei sehr unterschiedlich, ihre Ziele teilweise deckungsgleich.

Für viele "Peng!"-Mitglieder sind beispielsweise die "Yes Men" ein wichtiger Referenzpunkt, ähnlich wie der zu früh verstorbene Christoph Schlingensief oder auch die russische Punkrock-Band Pussy Riot. Mit dem "Zentrum für politische Schönheit" aus Berlin gibt es zwar zahlreiche thematische Berührungspunkte, doch trennt die Akteure ein unterschiedliches ästhetisches Selbstverständnis. Die dadurch aufgeworfene Frage, die sich auch in der Dokumentation stellt: Geht es bei politischer Aktionskunst mehr um den Zauber des Moments oder können virale Kampagnen tatsächlich nachhaltig wirken?

Die Dokumentation "Die Kunst der Provokation" von Thomas Lauterbach beobachtet die Aktivisten bei ihren geheimen Vorbereitungen und der Durchführung ihrer jüngsten Aktionen. Warum engagieren sie sich lieber in provokativen Inszenierungen als in politischen Parteien? Ist der Begriff der Kunst nur eine Art Feigenblatt für politischen Aktivismus und wo verläuft dabei die Grenze zwischen Kunst und Politik? Wie sehen diese jungen engagierten Aktivisten unsere Demokratie?

Zitategalerie - "Freiheit, Kunst, Provokation"



Sendedaten
Mittwoch, 23. August, 21.15 Uhr

Film von Thomas Lauterbach

45 Minuten
Erstausstrahlung
Themenwoche
zurück zur Übersicht
Beiträge zum Thema
Kunstaktion
"Flüchtlinge fressen"
Die Aufsehen erregende Aktion des "Zentrums für Politische Schönheit"
© reutersVideoKulturzeit extra: Christoph Schlingensief - Nachruf
© dpaVideo"2099" - Theater, das an die Grenzen geht
© Kobalt Productions GmbHjpgVideoCesy Leonhard vom Zentrum für Politische Schönheit