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Gottfried Küssel bei Wehrsport-Übung Anfang der Neunzigerjahre - derzeit ist er verurteilt und inhaftiert wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung.
Gottfried Küssel bei Wehrsport-Übung Anfang der Neunzigerjahre - derzeit ist er verurteilt und inhaftiert wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung.
Trotz Verbot nicht tot
Die rechtsextreme Szene Österreichs seit 1945
"Wir sind das Volk!" lautet der Schlachtruf neuer rechtspopulistischer und rechtsextremer Gruppierungen wie Pegida oder Identitäre Bewegung. Die Verunsicherung durch Wirtschaftskrise, Migration, Moschee-Diskussionen und islamistischen Terror soll zum neuen Nährboden alter, längst überwunden geglaubter Ideologien werden.
Und dafür werden sie dem Zeitgeist angepasst: Aus Antisemitismus wurde Antiislamismus, aus "Umvolkung" "Austausch", aus Versammlungen in Wirtshaus-Hinterzimmern wurden Internet-Foren und Social-Media-Kampagnen. In den düsteren Winkeln des Internets wuchern auch rechtsradikale Gewaltfantasien und motivieren zu realen Ausschreitungen - im Fall Anders Breivik, des ersten rechtsradikalen Internet-Terroristen, bis hin zum Massenmord. Robert Gokl analysiert in der Dokumentation "Trotz Verbot nicht tot" die Geschichte des Rechtsextremismus in Österreich - von den Nachkriegsjahren bis heute.

Die neuen Sündenböcke
Rechtsextremismus und Neonazismus sind die rassistisch-ideologische Umsetzung der Sündenbock-Psychologie. Das wird auch anhand der Definitionskriterien für den Rechtsextremismus deutlich, der sich wie die braune "Mutterideologie" stark biologistisch definiert. Im Mittelpunkt steht die eigene "Rasse", heute oft euphemistisch die eigene "Kultur" genannt. Sie muss freigehalten werden von allem Fremden, sonst droht "Überfremdung" und damit der Verlust der eigenen, biologistisch definierten Identität. Zu den bisherigen antisemitischen Stereotypen kommen seit den 1980er Jahren die "Ausländer", nach den "Gastarbeitern" die Migranten aus Süd- und Osteuropa. Heute werden die Migranten vor allem aus Afrika oder Asien zu neuen "Sündenböcken" für die gezielte Angstpolitik des Rechtsextremismus.

Ehrenwache am Grab des NS-Propagandahelden Walter Nowotny 1957 © ORF Ehrenwache am Grab des NS-Propagandahelden Walter Nowotny 1957
Burger auf NDP-Veranstaltung 1976 © ORF Burger auf NDP-Veranstaltung 1976
Ulrichsberg-Treffen/Kärnten  1979 © ORF Ulrichsberg-Treffen/Kärnten 1979

Von antisemitischen Ausschreitungen bei der Schiller-Feier 1959 oder den Borodajkewycz-Demonstrationen 1965 zieht sich diese rassistische Sündenbock-Strategie über Burgers NDP, die ANR, Honsiks Auschwitz-Lüge und Küssels Wehrsportgruppen bis zu den Skinheads der 1990er Jahre und der "neuen Rechten" von heute. Nicht ohne Grund bekam die damalige Haider-FPÖ Applaus von der extremen Rechten, wenn sie "fleißige Österreicher" "ausländischen Sozialschmarotzern" gegenüberstellte und über "Österreich zuerst" abstimmen ließ. Davon distanzierte man sich zwar ebenso wie von Entgleisungen aus den eigenen Reihen, doch hier trafen sich die unterschiedlich radikalen Sündenbock-Strategien. Auch der Aussage des mittlerweile tödlich verunglückten ehemaligen Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider von der "nationalen Missgeburt" wurde breites Lob vom deutschnational-rechtsextremen Rand gezollt, ebenso seinem Auftritt vor Waffen-SS-Veteranen in Krumpendorf.

Ein ehemaliger Skinhead erinnert sich
© ORF Neo-Nazi-Tätowierungen
Neo-Nazi-Tätowierungen
"Es hätte Tote gegeben, entweder sie oder ich! Ich hatte nichts mehr zu verlieren!", erinnert sich Mike an seine Zeit als Skinhead Anfang der 1990er Jahre, als er nur mehr mit Schusswaffe aus dem Haus ging, um jederzeit für seinen Kampf gegen Ausländer, Punks oder Polizei gerüstet zu sein. Heute engagiert er sich in der Resozialisation von gefährdeten Jugendlichen und erzählt, wie er zum Neonazi wurde. "Die Fremdenfeindlichkeit ist das verbindende Element der Neonazi-Szene - von gewaltbereiten Skinheads bis hin zu rechtsreaktionären Ideologen!" Thomas Kuban (Deckname) hat mehr als zehn Jahre lang undercover in der Neonazi-Szene recherchiert - auch in Österreich. Sein Befund: "Die Nazi-Szene boomt! Es gibt heute Zigtausende Nazis in Europa, die in einer Art geheimer Parallelwelt leben!" Es ist ein bizarrer Nazi-Lifestyle mit Nazi-Musik und Nazi-Mode, der seit den 1990er Jahren weltweit über das Internet verbreitet wurde und auch zu einem lukrativen Geschäft wurde. Die aktuelle Fassade einer rechtsextremen Szene, die seit 1945 immer wieder ihr Äußeres, nie aber ihre Ideologie änderte.

Im 21. Jahrhundert formiert und internationalisiert sich der Rechtsextremismus über das Internet, haben die rechtsextremen Traditionen der Vergangenheit längst neue Gestalt angenommen, von rechtsradikalen Zeitschriften wie "HALT" oder "SIEG" hin zu Internet-Plattformen wie "alpen-donau.info". Eine junge Generation von Neonazis nutzt Facebook und WhatsApp zwecks Rekrutierung von Gleichgesinnten und Demo-Organisationen. Unter gewaltbereiten Fußballfans und in der Rechtsrock-Szene wurde hier geübt, was dann in der breiten Verunsicherung durch die Weltwirtschaftskrise seit 2008 und die Migrationssituation nach dem Bürgerkrieg in Syrien bis in die Mitte der Gesellschaft ausstrahlte.

Robert Gokl analysiert in "Trotz Verbot nicht tot" die rechtsextreme Szene Österreichs seit 1945. Und geht der Frage nach, warum Revisionismus, Antisemitismus und Rassismus bis heute gerade auch für manche jungen Menschen eine Faszination ausüben - nach Jahrzehnten des Verbots.

Sendedaten
Dienstag, 22. August 2017
um 23.55 Uhr
Stereo, 16:9, Videotext-UT
Credits
Dokumentation von Robert Gokl, Österreich 2017
Themenwoche
Demokratie-Dämmerung
Was ist los mit unserer Demokratie? 3sat hinterfragt in 17 Beiträgen, darunter acht Erstausstrahlungen, wie es um unsere Demokratie steht.

21. bis 26. August 2017